TV-Tipp: Themenabend Digitalisierung

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9. Juni, Arte, 20.15 Uhr
TV-Tipp: Themenabend Digitalisierung
Das Internet sollte die Welt freier machen. Stattdessen entstanden neue Formen von Kriminalität, Manipulation und digitaler Ungleichheit. Ein Themenabend auf Arte Themenabend zeigt, wie tief die Schattenseiten des Netzes reichen.

Das Internet hat die weltweite Kommunikationsstruktur in einem Ausmaß verändert, das sich nur mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichen lässt. Gerade mit der Einführung digitaler Netzwerke waren enormen Hoffnungen auf eine globale Demokratisierung verbunden: Endlich hätten auch die Menschen in Diktaturen und autokratisch regierten Ländern die Chance einer freien Meinungsäußerung.

Die Hoffnung entpuppte sich allerdings recht bald als naiv, zumal viele Anbieter ihre einstigen Ideale den kommerziellen Interessen unterordneten. Und noch etwas wurde im anfänglichen Überschwang übersehen: Die Digitalisierung eröffnete auch der Kriminalität ganz neue Möglichkeiten.

Arte widmet dem Thema einen kompletten Abend von 20.15 Uhr bis 0.50 Uhr. Den Auftakt macht "The Darkest Web". Der als Koproduktion mit RBB und Arte entstandene BBC-Dokumentarfilm schildert die Bekämpfung der sogenannten Pädo-Kriminalität. Im Mittelpunkt steht ein früherer Postbote, der sich 2007 bei der amerikanischen Homeland Security beworben hat und seither einen unermüdlichen Kampf gegen Windmühlen führt.

Der Film beginnt mit einem Zugriff und ist stellenweise spannend wie ein Krimi, wenn Greg Squire beispielsweise erzählt, wie er und seine Kollegen einen Produzenten von Missbrauchsvideos zur Strecke gebracht haben: Der Mann ließ bei seinen Aufnahmen größte Vorsicht walten. Am Ende war ausgerechnet eine Ziegelwand der Schlüssel zu seiner Ergreifung, weil diese Ziegel nur in einem ganz bestimmten Werk in Texas hergestellt wurden und klar war, dass er irgendwo in der Nähe leben muss.

Solche Verbrecher nutzen das Darknet. Dieser abgeschirmte Bereich des Internets, auf den gängige Suchmaschinen keinen Zugriff haben, wurde einst vom US-Verteidigungsministerium eingerichtet und ist heute ein Tummelplatz für Kriminelle aller Art; hier wird unter anderem mit Drogen, Waffen und Menschen gehandelt. Weil die Verbindungsdaten im Unterschied zum allgemeinen Internet anonymisiert sind, können sich Päderasten weitgehend sicher fühlen.

Abgesehen von verräterischen Details wie besagter Ziegelwand gibt es nur eine Möglichkeit, das widerliche Treiben zu beenden: Im Rahmen von verdeckten Ermittlungen erschleichen sich Männer und Frauen das Vertrauen der Anbieter. Dafür müssen sie sich natürlich tief in die Thematik begeben. Squire berichtet vom ersten Video, das er im Rahmen seiner Arbeit gesehen hat. Es zeigte die Vergewaltigung eines kleinen Mädchens; für den Ermittler war es, "als verließe die Seele ihren Körper." Diese und viele andere Bilder sind nun in seinem Kopf.

Die Erzählungen lassen nachvollziehen, welch’ erhebliche Belastung diese Form der "Undercover"-Arbeit darstellt: weil man nicht wie sonst in eine fremde Rolle schlüpft, womöglich inklusive Verkleidung, sondern bloß den Laptop öffnet und umgehend mit einem namenlosen Grauen konfrontiert wird. Die Faktenlage ist bekannt, aber die Erkenntnis, wozu Menschen, genauer gesagt: Männer, fähig sind, ist dennoch zutiefst schockierend.

Im Anschluss (ab 21.40 Uhr) zeigt Arte die zweiteilige französische Dokumentation "TikTok, die mächtigste App der Welt". Teil eins konzentriert sich zunächst auf die Biografie des Software-Ingenieurs Zhang Yiming. Der Chinese arbeitete vorübergehend für Microsoft, gründete 2012 das IT-Unternehmen ByteDance, entwickelte einen Algorithmus, der Nutzerinnen und Nutzer mit individuell bevorzugten Nachrichten versorgte und schuf schließlich 2018 auf dieser Basis das Videoportal TikTok, das innerhalb kürzester Zeit zur erfolgreichsten App der Welt wurde.

Die Doku beschreibt, wie der Algorithmus funktioniert, und geht im zweiten Teil der Frage nach, warum ein Videoportal in Verruf gekommen ist, das zu Beginn größtenteils aus albernen Tanzvideos bestand; es geht um Jugendschutz, Suchtpotenzial, politische Propaganda, gezielte Desinformation mittels "Fake News" und Zensur. Den Abschluss des langen Abends bildet der deutsche Beitrag "Digital Aliens" (MDR).

Der Titel ist etwas irreführend, denn Marcus Fitsch befasst sich mit digitaler Diskriminierung, wie der Zusatz "Die neue Ungleichheit" verdeutlicht. Er kritisiert zum Beispiel die KI-basierten Entscheidungen in Schulverwaltungen, im Personalwesen oder im Sozialsystem, weil sie bereits bestehende Ungerechtigkeiten noch verstärkten.

Der ungemein informative Themenabend hat nur einen Nachteil: Aufgrund einer Vielzahl höchst kompetenter Sachverständiger wird viereinhalb Stunden lang ununterbrochen geredet. Aber natürlich muss sich niemand die drei Produktionen am Stück anschauen: Die Sendungen stehen alle in der Arte-Mediathek.