Auf dem Highway durch das Herz Amerikas

Wandbild an einem Haus in Arizona auf der Route 66
epd-bild/Mirjam Rüscher
An vielen Häusern in Arizona auf der Route 66 gibt es Wandbilder.
100 Jahre US-Route 66
Auf dem Highway durch das Herz Amerikas
Offiziell gibt es die Route 66 nicht mehr, und doch zieht es bis heute Reisende auf die alte Strecke. 1926 wurde sie eröffnet: die erste ganzjährig befahrbare Verbindung zwischen dem Mittleren Westen und Los Angeles. Ein Roadtrip.

Offiziell gibt es die Route 66 nicht mehr, und doch zieht es bis heute Reisende auf die alte Strecke. 1926 wurde sie eröffnet: die erste ganzjährig befahrbare Verbindung zwischen dem Mittleren Westen und Los Angeles. Ein Roadtrip.
St. Louis, Los Angeles (epd). Die Bar hat schon bessere Zeiten gesehen.

Hier, etwas außerhalb von St. Louis im US-Bundesstaat Missouri, gibt es nicht viele Attraktionen. Reisende kommen trotzdem. Denn der legendäre Highway Route 66 führte genau hier entlang. "Der Flohmarkt ist heute geschlossen, aber Sie können alles kaufen, was wir hier an den Wänden hängen haben, wenn der Preis stimmt", sagt die Frau hinter dem Tresen. Plakate, Schilder, Fotos, alles dreht sich um die Route 66.

Vor 100 Jahren, im November 1926, wurde die Straße eröffnet: rund 4.000 Kilometer durch acht Bundesstaaten und drei Zeitzonen. Sie führte von Chicago in Illinois direkt bis nach Los Angeles in Kalifornien, vom Lake Michigan bis an die Pazifikküste. Es war die erste ganzjährig befahrbare Verbindungsstraße zwischen dem Mittleren Westen und der Westküste der USA.

Eine Straße wird zur US-Ikone

Heute ist die Straße offiziell Geschichte. Längst haben moderne Highways und das Interstate-System die Strecke ersetzt. Und doch bleibt die historische Strecke, die vielfach entlang der neueren Autobahnen verläuft, ein Sehnsuchtsziel für Reisende. Für viele gehört sie so selbstverständlich zum Bild der USA wie Coca-Cola und der gute alte Western. "(Get Your Kicks on) Route 66" sangen Nat King Cole, die Rolling Stones und Chuck Berry und trugen so zum popkulturellen Freiheits-Mythos bei. Nicht nur durch Songs, auch durch Filme und Bücher wurde die Straße selbst zur Ikone - und mit ihr die Diner, Tankstellen und Motels entlang der Strecke.

Immer wieder taucht die alte Straße neben der neuen Autobahn auf und schlängelt sich durch die Landschaft. In den größeren Städten schicken Informationszentren die Besucher auf den richtigen Weg. Denn nicht immer ist die historische Strecke leicht zu finden. Dort bekommen Reisende auch Stempel für ihren Route-66-Pass, der die Stationen der Reise dokumentiert.

Jubiläumsfeiern entlang der gesamten Strecke

In Springfield, Missouri, hakt ein junges Paar aus Süditalien gerade eine weitere Station ab. In 23 Tagen wollen sie die gesamte Strecke fahren, erzählen die beiden: "Wir sind in Chicago gestartet und wollen als Nächstes in Tulsa in Oklahoma stoppen." Der Mitarbeiter in der Touristeninformation empfiehlt ihnen Sehenswürdigkeiten.

Rund 7.500 Besucher und Besucherinnen seien im vergangenen Jahr gekommen, etwa 1.200 davon aus Europa, sagt er. In diesem Jubiläumsjahr sei das Interesse besonders groß. Gefeiert wird entlang der gesamten Strecke mit Festivals und Veranstaltungen, natürlich auch in Springfield, dem Geburtsort der Route 66. Hier hat 1926 Cyrus Avery, so etwas wie der damalige Verkehrsminister von Oklahoma, den Namen in einem Telegramm vorgeschlagen. Er hielt "Route 66" für einprägsamer als "Route 60", was eigentlich angedacht war.

Inspiration für Film "Cars"

Trotz des Route-66-Jubiläums, dem 250. Geburtstag der USA und auch der Fußballweltmeisterschaft im Juni und Juli steht der US-Tourismus unter Druck. 2025 gingen die Besucherzahlen laut Tourismusbehörde um 5,4 Prozent zurück, während sie weltweit stiegen. Die Erwartungen für dieses Jahr wurden bereits deutlich nach unten korrigiert.

Umso deutlicher zeigt sich die Anziehungskraft der Route 66 bei denen, die dennoch kommen. Die alte Strecke schlängelt sich durch die sich verändernde Landschaft. Sie ist kurviger, schmaler als die Autobahn, sie führt durch Städte und übers Land, entlang grüner Wiesen und Wälder, durch Häuserschluchten und wüstenähnliche, entlegene Gegenden bis ins sonnige Kalifornien.

Verlassene Motels und zerfallende Diner

Doch das Besondere eines Roadtrips sind nicht nur die Landschaft oder die Sehenswürdigkeiten, sondern auch die Freundlichkeit der Menschen entlang des Weges. Viele erzählen bereitwillig von "ihrer" Route 66. In Kansas, wo nur 13 Meilen der Route 66 verliefen, ist es besonders nostalgisch: In Galena stehen alte Autos an der Strecke, bunte Wandbilder schmücken die Fassaden, ein extra gestalteter Bogen spannt sich über die Straße.

An einer alten Tankstelle tritt die Besitzerin heraus, winkt Besucher hinein. Sie verteilt Infomaterial und einen Route-66-Kansas-Pass. Die Autos vor ihrem Gebäude seien die Inspiration für den Animationsfilm "Cars" gewesen, erzählt sie. Noch weiter westlich, in Tucumcari in New Mexico, lockt das traditionsreiche Blue Swallow Motel ("Blaue Schwalbe"). Besitzer Robert Federico begrüßt die Besucher. Das Motel sei durchgehend seit 1940 offen für Gäste gewesen.

Offiziell gibt es die Route 66 nicht mehr, und doch zieht es bis heute Reisende auf die alte Strecke.

"Wir sind stolz darauf, ein Teil der Geschichte zu sein", sagt Federico. Die letzten Gäste sind gerade abgereist, Neugierige können nun wieder über das Gelände laufen und sich umschauen. Zu jedem Zimmer gehört eine Garage, gebaut für Autos aus einer anderen Zeit. Alles sei nach wie vor original - Fliesen, Möbel, Ausstattung. Doch nicht überall ist die Vergangenheit so gut erhalten. Gerade in Tucumcari zeigt sich auch der Verfall: Verlassene Motels, verrammelte Läden, zerfallende Diner. Relikte einer anderen Ära.

Am Schluss führt die Strecke unter Palmen zum Pazifik. Der Santa Monica Pier in Los Angeles markiert das Ende der Route 66. Schilder laden zum Erinnerungsfoto ein, Besucher drängen sich für das perfekte Bild. Ian Bowen betreibt den "66-to-Cali-Kiosk".

Er ist die Strecke selbst mehrfach gefahren und hat viele Hotel-Betreiber, Gastronomen und andere Geschäftsinhaber entlang der Route 66 getroffen, wie er erzählt: "Man kennt sich." Ein Pärchen kommt dazu, fragt nach Tipps für den Roadtrip. Fahren möchten die beiden aber erst im nächsten Jahr - wenn sich der Trubel etwas gelegt hat.