Wie trägt Religion zu wirtschaftlichem Wachstum bei?

Geldmünzen neben Bibel
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Wirtschaftswachstum bezeichnet die Zunahme der wirtschaftlichen Leistung eines Landes über einen bestimmten Zeitraum. Die am häufigsten verwendete Messgröße hierfür ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP).
Forschung der Rockwool Stiftung
Wie trägt Religion zu wirtschaftlichem Wachstum bei?
Die Rolle der Religion für Wachstum, Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung ist größer als gedacht, so das Ergebnis eines Research Insights, den die Rockwool Foundation Berlin (RFBerlin) veröffentlicht hat. Diese Gründe sprächen dafür.

"Religion wirkt über zentrale wirtschaftliche Abläufe: über Sparen und Finanzverhalten, über Bildung, über Kinderzahl und Arbeitsangebot, über technische Offenheit, gesellschaftliche Normen und politische Institutionen", sagt RF-Berlin-Projektleiter Sascha Becker. Die Rockwool Foundation in Berlin veröffentlichte im Mai ihren Erkenntnisbericht mit dem Titel "Religion and Economic Growth: What We Know and Why It Matters." Er befasst sich mit dem Zusammenhang von Religion und Wirtschaftswachstum. 

Für Becker sei "die Botschaft ebenso einfach wie unbequem für ein immer weniger religiöses Europa: Wer Religion für einen Randfaktor hält, übersieht einen Teil der Tiefenstruktur unserer Gesellschaften." Ganze Finanzsysteme seien durch religiöse Vorgaben mitbestimmt worden, heißt es in dem Bericht.

Beispielsweise hätten historische Einschränkungen beim Zinsgeschäft die Entwicklung von Banken und großen Handelsstrukturen in manchen Regionen langfristig gebremst. So habe die katholische Kirche die Wucherzinsen auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 n. Chr. verboten, während das islamische Recht die Riba (Zinsen) komplett untersagte.

Auch die Bildung wird von Religion beeinflusst, so ein weiteres Ergebnis der  Forschung. Die protestantische Reformation beispielsweise habe den Menschen einen massiven Bildungsvorteil geschaffen, indem sie das allgemeine Bibellesen förderte. Martin Luthers Beharren darauf, dass jeder Christ die Heilige Schrift lesen sollte, habe dazu geführt, dass protestantische Gebiete ein flächendeckendes Schulwesen für Jungen und Mädchen einrichteten. Infolgedessen hätten die protestantischen Gebiete Preußens im 19. Jahrhundert deutlich höhere Alphabetisierungsraten aufgewiesen als die katholischen Regionen. In anderen religiösen Formen, so heißt es weiter, hätten Religionsvorgaben aber auch die Bildung geschmälert.

Die Zahl der Kinder

Eine weitere Erkenntnis: Religion wirke sich auf die Familiengröße aus und so auch auf das Arbeitskräfteangebot in einer Region. Religiöse Lehren und Praktiken hätten in der Geschichte demografische Übergänge mitgeprägt und damit auch das Pro-Kopf-Wachstum beeinflusst. So habe beispielsweise die Einhaltung der talmudischen Lehren zum Stillen im Judentum dazu geführt, dass es in den Jahren von 1500 bis 1930 zu einer deutlich niedrigeren Säuglingssterblichkeit kam, als bei den europäischen Christen, trotz ähnlicher Geburtenraten.

Religion wirke sich aber auch Innovation und Produktivität aus. Religiöse Toleranz könne Erfindungen fördern, religiöse Abschottung oder Verfolgung könne Wissen und wirtschaftliche Dynamik dagegen schwächen.

Religiöse Prägungen wirken lange nach

Religiöse Institutionen wirkten oft über Jahrhunderte fort, stellen die Forscher fest. Auch wenn sich Glaubenspraktiken änderten, blieben die Folgen in Schulen, Finanzsystemen, Familienmustern und politischen Institutionen sichtbar. Selbst in Gesellschaften, die Religion gern für überholt halten, wirke sie weiter – leise, verborgen und oft gerade dort, wo man sie am wenigsten vermute, schreiben Becker und  seine Ko-Autoren Jared Rubin und Ludger Wößmann.

"Religiöse Vorstellungen prägen, was Menschen für richtig halten, wie stark sie Zukunftsvorsorge betreiben, welche Rolle Familie und Bildung spielen, und wie Gemeinschaften Autorität, Vertrauen und Wandel bewerten", sagt Becker, der auch Professor an der Universität Warwick ist. "Das alles hat wirtschaftliche Folgen: Religion kann Wachstum fördern – etwa, wenn sie Bildung, Verlässlichkeit oder langfristiges Denken stärkt. Sie kann Wachstum aber auch hemmen – etwa, wenn sie Innovationen blockiert, Konflikte verschärft oder Hierarchien verfestigt."

Religion als Wachstumsfaktor aufnehmen

Für die Autoren sei dies gerade in Europa aktuell. Denn der Kontinent verstehe sich gern als modern, aufgeklärt und zunehmend postreligiös. Doch seine Feiertage, seine Wirtschaftsordnung, seine Bildungslandschaften, sein Vereinswesen, selbst seine Vorstellungen von Arbeit, Armenfürsorge und sozialer Verantwortung seien historisch ohne Religion kaum zu begreifen. Vieles davon wirke fort, auch dort, wo der Glaube im Alltag an Sichtbarkeit verloren habe.

Die Erkenntnisforscher aus Berlin widersprechen mit ihren Ergebnissen der für sie immer noch weit verbreitenden Annahme, Religion sei für wirtschaftliche Entwicklung nur ein kultureller Hintergrundfaktor. Sie wollen zeigen, dass Religion tief in die üblichen Wachstumsfaktoren eingreift und so ein fehlender Baustein vieler Wachstumstheorien ist.

Religion sei nicht nur ein Thema für Kirchenhistoriker oder Theologen, sondern gehöre laut Becker ins Zentrum jeder ernsthaften Debatte über Europas wirtschaftliche Zukunft und Vergangenheit. In einer Zeit, in der Europa über Wachstumsschwäche, Fachkräftemangel, Bildungsdefizite und gesellschaftlichen Zusammenhalt diskutiere, lohne es sich, die religiöse Dimension nicht als Folklore abzutun. Sie gehöre, wie die neue Forschung zeige, zur Erklärungskraft moderner Ökonomik, fügte er hinzu.  

Das Berliner Institut für Wirtschaft und Zukunft der Arbeit (RFBerlin) sieht sich als ein unabhängiges Forschungsinstitut, dass sich mit der Erforschung bedeutender globaler Herausforderungen für Wirtschaft, Gesellschaft und den Sozialstaat beschäftigt.