Von Passionsspielen und barfüßigen Büßern

Büßer aus Tarent
Alexandra Barone
Die Büßer pilgern bis zu acht Stunden zu den verschiedenen Kirchen in Tarent, barfuß und um Vergebung für ihre Sünden bittend.
Die Karwoche im Süden Italiens
Von Passionsspielen und barfüßigen Büßern
Was in Spanien die Semana Santa ist, heißt in Italien "Settimana Santa". Die Rede ist von der Heiligen Woche, der Karwoche. Ein Termin, der in Italien eine wichtige Rolle spielt und gebührend begangen wird – mit Passionsspielen und barfüßigen Büßern. evangelisch.de-Redakteurin Alexandra Barone berichtet aus Italien.

Eigentlich fängt im Süden Italiens Ostern bereits Wochen vor der Karwoche an. Damit sich die vielen Termine nicht überschneiden und die Menschen so viele "Veranstaltungen" wie möglich besuchen können, scheint es, dass sich die Gemeinden untereinander absprechen. In diesem Jahr sind die Vorbereitungen Mitte März gestartet, erzählt meine Cousine: Kreuze werden gesegnet, Kirchen gereinigt und die Passion von Laiendarstellern geprobt. 

Am Wochenende des Palmsonntags ist es dann soweit: Die Gemeinden laden zur Passion Christi. Ausgewählte Gemeindemitglieder haben monatelang geprobt, damit das wichtige Ereignis professionell dargeboten wird. Ganze Dörfer und Städte sind anwesend und alle, die etwas von sich halten.
In Deutschland wird diese Tradition in nur wenigen Städten live von Menschen dargestellt. Die wohl bekanntesten Passionsspiele finden in Oberammergau statt. Im Süden von Italien ist die Tradition der Passionsspiele aber weit verbreitet.

Sie zeigt das komplette Leben Jesu: seine Geburt, seine Wunder, seine Predigten, sein Leben mit den Jüngern, das letzte Abendmahl und natürlich auch seinen Kreuzweg und die Auferstehung. Allerdings wird die Passion als Schauspiel inszeniert und ist nicht mit der Via Crucis zu verwechseln, die an Karfreitag Jesus‘ Weg mit dem Kreuz durch Jerusalem bis hin zur Kreuzigung auf dem Berg Golgota darstellt. Aber jetzt nochmal zurück zum Palmsonntag.

Keine Frauen bei den "Wettbewerben" in Tarent

Der Palmsonntag ist ein besonderer Tag – auch für die Stadt Taranto in der Region Apulien. Dort herrscht große Spannung wegen der sogenannten "Gare" (den Wettbewerben), die dazu dienen, die Teilnehmenden an den beiden Osterprozessionen in Taranto – der Prozession der Addolorata (dt. Schmerzensmutter) am Gründonnerstag und der Prozession der "Mysterien" (religiöse Symbole und Statuen)  am Karfreitag – auszuwählen sowie Spenden für die Beauftragung der Musikgruppen, die Gestaltung des Grabes und die Organisation der religiösen Veranstaltung im Allgemeinen zu sammeln.

Die Gebote werden von den Bruderschaftsmitgliedern laut ausgesprochen, als handele es sich um eine echte Auktion: Wer das höchste Gebot abgibt, erhält das Symbol, um das er sich beworben hat. Er wird dann das Gewand der Bruderschaft tragen und an einer der beiden Prozessionen teilnehmen, wenn nicht sogar an beiden. Das Wort "gare" taucht erstmals 1850 in offiziellen Dokumenten auf, feiert in diesem Jahr also sein 176. "Jubiläum". Leider geschieht dies hinter verschlossenen Türen und als Frau darf ich nicht einmal mitbieten. Also gehe ich lieber zum Familienessen und schaue mir am Abend die Passion Christi an. 

Am Palmsonntag werden in vielen süditalienischen Gemeinden an mystischen und geschichtsträchtigen Orten die Passionsspiele von Menschen dargestellt.

Sobald es dunkel ist, geht es los: Auf der Burg, welche von Normannen im Mittelalter erbaut wurde (und in Italien gibt es davon "en masse"), vor mystischer Kulisse, lasse ich das Leben und Leiden Christi Revue passieren und bin beeindruckt von der Leidenschaft der Darstellung. Das Wort Leidenschaft liegt den Italiener:innen sowieso im Blut und so wundert mich es nicht, dass der "erwachsene" Jesus-Darsteller auf meine Frage, was es für ihn heißt Christus darzustellen, antwortet: "Ich nehme dies sehr ernst und bereite mich gut vor". Der diesjährige Jesus-Darsteller heißt Giuseppe, also Josef. Die Jungfrau Maria wird – wie soll es anders sein – von einer Maria dargestellt. Am Gründonnerstag geht es dann weiter mit den Feierlichkeiten. 

