"Das ist einfach so eine Wucht. Und da passiert richtig was, wenn man die Tasten drückt." Wenn Jona Rübner, nebenamtlicher Kirchenmusiker der Gedächtniskirche Bad Homburg, über seine ersten Töne auf der Orgel spricht, hört man die Begeisterung. In der Oberstufe nahm er mit seinem Kurs an einer Orgelführung teil und probierte das Instrument erstmals aus. Rübner schwärmt: "Da war es um mich geschehen. Ich habe gesagt, das will ich machen. So kam ich zum Orgelspielen." Heute ist der 21-Jährige wahrscheinlich einer der jüngsten Kirchenmusiker mit eigener Stelle innerhalb der EKHN.
Seinen Weg zur Musik hat Rübner schon früher gefunden. Bei der Großmutter stand ein Klavier – das fand er schon als kleines Kind toll. Seine Mutter ist Musiklehrerin und legt ihm nahe, ein Instrument zu lernen. Überzeugen muss sie Rübner davon nicht. "Es war völlig klar, dass ich irgendein Instrument lernen würde und das wollte ich auch", sagt er.
Popmusik auf Nischeninstrument
Mit fünf Jahren beginnt er mit dem Klavierunterricht, diese Grundlage wird ihm später beim Einstieg am großen Pfeifeninstrument helfen. Mit dem Klavierunterricht war er nicht immer zufrieden, bis ein neuer Lehrer frischen Wind bringt. Im Rahmen des erwähnten Schulausflugs sitzt Rübner dann erstmals an der Orgel. Das neue Instrument fasziniert ihn.
Paul Krombach studiert Fachjournalistik Geschichte, Evangelische Theologie und Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Außerdem ist er als freier Mitarbeiter im Öffentlichkeitsreferat des Evangelischen Dekanats an der Dill tätig. Im März und April 2026 schreibt er als Praktikant für die Redaktion von evangelisch.de.
Besonders befasst hat er sich mit der Orgelmusik zuvor wenig. "Vorher fand ich Beethoven immer toll. Ich mochte auch Popmusik auf dem Klavier schon immer gerne", erzählt Rübner. Die Popmusik lässt ihn dann auch auf der Orgel nicht los, obwohl er es auch liebt, klassische Musik zu hören. Schon am Klavier merke Rübner, dass die populären Stücke leichter zu erlernen und viel schneller Erfolgserlebnisse möglich seien. So entscheidet er sich, auf der Orgel vor allem Popmusik zu interpretieren. Rübner meint: "Es gibt nur eine Hand voll Leute, die das überhaupt machen." Mit der Orgel bedient er eine Nische und schätzt die Freiheiten und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Zum Beispiel sein erstes Konzert in Friedrichsdorf 2022.
Applaus trotz Patzern
Zu diesem Zeitpunkt ist Rübner bereits nebenamtlicher Kirchenmusiker in Friedrichsdorf – mit damals 17 Jahren. Popmusik auf der Orgel gibt es in der ganzen Region nicht, Rübner will es gemeinsam mit einem Freund ausprobieren. Zu einem Kunstfest in Friedrichsdorf spielen sie in der dortigen Kirche. 350 Leute passen hinein und das Konzert ist gut besucht. Auf dem Programm stehen damals unter anderem Edith Piaf und The Beatles. "Wir haben damals furchtbar gespielt. Da machst du so viele Fehler bei deinem ersten Konzert. Aber es war ein super Erlebnis, weil die Stimmung trotzdem gut war", sagt er. Das Publikum sieht über die Fehler hinweg und gibt Standing Ovations. Ein toller Moment für Rübner: "Wir standen da, konnten eigentlich nichts, aber irgendwie hat es offensichtlich den Leuten gefallen. Das war der Moment, wo ich gesagt habe, das ist es."
The Beatles in der Kirche
Ab diesem Zeitpunkt baut der junge Kirchenmusiker die Popmusik auch in den Gottesdienst ein. Zum Vorspiel gibt es Bach und zum Schluss etwas Modernes, "Abba, The Beatles oder was Jazziges", wie Rübner sagt. In den Kirchengemeinden finden das viele von Beginn an super, andere gewöhnen sich jeden Sonntag etwas mehr daran. "Sicher gibt es bis heute welche, die das furchtbar finden. Die sagen, Bach gehört in die Kirche, aber The Beatles nicht." Probleme, seine Ideen umzusetzen, hat Rübner aber nicht. Er argumentiert mit den religiösen und sinnlichen Aspekten, die auch in der Popmusik zu finden sind. Rübner sagt: "Ich achte darauf, dass es zum Gottesdienst, zur Liturgie und an den Tag passt. Ich fange jetzt nicht an, am Karfreitag irgendwelche fröhlichen Pop-Hits zu spielen."
