TV-Tipp: "Wilsberg: Mogelpackung"

Fernseher vor gelbem Hintergrund
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4. April, ZDF, 20.15 Uhr:
TV-Tipp: "Wilsberg: Mogelpackung"
Zunächst hat es den Anschein, als kämen "Wilsberg"-Schöpfer Jürgen Kehrer und Koautorin Emily Reimer diesmal ohne die obligate Auftaktleiche aus: Die verstorbene Besitzerin des Mietshauses, in dem Kommissar Overbeck (Roland Jankowsky) lebt, hat das Gebäude offenbar kurz vor ihrem Tod an "schnöde Investoren" (Overbeck) verkauft.

Fesselnd, temporeich und jugendlich: alles Attribute, mit denen höchstwahrscheinlich nicht mal langjährige Fans die Reihe "Wilsberg" assoziieren würden; schließlich ist Hauptdarsteller Leonard Lansink im Januar siebzig geworden. Andererseits beweisen die Krimis regelmäßig, dass sich trotz der digitalen Abstinenz des Privatdetektivs moderne Geschichten über die Bedrohung etwa durch künstliche Intelligenz oder die Risiken fragwürdiger Ermittlungsmethoden mit Hilfe von Gesichtserkennung erzählen lassen.

"Mogelpackung", Episode Nummer 89, behandelt dagegen ein ganz anderes Thema: Es geht um Gentrifizierung, also die Sanierung von in die Jahre gekommener Bausubstanz bei gleichzeitiger Vertreibung der alteingesessenen Mieter, um die Wohnungen anschließend deutlich teurer vermieten zu können. Bislang wurden diese Geschichten zumeist anhand von Metropolen wie Berlin oder Hamburg erzählt, aber natürlich gibt es solche Missstände gerade auch in einer beliebten Universitätsstadt wie Münster.

Zunächst hat es den Anschein, als kämen "Wilsberg"-Schöpfer Jürgen Kehrer und Koautorin Emily Reimer diesmal ohne die obligate Auftaktleiche aus: Die verstorbene Besitzerin des Mietshauses, in dem Kommissar Overbeck (Roland Jankowsky) lebt, hat das Gebäude offenbar kurz vor ihrem Tod an "schnöde Investoren" (Overbeck) verkauft. Ein Entrümpelungsbetrieb räumt gerade ihre Wohnung aus, das Haus wird außerdem renoviert, weshalb ständig ohne Ankündigung Wasser und Strom abgestellt werden.

Der Großneffe (Steffen Groth) der Dame wundert sich, weshalb er als einziger Angehöriger nicht in den Genuss des Erbes gekommen ist. Er vermutet, dass man ihn nicht in die Wohnung lässt, damit er nicht nach dem Testament der Großtante suchen kann, und wendet sich auf Empfehlung von Rechtsanwältin Tessa (Patricia Meeden) an Wilsberg. Der findet zwar keinen letzten Willen, aber einen Toten.

Weil diese Ebene für einen abendfüllenden Krimi etwas dürftig wäre, haben Kehrer und Reimer die Geschichte um eine "Task Force" ergänzt: Wilsbergs Freund, Finanzprüfer Ekki Talkötter (Oliver Korittke), soll auf Geheiß seines Chefs jene Einkünfte aufspüren, die den Behörden zumeist nicht gemeldet und daher auch nicht versteuert werden. Ekkis Begeisterung hält sich verständlicherweise in Grenzen, schließlich müsste er sich für die Suche nach Umsätzen etwa aus dem Drogenhandel mitten hinein in die Unterwelt begeben. Bei einer Immobilienfirma droht in dieser Hinsicht weniger Gefahr, und so nimmt er schließlich nicht nur just jenes Unternehmen aufs Korn, dem jetzt das Haus der Erbtante gehört, sondern arbeitet auch eng mit Overbeck zusammen.

Richtig aufregend wird die Geschichte trotzdem nicht. Das hat natürlich nicht zuletzt mit der Regie zu tun, und sicherlich hätte Bettina Braun einige Szenen flotter umsetzen oder zumindest bei der Bildgestaltung etwas kreativer sein können, aber insgesamt legt "Mogelpackung" die Vermutung nahe, dass diese "Wilsberg"-Episode eine Sparausgabe ist: Abgesehen von wenigen Außenaufnahmen trägt sich die Geschichte größtenteils im Polizeipräsidium, im Finanzamt und selbstverständlich im Antiquariat des Privatdetektivs zu; die Handlung wird nahezu ausschließlich durch Dialoge vorangetrieben. Immerhin gibt’s ein paar Schmankerl, wenn Braun das sonnenbebrillte Duo Overbeck und Talkötter cool in Zeitlupe filmen lässt oder Wilsberg sich dank einer alten Visitenkarte als Manni Höch vom Bauamt ausgibt; der von Heinrich Schafmeister verkörperte Stadtplaner war Ekkis Vorgänger als bester Freund des Detektivs.

Ein bisschen Würze kommt außerdem ins Spiel, als Tessa einem Kommilitonen aus dem Jurastudium begegnet. Die beiden treffen sich zum Essen, aber dann geht Julius zum Telefonieren vor die Tür und kommt nicht mehr zurück; bald darauf wird er unter Mordverdacht festgenommen, weil eine Nachbarin (Teresa Harder) Overbecks in der Mordnacht einen lautstarken Streit gehört und Julius anschließend im Treppenhaus gesehen hat. Die Besetzung dieser Rolle mit Christoph Schechinger ist natürlich clever, schließlich verkörpert er in der ARD-Reihe "Käthe und ich" einen ungemein sympathischen und mit viel Empathie ausgestatteten Psychologen; aber Julius ist eindeutig in die Machenschaften rund um das Mietshaus verstrickt. Andererseits gibt es keinen Zweifel daran, wer zumindest aus Sicht Overbecks die wahren Schurken in dieser Geschichte sind: Immobilienkonzerne seien "alles Verbrecher", stellt er gleich zu Beginn fest. Später schimpft er über "Sanierungsterror" und wird damit vielen Menschen aus der Seele sprechen.