Sie ist selbst zwar keine Winzerin, aber mit Wein kennt sich Manuela Rimbach-Sator aus - nicht nur als Mitglied der rheinhessischen Weinbruderschaft. Über 20 Jahre lang war sie bis zum Wechsel in den Ruhestand Pfarrerin in der Kleinstadt Oppenheim südlich von Mainz, die bis heute stark vom Weinbau geprägt ist. Nun macht sie sich noch einmal für ein Thema stark, das ihr wichtig ist: Auf ihrem neuen Diensthandy landen künftig Anrufer, die die Nummer der neuen Winzerseelsorge für Rheinhessen wählen.
Gemeinsam mit einem zweiten Ruhestands-Theologen aus der Region übernimmt sie ein Angebot, mit dem die hessen-nassauische Landeskirche (EKHN) auf die schwere Krise der deutschen Weinbranche reagiert.
In Rheinhessen, Deutschlands größtem Weinbaugebiet südlich von Mainz, sei die schwierige Lage überall in den Orten zu spüren, sagt die Mainzer Pröpstin Henriette Crüwell. "In jedem Kirchenvorstand sitzt bei uns mindestens ein Winzer", erklärt die Ideengeberin für das Projekt. "Da ist eine Not, die uns vor die Füße gefallen ist." Es gebe inzwischen gar Anzeichen für eine erhöhte Suizidrate im Weinbau.
Kosten "völlig durch die Decke gegangen"
20 bis 30 Prozent der Betriebe könnten als Folge der aktuellen Krise ganz aufgeben, lautete eine Prognose der Mainzer Landesregierung aus dem vergangenen Jahr. Die außerordentliche Notlage vieler Betriebe bestätigt auch der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz. Die Nachfrage nach Wein ist in Deutschland und anderen europäischen Staaten zuletzt stark zurückgegangen. Zugleich hätten sich etwa Energie und Dünger drastisch verteuert, sagt Verbandssprecher Andreas Köhr: "Die Kosten im Weinbau sind völlig durch die Decke gegangen." Vor allem Betriebe, die kaum oder keinen eigenen Flaschenwein herstellen, sondern ihre Trauben an Großproduzenten liefern, seien betroffen.
Manuela Rimbach-Sator nennt weitere Probleme, etwa überbordende Bürokratie oder die willkürliche und sprunghafte Zollpolitik des US-Präsidenten Trump. "Manche, die auf den Export nach Amerika gesetzt haben, gehen jetzt in die Knie", sagt sie. Andere Winzer wiederum stehen mittlerweile ohne Altersvorsorge dar, weil die von Pachteinnahmen für ihre Weinberge abhängt. Auch ein auskömmlicher Ruhestand durch den Verkauf des eigenen Betriebs ist längst nicht mehr garantiert.
Rollenbilder hinterfragen
Bei der Frage, ob das eigene Weingut noch fortgeführt werden soll, gehe es aber um viel mehr als um Gewinn- und Verlustrechnungen. "Man kann so etwas nicht allein betriebswirtschaftlich entscheiden", sagt die Pfarrerin. Viele Familienbetriebe bestehen seit Generationen, haben bislang allen Krisen und sogar Kriegen getrotzt. Niemand wolle derjenige sein, der alles abwickelt. Und genau hier kommt die Kirche mit ihrer Seelsorge ins Spiel - um verzweifelten Winzern Mut zu machen, ihnen Perspektiven aufzuzeigen, über familiäre Rollenbilder zu sprechen oder über die Frage, ob ein Winzersohn automatisch auch Winzer werden muss.
Dass die EKHN auf zwei Theologen im Ruhestand setzt und keine eigenen neuen Stellen dafür schafft, hat weniger mit den Kosten zu tun, als mit dem Konzept der Arbeit: Die Winzerseelsorge soll nicht wie eine weitere Beratungsstelle wirken, um Hemmschwellen bei der Kontaktaufnahme so niedrig wie möglich zu halten. Öffentlich, das wissen alle Verantwortlichen, klagen die Winzer selten laut.
Dennoch gibt es neben der Handynummer, über die Verabredungen angebahnt werden können, künftig zumindest auch ein Besprechungszimmer in Alzey. Sowohl der Winzerverband als auch die Landesregierung unterstützen das Vorhaben. Das Projekt leiste einen "Beitrag zur sozialen Stabilisierung im ländlichen Raum", heißt es im zuständigen Landwirtschafts- und Weinbauministerium in Mainz. Ob der vermutete Gesprächsbedarf tatsächlich so groß ist wie vermutet, will die Kirche in einem Jahr überprüfen. Danach soll entschieden werden, wie es mit der Notfallnummer für die Winzer weitergeht.



