Männer würden schreiend davon laufen, wenn sie diese Schmerzen aushalten müssten: Geburten, war das Fazit der sechsteiligen ZDF-Serie "Push", sind nichts für Feiglinge. Auch die zweite Staffel ist eine klug konzipierte Mischung aus beruflichem Stress und privaten Problemen. Die Handlungen tragen sich größtenteils auf der Geburtenstation einer Berliner Klinik zu und befassen sich gerade dank der vorzüglichen darstellerischen Leistungen erneut äußerst authentisch mit den unterschiedlichsten Problemen, die im Verlauf einer Schwangerschaft oder bei der Niederkunft auftreten können.
Die Kombination mit augenscheinlich echten Geburtsszenen unterstreicht den dokumentarischen Charakter der zehn jeweils im Schnitt dreißig Minuten kurzen Episoden. Anfangs wirkt die zweite Staffel etwas atemlos, weil die sprunghafte Konzeption (Chefautorin: Luisa Hardenberg) keinen harmonischen Handlungsfluss zustande kommen lässt, aber das legt sich, zumal sich die Erzählung zunächst vor allem auf Nalan (Mariam Hage) konzentriert: Die Hebamme hatte eine Fehlgeburt.
Ihr Freund David (Hassan Akkouch) ist nicht in der Lage, über den Verlust zu sprechen, und lehnt aus Kostengründen zunächst auch eine künstlich Befruchtung ab. Ansonsten spielen private Themen wie etwa die Liaison zwischen Ärztin Charlotte (Katia Fellin) und Hebammenstudentin Greta (Lydia Lehmann) diesmal jedoch eine deutlich kleinere Rolle. Dafür nimmt sich das dreiköpfige Drehbuchteam mehr Zeit für die medizinischen Herausforderungen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
In den meisten Fällen gelingt es den Hebammen, kühlen Kopf zu bewahren, aber mitunter geraten selbst sie an ihre physischen und vor allem psychischen Grenzen. Herzstück der zweiten Staffel und auch bildgestalterisch am dichtesten ist Folge fünf, die Schichtleiterin Elke (Marie Rosa Tietjen) durch einen ganz normalen Arbeitstag begleitet. Nun kommt auch ein Aspekt zur Sprache, den Hardenberg in der ersten Staffel ausgespart hatte: Gewalterfahrungen ausgerechnet im Kreißsaal waren lange Zeit ein Tabuthema und sind erst in den letzten Jahren dank verschiedener Bücher und TV-Dokumentationen bekannt geworden.
In einer äußerst bedrückenden Szene wird Greta Zeugin, wie Elke mit einer Mutter umspringt, deren Angst vor Spritzen pathologische Züge annimmt. "Geburten können gewaltig sein", räumt die Schichtleiterin ein, aber den Gewaltvorwurf weist sie weit von sich. Deutlich entspannter sind diesmal die beiden Erzählebenen mit Anna Schudt als erfahrene Beleghebamme. Die meisten Spielanteile hat sie außerhalb der Klinik: Ein männliches Paar wirbt mit einer regelrechten Bewerbungsmappe um ihre Unterstützung.
Die beiden bekommen demnächst dank einer Leihmutter Nachwuchs. Anna lehnt dieses Konzept grundsätzlich ab, lässt sich aber trotzdem darauf ein, nachdem sie die zwei kennengelernt hat. Diese Szenen enthalten als einzige sogar einige kleine heitere Momente, weil die Männer ein bisschen überfordert sind und der Bruder (Oliver Mommsen) des einen kräftig mit ihr flirtet.
Ein zweiter Strang ist ungleich ernster: Ein Elternpaar erwartet ein Baby mit dem Gen-Defekt Trisomie 21. Der Vater (Sebastian Urzendowsky) sieht’s gelassen, die Mutter (Ricarda Seifried) hält ihn für realitätsfremd. Schonungslos bringt Anne Katharina Roicke, die Autorin dieser Folge, all’ das zur Sprache, was Eltern angesichts einer solchen Diagnose durch den Kopf gehen mag. Die Geschichte dieser Familie zieht sich durch die ganze Staffel.
Der Rest ist größtenteils hochdramatisch, aber immer wieder auch berührend. In ihrer Selbsthilfegruppe für Krebspatientinnen hat die Chefärztin (Idil Üner) eine Frau kennengelernt, die keine Kinder mehr bekommen kann. Tara (Lorna Ishema) möchte gern einer Geburt beiwohnen, um mit diesem Kapitel abzuschließen, was zu einer unerwarteten Komplizinnenschaft führt: Sibel (Nuriye Jendroßek) stimmt nicht nur zu, sondern ist auch ausgesprochen dankbar, denn der Vater ihrer Zwillinge liegt daheim krank im Bett. Ihre kernigen Flüche sind ohnehin ein Vergnügen.
Bei der ersten Staffel war das Publikum laut ZDF überraschenderweise mehrheitlich männlich (60 zu 40). Als mentale Geburtsvorbereitung ist auch "Push 2" ohne Einschränkung zu empfehlen, selbst wenn die permanenten Schmusepopsongs auf Dauer nerven. Die zweite Staffelhälfte ist allerdings deutlich weniger packend, auch die Inszenierung ist entspannter; dafür rücken die Soap-Anteile stärker in den Vordergrund. Einige Handlungsebenen wären verzichtbar gewesen, zumal die Intensität deutlich nachlässt, aber die Serie bleibt bis zum romantischen Schluss sehenswert. ZDFneo zeigt "Push" immer mittwochs, beide Staffeln stehen im ZDF-Streamingportal.