Als nebenamtlicher Kirchenmusiker ist Rübner nicht nur für das Orgelspielen, sondern auch für die musikalische Planung des Gottesdienstes mitverantwortlich. In kirchenmusikalischen Fragen ist er Ansprechpartner für die Pfarrpersonen seiner Gemeinde.
Pendelzeit ist Planungszeit
Dazu kommen noch seine eigenen Konzerte und – nicht zu vergessen – sein Studium der Medienwissenschaften in Weimar. Gar nicht so leicht, das alles zu vereinbaren. Der Hesse pendelt jede Woche in seine Heimat in den Taunus, um seiner Tätigkeit als Kirchenmusiker nachzugehen. Die Pendelzeit nutzt er, um die Programme für seine Konzerte zu schreiben und spannende Geschichten zu den Songs zu recherchieren. Wenn freitags oder samstags ein Konzert ansteht, wird es knapp. "Dann sitze ich morgens um neun an der Orgel und mache bis nachmittags um 16 Uhr mein Programm fertig. Ich schaue, dass ich irgendwie diese 14 Songs an einem Tag hinkriege. Habe ich den Samstag noch, gehe ich alles nochmal durch", sagt Rübner. Üben kann er inzwischen Zuhause mit einer eigenen mobilen Sakralorgel. Hilfreich ist für ihn der "Stammsatz", ein Ordner mit Liedern, die er schon gespielt hat. Vor allem wenn es in eine neue Kirche geht, greift er gerne auf Bewährtes zurück. Puttin' on the Ritz von Irving Berlin geht für ihn immer. Dennoch, gerade an den Feiertagen ist der Zeitaufwand hoch.
Das Privatleben muss da auch mal zurückstecken. Treffen mit Freunden plant er eher abends nach der Uni als am Wochenende. Seine Familie war anfangs über die zahlreichen Gottesdienste an Feiertagen "not amused", unterstützt ihn aber in seiner Leidenschaft und kommt mit in die Gottesdienste. Rübner hält fest: "Kernarbeitszeit ist halt von Donnerstagabend bis Sonntagabend."
Die Reaktionen aus seinem Freundeskreis zu seinem Hobby variieren stark. Am Anfang ist da oft das stereotype Bild eines sehr frommen, etwas verstaubten Kirchenmusikers. Das möchte Rübner korrigieren und vom Gegenteil überzeugen: "Ich liebe konservative Orgelmusik total. Ich kann mir das den ganzen Tag anhören. Aber ich kann verstehen, wer es nicht mag. Dafür versuche ich eine Alternative anzubieten. Und eben ganz konkret auch junge Leute anzusprechen", erzählt Rübner. Mittlerweile kommen einige seiner Freunde zu seinen Konzerten oder schlagen sogar selbst vor, Orgelmusik zu hören, was ihn sehr freut. "Vor fünf Jahren waren die Reaktionen noch wesentlich kritischer als heute. Heute sagen auch viele von vornherein: oh, das ist cool."
Mit Musik Menschen erreichen
Ähnliches beobachtet er bei Konzertreihen für die Orgel und Auftritte namhafter Organist:innen. Er sieht einen gestiegenen Bedarf nach Kirchenmusik bzw. Orgelmusik, während viele hauptamtliche Stellen für Kirchenmusiker:innen wegfallen. Das Fehlen der Hauptamtlichen mache sich zum Beispiel in der Nachwuchsförderung bemerkbar. Rübner berichtet aus seinem Heimatdekanat Hochtaunus: "Wir haben ganz viele Anfragen von jungen Menschen, die gerne Orgel spielen lernen möchten. Wir haben aber nicht das Personal dafür." Als wichtigen Baustein für eine lebendige Kirchenmusik bringt er mehr nebenamtliche Stellen ins Spiel. Dass einige Gemeinden Organist:innen für Gottesdienste, aber nicht für weitere kirchenmusikalische Tätigkeiten bezahlen können, bedauere er.
Und wie geht es mit ihm als Kirchenmusiker weiter? Rübner hat konkrete Vorstellungen. Nachdem er mit seinen Konzerten lokal und regional bereits unterwegs war, soll es nun über Hessen hinausgehen. Am liebsten mit einer Konzertreise. "Die kann ganz klein sein", sagt er. Berühmtheit spielt für ihn überhaupt keine Rolle, er möchte Menschen erreichen – egal ob kirchennah oder -fern. Rübner fasst es so zusammen: "Ich freue mich am Ende vor allem, wenn die Leute, die die Musik hören, eine gute Zeit haben. Mehr kann ich nicht wollen."



