Wenn sich ein Sonntagskrimi des eigenen Metiers annimmt, ist das Ergebnis zumeist ein großes Vergnügen: In "Einmal täglich" (2000) zum Beispiel tummelte sich das damalige "Tatort"-Duo aus München hinter den Kulissen einer "Daily Soap", in "Vier Jahre" (2022) aus Köln ging es unter anderem um eine Schauspielerin, die ihre Popularität einer Serienrolle als Polizistin verdankt.
Der Titel "Showtime" hätte auch zu diesen beiden Filmen gepasst, zumal sich die Handlung hier wie dort an einem ehernen Grundsatz orientiert. Egal, was passiert: "The show must go on"; selbst wenn die Dreharbeiten durch eine Mordermittlung unterbrochen werden.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Für den Krimi hat das unter anderem mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Drehbuchduo Arne Nolting und Jan Martin Scharf auf Anregung von WDR-"Tatort"-Redakteur Götz Bolten einen besonderen Schauplatz gewählt, und schon deshalb trägt Fall Nummer 95 für Ballauf und Schenk (Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär) kräftig selbstironische Züge.
Weite Teile der Handlung spielen im TV-Studio der überaus beliebten Kinderreihe "Sachen und Lachen", ein überdeutlicher Hinweis auf die "Sendung mit der Maus", die den Titelzusatz "Sach- und Lachgeschichten" trägt. Star des Wissensmagazins ist Frank Anders, und schon allein die Besetzung mit Max Giermann ist ein Einschaltgrund: Der überaus beliebte Moderator ist in Wirklichkeit ein Choleriker, dessen Wutausbrüche nicht mal die Mitglieder der Zielgruppe verschonen. In einigen Szenen erinnert der TV-Star tatsächlich ein bisschen an Giermanns grandiose Klaus-Kinski-Parodien.
Zunächst hat Freddy Schenk jedoch noch keinen Grund, an der heilen Welt des Kinderfernsehens zu zweifeln. Er ist ein großer Fan von Anders, weil er "Sachen und Lachen" immer mit seiner längst erwachsenen Enkelin angeschaut hat. Bereitwillig posiert der Moderator für ein Selfie mit dem Kommissar, was den Kollegen Ballauf einigermaßen empört, und das zu Recht, wie sich zeigt, als Anders kurz drauf unter dringendem Mordverdacht steht.
"Showtime" beginnt mit der Aufzeichnung einer Sendung zum Thema Gerechtigkeit. Anschließend bleibt die Handlung beim Kameramann, der so etwas wie der lebende Widerspruch zur Redensart "Nomen est omen" ist: Stefan Glück (Niels Bormann) wird allseits nur "Happy" genannt, ist jedoch ein veritabler Pechvogel und hat aufgrund seiner Spielsucht eine Menge Schulden. Das spielt jetzt jedoch keine Rolle mehr, denn die Pechsträhne hat ein endgültiges Ende gefunden, als Happys Leiche in seinem ausgebrannten Auto entdeckt wird; allerdings im Kofferraum, was einen Unfall eher ausschließt.
Etwas plump am Fundort deponierte Kunstfasern sollen den Verdacht auf Yassin Meret (Erkan Acar) lenken, der in seinem Tapirkostüm der Pausenclown von "Sachen und Lachen" ist, doch alsbald konzentrieren sich die Ermittlungen auf Anders.
Dank der Umsetzung durch Regisseurin Isabell Šuba und Kameramann Falko Lachmund ist "Showtime" auch optisch überaus kurzweilig. Die Bildgestaltung zeichnet sich nicht zuletzt durch ihre rasante Dynamik und eine enorme Materialmenge aus, und das nicht allein wegen des regelmäßig geteilten Bildschirms.
Als sich ein zweiter Todesfall ereignet, soll Kollege Jütte (Roland Riebeling) die gesamten Aufzeichnungen der letzten Zeit sichten, und das betrifft nicht nur die Sendungen: Praktikantin Marie (Bineta Hansen) hat Videos von den Dreharbeiten für ein "Making of" gemacht. Spätestens jetzt zeigt sich zur Erschütterung Schenks der wahre Charakter von Frank Anders: Der Mann hat nicht nur den Tapir regelmäßig zur Schnecke gemacht. In der Beziehung mit Ehefrau und Komoderatorin Caro (Silvina Buchbauer) steht’s offenkundig ebenfalls nicht mehr zum Besten.
Parallel zu den Ereignissen im Studio erzählen Nolting und Scharf eine ganz andere Geschichte: In einem Kölner Kinderheim wird die kleine Marianne ständig von den anderen Mädchen gemobbt; einziger Lichtblick in ihrem Leben sind die Sendungen mit Frank Anders. Wie so oft im Sonntagskrimi sind erfahrene Genre-Fans zwar wieder mal schneller als das Ermittlerduo, aber das liegt diesmal ausnahmsweise nicht an den Kommissaren. Die Freude an diesem Krimi wird durch den Wissensvorsprung ohnehin nicht geschmälert, zumal die Ausschnitte aus der Kindersendung sowie die entsprechenden Kulissen mit viel Liebe zum Detail gestaltet worden sind. Für diverse Regieeinfälle sowie die Dialoge gilt das nicht minder. Eine Komödie ist "Showtime" trotzdem nicht: Das doppelte Finale ist ziemlich dramatisch. Dafür ist die Schlusspointe umso witziger.



