Käßmann "enttäuscht" von EKD-Friedensdenkschrift

Margot Käßmann
epd-bild/Thomas Lohnes
In Zeiten der Aufrüstung müsse die Kirche "glasklar für Abrüstung plädieren", sagt die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann.
Pazifismus in der Kirche
Käßmann "enttäuscht" von EKD-Friedensdenkschrift
Die Theologin Margot Käßmann bleibt auch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs bei ihrer pazifistischen Grundhaltung. Über die neue Friedensdenkschrift ihrer Kirche ist sie "enttäuscht". Eine zu geringe Rolle des Pazifismus beklagen auch der EKD-Friedensbeauftragte und sein Vorgänger.

Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hat die neue Friedensdenkschrift ihrer Kirche kritisiert. Für sie sei damit "eine große Chance verpasst" worden, "in Zeiten massiver Aufrüstung glasklar für Abrüstung zu plädieren", schreibt Käßmann in einem Gastbeitrag des Mitgliedermagazins der "Deutschen Friedensgesellschaft" mit Sitz in Stuttgart.

Die ehemalige hannoversche Bischöfin schreibt, sie sei "enttäuscht" von dem Grundsatzpapier, das die EKD im November 2025 veröffentlicht hatte. Nach der kontroversen Debatte innerhalb der evangelischen Kirche über Waffenlieferungen an die von Russland angegriffene Ukraine wurde die alte Friedensdenkschrift der EKD überarbeitet. Das neue Papier rechtfertigt den Einsatz militärischer Gewalt, indem es dem Schutz vor Gewalt Priorität einräumt. Verständnis äußert das Papier auch für die aktuellen Aufrüstungsbemühungen, die Wehrpflicht und die Abschreckung mit Atomwaffen.

Käßmann, die sich bereits in der Vergangenheit kritisch über jegliche Form von Aufrüstung und Waffenlieferungen geäußert hatte, schreibt in ihrem Beitrag, als Ermutigung der Friedensbewegung lasse sich die Denkschrift "nicht wirklich lesen". Sie bezeichnete dies als "traurig". "Gerade in diesen Zeiten könnte die evangelische Kirche eine starke, klare Stimme für den Frieden und den Abbau von Feindbildern sein, wie sie es in den 80er-Jahren in Deutschland Ost und West war", schreibt Käßmann, die bis 2010 Bischöfin in Hannover und EKD-Ratsvorsitzende war.

Pazifismus privatisiert

Konkret kritisierte sie in dem Beitrag unter anderem eine Passage, wonach aus ethischer wie völkerrechtlicher Perspektive sogar "eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein" könne. "Das öffnet meines Erachtens Willkür Tür und Tor", schreibt die Theologin.

Eine zu geringe Rolle des Pazifismus in der EKD-Friedensdenkschrift beklagen auch der EKD-Friedensbeauftragte Friedrich Kramer und sein Vorgänger Renke Brahms. Pazifismus werde in der Denkschrift mehr in den privaten Bereich überführt, kritisierte Kramer auf einem Friedenskongress in Uelzen nach Angaben der Evangelischen Friedensarbeit im Raum der EKD.

Kirche verpasst "eine Riesenchance"

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe die UN in ihrer Charta eine pazifistische Weltordnung entworfen, in der Gewalt und Krieg generell verboten werde und nach gewaltfreien Lösungen gesucht werden solle, erklärte Kramer. Auch wenn diese Weltordnung von den Mächtigen infrage gestellt werde, bedeute das nicht, dass diese nicht mehr gelte, sagte der mitteldeutsche Landesbischof. Gerade angesichts aktueller Kriege brauche es Menschen, die Nein sagten.

Auch der frühere EKD-Friedensbeauftragte Renke Brahms bemängelte, dass in der Denkschrift Pazifismus als Ausdruck gelebter Frömmigkeit ins Private verschoben werde. Indem es keine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Pazifismus-Formen gebe, lasse die Denkschrift eine Riesenchance aus, sagte der ehemalige theologische Repräsentant der Bremischen Evangelischen Kirche.

Zivile Konfliktbearbeitung fehle völlig in der Denkschrift. In der Frage der Nuklearwaffen sei die Denkschrift zudem widersprüchlich und inkonsequent. Die frühere Präsidentin von "Brot für die Welt", Cornelia Füllkrug-Weitzel sprach von einem "totalen Bruch der internationalen Ordnung", auch eine neue Weltfriedensarchitektur sei nicht erkennbar. Es herrsche wieder Großmachtdenken, die Vereinten Nationen würden zerstört und der Multilateralismus sei am Ende. Hier brauche es neue Allianzen und auch Kooperationen unter Einbindung des globalen Südens zur Lösung dringender Probleme der Welt.

Unter dem Titel "'Böse von Jugend auf' - Realismus in der Friedensfrage?" befasste sich der dreitägige Friedenskongress in Uelzen mit der EKD-Friedensdenkschrift. Veranstalter waren die Tagungsstätte "Woltersburger Mühle" in Kooperation mit der Evangelischen Friedensarbeit im Raum der EKD.