Barfuß bis zu 8 Stunden durch Tarent: die Büßer

Noch vor der Karfreitagsprozession gibt es eine Tradition in Tarent, die jeden beeindruckt: die "Perdùni", die Büßer der Bruderschaft des Carmine. Am Gründonnerstag öffnen sich die Pforten der Kirche Maria Santissima del Monte und paarweise treten sie in kleinen Abständen ihre Pilgerreise zu den Altären der Reposition (den "Grabstätten") zwischen Borgo Nuovo und der Altstadt an. Dieses Spektakel wollte ich mir nicht entgehen lassen und bin extra nach Tarent gefahren. Nachmittags stehe ich inmitten eines aufgeregten Publikums unter strömenden Regen vor der besagten Kirche und um punkt 15:00 Uhr sehe ich sie: Barfuß, vermummt, mit Rosenkranz und Pilgerstab. Ich denke sofort an die "Kapuzenmänner" der südspanischen Tradition der Semana Santa. Mit dem Ku-Klux-Clan hat das allerdings herzlich wenig zu tun, hier geht es um Anonymität und Buße einiger Mitglieder der Bruderschaft del Carmine.

Paarweise treten die Perdùni, die Büßer, aus der Kirche Maria Santissima del Monte, um barfuß bis zu acht Stunden durch die süditalienische Stadt Tarent zu pilgern.
 

Es ist einen Moment in Taranto, in dem die Zeit stillsteht. Die Geräusche verstummen, und die Stadt bewegt sich im Tempo der "Nazzecata", dem langsamen wiegenden Schritt der Büßer. "Dieses Jahr dürfen die Büßer mit einem Regenschirm von einem ihrer Familienmitglieder begleitet werden", sagt mir eine ältere Dame. Sie kennt diese Tradition seit sie ein kleines Kind ist und rät mir, Richtung Altstadt zu gehen, denn um 17 Uhr beginnt eine eindrucksvolle Messe in der Kirche San Domenico Maggiore, der Hauptkirche der "konkurrierenden" Bruderschaft der Maria Santissima Addolorata e San Domenico. Beide Bruderschaften gibt es seit dem 16. Jahrhundert und sie galten als die Hüter der beiden wichtigsten "Schätze": die Statuen des toten Jesus und die der Schmerzensjungfrau. Ich komme gerade rechtzeitig, um die kleine Prozession mit der Statue der Schmerzensmutter zum Dom San Cataldo zu sehen, wo eine weitere Messe stattfindet.

Prozessionen bis zu 16 Stunden

Die Settimana Santa in Tarent ist voll von wichtigen Veranstaltungen. Damit sich die beiden wichtigsten Bruderschaften nicht "in die Quere" kommen, beenden die Büßer ihre Pilgerreise um Mitternacht. Dann beginnt die Prozession der Addolorata, die auch schon mal 16 Stunden dauern kann. Dieses Jahr wird der Beginn allerdings wahrscheinlich verschoben, berichtet mir die örtliche Polizei. Ich beschließe also, nach Hause zu fahren, damit ich fit genug bin, um mir am Abend die Via Crucis anzuschauen. 

In Deutschland kann sie auch mal bis zu 4 Stunden dauern. In Ulm begeht die italienische Gemeinde seit 20 Jahren am Karfreitag den Lebendigen Kreuzweg. Rund 80 Darsteller und Darstellerinnen unter Leitung von Nico Albarino erinnern dann an den Leidensweg Jesu und die Botschaft von der Liebe Gottes am Kreuz. Nico Albarino stammt – wie wundern uns nicht – aus Süditalien, wo der Kreuzweg gut und gerne auch 12 bis 14 Stunden dauern kann.

In einigen Gemeinden werden bereits am Ostersamstag Gottesdienste abgehalten, die von der Auferstehung Jesu berichten. In vielen Haushalten in Süditalien laufen dann die letzten Vorbereitungen des Osteressens auf Hochtouren – so auch bei uns, denn nach dem Gottesdienst ist am Ostersonntag wird gemeinsam gegessen. Was genau zu der kulinarischen Tradition gehört, davon berichte ich euch dann am Sonntag.