So könnte auch ein Horrorfilm beginnen: Der Wolfgangsee im Morgengrauen, Nebelschwaden wallen über den Wellen, ein Fischer holt sein Netz ein. Die düstere Musik verkündet drohendes Unheil, und tatsächlich taucht wie aus dem Nichts ein Boot mit grausiger Fracht aus dem Nebel auf: Am Mast ist ein junger Mann gekreuzigt worden, mit dem Kopf nach unten, wie einst Petrus, der dies ausdrücklich gewünscht hatte, weil er seiner Ansicht nach nicht würdig sei, auf gleiche Weise wie Jesus zu sterben. Der Fall, ahnt die zuständige Salzburger Polizistin, wird mühsam: Das zuvor mit einer Überdosis Insulin ermordete Opfer ist der Sohn eines Landtagsabgeordneten. Der einflussreiche Politiker verfügt dank seiner guten Beziehungen, dass Anna Grünwald gemeinsam mit Thomas Meiberger ermitteln soll; der renommierte Kriminalpsychologe ist ein Freund der Familie.
Der vermeintlich neue "Salzburg-Krimi" der ARD ist in Wirklichkeit ein alter Hut. Auf dem österreichischen Servus TV tummelt sich der von Fritz Karl verkörperte forensische Psychologe schon seit 2018, allerdings unter dem Titel "Meiberger – Im Kopf des Täters". Hierzulande lief die Serie bei Vox, wenn auch wohl offenbar nicht so erfolgreich wie erhofft: Die dritte Staffel hat der Privatsender ebenso wenig gezeigt wie einen ersten Film ("Mörderisches Klassentreffen", 2021). Tatsächlich ist Karls Rolle nur bedingt originell; sie lebt in erster Linie vom Hauptdarsteller. Neu ist dagegen die Frau an seiner Seite.
Lisa Schützenberger ist hierzulande kaum bekannt, aber das dürfte sich nun ändern, selbst wenn sich die Kombination des Duos eines bewährten Musters bedient: Die Polizistin hat überhaupt keine Lust, sich von dem zu Alleingängen neigenden Amateurermittler ins Handwerk pfuschen zu lassen, muss aber anerkennen, dass er meistens richtig liegt. Ihre kleinen Kommentare, meist mimisch, gelegentlich aber süffisant verbal geäußert, geben dem Zusammenspiel die nötige Würze.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Karl und Schützenberger sind ein sehenswertes Team, zumal die Kombination Potenzial für weitere Filme bietet, denn die beliebte, aber auch etwas angestaubte Konstellation – erfahrener älterer Ermittler und aufmüpfige junge Kollegin – wird hier mit Erfolg variiert: Die Polizistin sagt, wo’s lang geht. Dass Meiberger trotzdem immer wieder eigene Wege einschlägt, erschwert zwar die Zusammenarbeit, verleiht ihr aber auch ein reizvolles gewisses Etwas, zumal sie sich zumindest im ersten von zwei neuen Filmen, die die ARD-Tochter Degeto in Auftrag gegeben hat, tatsächlich auf eine rein berufliche Ebene beschränkt.
Zweiter Einschaltgrund ist die dramaturgisch wirkungsvoll konzipierte sowie von Till Franzen angemessen düster und fesselnd umgesetzte Geschichte. "Tod am See" ist nach über 35 Jahren vor der Kamera das Drehbuchdebüt des Hauptdarstellers (unter dem "Pseudonym" Friedrich Anton Karl; Franzen wird als zweiter Autor genannt). Die erste Spur führt das Duo Meiberger und Grünwald in die Universität: Das Mordopfer war angehender Mediziner. Sein Professor (Peter Lohmeyer) betont zwar, keine privaten Kontakte zu den Studierenden zu pflegen, aber in diesem Fall hat er, wie sich schließlich zeigt, mehr als nur eine Ausnahme gemacht. Bilder von Gemälden mit sakralem Inhalt lassen die Polizistin umgehend vermuten, dass Rost in den Mord verwickelt ist. Der Verdacht wandelt sich zur festen Überzeugung, als es noch weitere männliche Opfer gibt, alle auf ähnlich bizarre und gleichfalls religiös inspirierte Weise öffentlich zur Schau gestellt; in Rosts Keller findet sich eine ganze Sammlung entsprechender klassischer Gemälde. Meiberger bleibt trotzdem skeptisch, hat als Argument allerdings nur sein Bauchgefühl ("Berufserfahrung") zu bieten. Tatsächlich findet sich die Lösung für die Morde in einer weit zurückliegenden Vergangenheit.
Die prominente Besetzung kleiner Nebenrollen (Gregor Bloéb, Nina Proll) ist im Grunde unerheblich, auch die Mitwirkung von Anna Loos ist kaum der Rede wert. Ihre Rolle ist nur deshalb interessant, weil die Uni-Dekanin in einen Interessenskonflikt gerät: Meiberger hat sich als Dozent beworben, aber auch ein Verhältnis mit seiner zukünftigen Chefin. Die Bildgestaltung (Matthias Pötsch) ist sorgfältig, verzichtet jedoch abgesehen von wenigen Panorama-Einstellungen auf touristische Salzburg-Impressionen, die ganz im Gegensatz zur ausgezeichneten Musik (Manfred Plessl) ohnehin nicht zur Handlung gepasst hätten. Die Auflösung präsentiert Franzen in einer handwerklich eindrucksvollen und auch psychologisch hochinteressanten Szene, als Musik, Kamera und Schnitt einen perfekten rhythmischen Dreiklang ergeben.


