Volker Drewes, 72, aus Bad Hersfeld erzählt:
"In dem kleinen Ort in Ostwestfalen, in dem ich aufwuchs, fand zu jeder Erntezeit ein Jahrmarkt statt, mit Buden, Pferde- und Kleintiermarkt. Mein Vater kannte einige Schausteller, weil er bei der Eisenbahn arbeitete und ihre Fahrzeuge verlud.
Ich erinnere mich, wie er mich als kleinen Jungen abends zu einem Lagerfeuer mitnahm, an dem die Schausteller saßen. Ich mochte die bunten Lichter an den Wägen. Daran erinnere ich mich, genauso wie an ein Gefühl der Angst, das mich begleitete. Vielleicht weil sich das Leben auf Reisen so von dem Leben meiner Familie unterschied oder mir das jedenfalls so vorkam. Ich weiß auch noch, dass diese Angst plötzlich verflog und ich mich in diesem Kreis angenommen fühlte, besser als sonst unter Erwachsenen.
Als ich später, nach Pfarrämtern in Kirchengemeinde und Klinik, die Zirkus- und Schaustellerseelsorge endlich zu meinem Hauptberuf machen konnte, begegnete mir dieses Gefühl des Aufgehobenseins wieder. Dass es mir auch mit über siebzig Jahren nicht leichtfällt, den Beruf an den Nagel zu hängen, liegt wohl an dem großen Vertrauen, das man in mich gesetzt hat. Schausteller und Zirkusleute sind ständig unterwegs, im christlichen Glauben finden viele unter ihnen einen inneren Anker. Und auch ein Pfarrer oder eine Pfarrerin mit einem offenen Ohr wird oftmals wie ein solcher Anker wahrgenommen, zumindest ist das meine Erfahrung.
Häufig sitze ich also auf Volksfesten im Kassenhäuschen in der Ecke und höre zu. Das Kassenhäuschen ist so etwas wie ein geschützter Raum, in dem Schaustellerinnen und Schausteller zugleich Karten verkaufen und erzählen können. Die Gespräche drehen sich regelmäßig um Reibereien, die entstehen, weil die reisenden Gruppen so eng beieinander leben, die Zeltplätze von Zirkusleuten umspannt oft ein Zaun. Nebenbei gesagt: In den Kassenhäuschen musste ich auch öfter beim Ticketverkauf einspringen, zum Beispiel wenn sich ein Schausteller plötzlich um einen Unfall in der Wildwasserbahn kümmern musste.
Als Seelsorger vertrete ich mitunter die Interessen der Schausteller und Zirkusleute gegenüber den Kommunen. Reisende Kinder und Jugendliche wechseln auch heute noch alle paar Wochen die Schule. Die fehlende Routine ist ein echtes Problem, auch wenn beispielsweise in Hessen während der Reisen einzelne Lehrkräfte von den Heimatschulen durchgängig erreichbar sein sollen. Reisende Schülerinnen und Schüler werden häufig in die letzte Reihe gesetzt und manchmal sogar aufgefordert, ein Kunststück vorzumachen. Ich bin ein bisschen stolz, dass eine evangelische Schule in Hessen mittlerweile in neun mobilen Klassenzimmern einen durchgängigen Unterricht über Ländergrenzen hinweg anbietet.
"Ich höre mich um, was auf dem Markt läuft"
Die Schausteller beziehen mich außerdem ein, wenn es ums Geschäftliche geht. Denn die Familie, mein eigentliches Steckenpferd, lässt sich vom Geschäft kaum trennen, etwa wenn die Kinder drängen, bald das Karussell zu übernehmen. Dann besprechen wir zum Beispiel, was das für den Vater bedeuten könnte. Will er sich schon zur Ruhe setzen oder mit einem kleineren Fahrgeschäft kürzer treten? Ich höre mich auch durchaus um, was auf dem Markt gut läuft. Ob sich ein Schausteller eine Millionen-Investition zutraut, um mit einem modernen Karussell wieder die Kunden anzulocken - auch da werde ich schließlich mitunter zu Rate gezogen. Es fällt mir nicht immer leicht, mit dem großen Vertrauen umzugehen.
Auf Achse
Eine weitere Herausforderung, die mit dem Beruf einhergeht, sind die Distanzen: Gerade habe ich noch mit einem Menschen über einen Krankheitsfall gesprochen, schon ist er wieder abgereist. Deshalb habe ich eine feste Reiseroute, die mich zu den Festplätzen der Region führt. So kann ich meist einige Wochen später nachfragen, was aus der Sache geworden ist. Reisen muss ich auch, um Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zu feiern, oft quer durch die Republik, denn Reisen über Nordhessens Grenzen hinaus lassen sich in dem Gewerbe kaum vermeiden.
Mit dem beruflichen Reisen soll jetzt aber Schluss sein, ich fahre meine Route in diesem Jahr das letzte Mal ab. Auf Volksfeste werde ich dennoch fahren, irgendwohin, wo niemand mit mir rechnet. Denn jeder Familienzirkus und jedes Volksfest hat sein eigenes Flair, selbst die Dorfkirmes mit Festzelt, Schießbude und Bratwurststand. Ich will wissen, was aus diesen Orten wird."
Protokolliert von Lino Wimmer



