Wie politisch soll Kirche sein? Zum Katholikentag in Würzburg geben Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, unterschiedliche Antworten.
"Viele Menschen erwarten von der Kirche vor allem spirituelle Impulse, nicht Austauschbarkeit oder Beliebigkeit", sagt Klöckner in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen. Kirche müsse "mehr sein als eine Nichtregierungsorganisation, die gesellschaftspolitische Wünsche im Hier und Jetzt erfüllen soll". Der Hildesheimer Bischof Wilmer wiederum betont: "Kirche kann gar nicht anders als politisch sein, weil das Evangelium Politik pur ist."
Im vergangenen Jahr hatte Klöckner vor dem Deutschen Evangelischen Kirchentag Anfang Mai in Hannover eine Kontroverse mit einer ähnlichen Interviewäußerung ausgelöst, die auch dahingehend interpretiert worden war, dass die Parlamentspräsidentin tagespolitische Äußerungen der Kirchen rundweg ablehnt. Damals lag eine gemeinsame Abstimmung der Unionsfraktion mit der AfD im Bundestag zur Migrationspolitik wenige Wochen zurück. Diese war von beiden großen Kirchen scharf kritisiert worden.
Klöckner sorgt sich um "Alleinstellungsmerkmal"
Nun warnt Klöckner, die katholische Theologie studiert hat, erneut: "Wenn Kirche dem Zeitgeist gefallen und sich ständig neuen innerweltlichen Trends anpassen will, verliert sie ihr Alleinstellungsmerkmal." Wenn Kirche den Eindruck mache, sie sei wie ein Parteitag, ganz gleich welcher Partei, werde sie nicht das erfüllen, was die Menschen in ihr suchen. Kirche könne Sehnsuchtsort und Anziehungspunkt sein.
"Mit ihren Ritualen, der Liturgie, den jahrtausendealten Geschichten der Bibel. Also mit etwas auch, das sich nicht sofort erschließt, das ein bisschen quer steht zu einer Welt, die schnell und flüchtig ist", sagt Klöckner.
Wilmer: Kirche muss Anwältin sein
Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Wilmer, sagt im "Morgenmagazin" des ZDF, Jesus sei im Namen Gottes für alle Menschen dagewesen. Und wenn Politik bedeute, alle in den Blick zu nehmen, dann müsse Kirche politisch sein. "Nicht parteipolitisch, nicht tagespolitisch, aber Kirche muss Anwältin sein", sagte Wilmer am Rande des Katholikentages und nannte explizit das Eintreten für Klima- und Umweltschutz. "Kirche muss den Schrei der Schöpfung hören", betont der oberste Repräsentant deutschen Katholiken.
In Würzburg war der 104. Deutsche Katholikentag am Mittwochabend eröffnet worden. Zu dem fünftägigen Treffen werden bis Sonntag Zehntausende Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu rund 900 Veranstaltungen erwartet. Am Freitag werden zahlreiche Spitzenpolitikerinnen und -politiker in Würzburg sprechen, unter ihnen Parlamentspräsidentin Klöckner, Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU).




