Der hannoversche Schauspieler Daniel Nerlich hat für ein besonderes Projekt eine besondere Besetzung gewonnen. Weltstar Sandra Hüller spielt in zwei Aufführungen am 30. und 31. Mai in der Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover das Stück "4.48 Psychose" der britischen Dramatikerin Sarah Kane. In ihrem letzten Stück vor ihrem Suizid 1999 hat Kane Erfahrungen mit Depressionen und therapeutischer Behandlung beschrieben.
In der hannoverschen Inszenierung wirkt der Chor "Favoriti San Giovanni" mit. Dessen Leiter, der evangelische Kantor Jonathan Hiese, steht mit Hüller auf der Bühne - "zufällig", wie er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagt.
epd: Herr Hiese, als Kantor der Neustädter Hof- und Stadtkirche spielen Sie in einem Stück gemeinsam mit Sandra Hüller, wie kam es dazu?
Jonathan Hiese: Die Initiative ging vom Schauspieler Daniel Nerlich aus. Er wollte gern, dass das Stück von Sarah Kane in einer Kirche auf die Bühne gebracht wird und ein Chor Teile des Textes spricht. Es wird kein klassisches Theaterstück, sondern eine Lesung, in der auch Musik erklingt. Wir haben dazu mit dem Chor Klangimprovisationen entwickelt - teilweise wird Sandra Hüller auch darüber den Text sprechen. Wir proben seit einigen Wochen, aber sie selbst wird erst bei der letzten Probe dabei sein.
Wie sehen Sie dem gemeinsamen Auftritt entgegen?
Hiese: Ich habe Sandra Hüller selbst noch nicht kennengelernt. Ich hatte für das Stück schon zugesagt, bevor klar war, dass sie dabei ist. Ich freue mich natürlich, dass ich sozusagen zufällig mit ihr auf einer Bühne stehen darf. Ich habe in den letzten Jahren einige Filme mit ihr gesehen und fand sie sehr faszinierend.
"4.48 Psychose" ist ein sehr forderndes Stück, das in einer Aneinanderreihung von Monologen, Zahlenketten und Dialogen das Innenleben eines Menschen mit psychischer Erkrankung widerspiegelt. Es wird vermutlich eher selten in einer Kirche aufgeführt?
Hiese: Es ist ein sehr außergewöhnliches Projekt, das erlebt man als Kirchenmusiker nicht alle Tage. Je länger ich mich mit dem Text beschäftige, desto beeindruckender und berührender finde ich ihn. Das Thema psychische Erkrankungen betrifft mehr Menschen, als man es im Alltag mitbekommt. Die Autorin gibt das in einer extremen Form wieder. Es geht dabei auch um eine Sinnsuche während der Erkrankung und im Leben überhaupt. Passagen benennen schreckliche Erfahrungen, einige Textteile sind aber auch wahnsinnig poetisch.
Sie beschreiben die psychische Krankheit, weisen aber auch weit darüber hinaus. "Es gab eine Nacht, in der sich mir alles offenbarte", heißt es zum Beispiel. Es ist kein explizit religiöser Text, aber er wirft große Fragen auf. Ich finde, das kann man gut in einer Kirche aufführen. Der Text macht sich nicht über Religionen lustig. Er bringt den Menschen mit all seinen Fragen vor Gott.



