Zu allem Überfluss tanzte dem Hauptkommissar Faber der Täter auch noch mehrere Filme lang auf der Nase ’rum. Kaum hatte der zu Depressionen neigende Ermittler dank Martina Bönisch endlich wieder Halt in der Welt gefunden, wurde die Kollegin ermordet. Mit den anderen Mitgliedern seines Team ist er nie richtig warm geworden. Zu Rosa Herzog hat er immerhin endlich Vertrauen gefasst, aber auch diese Beziehung endet nun jäh.
Jürgen Werner, Schöpfer des 2012 gestarteten "Tatort" aus Dortmund, bringt gemeinsam mit Regisseur Torsten C. Fischer zu Ende, was beide mit "Abstellgleis" (2025) begonnen haben. Seit damals lastet auf Faber (Jörg Hartmann) der Verdacht, seinen ewigen Widersacher Haller, Leiter der Kriminaltechnik, erstochen zu haben; Dezernatsleiterin Klasnić (Alessija Lause) hat mit den Ermittlungen ausgerechnet den zum LKA gewechselten Ex-Kollegen Kossik (Stefan Konarske) betraut, der seinen früheren Chef noch nie leiden konnte. Prompt tut der Mann alles, um seinen früheren Chef als Mörder zu entlarven, was darin gipfelt, dass er Faber und Herzog (Stefanie Reinsperger) bespitzeln lässt.
Diese Ebene von "Schmerz" ist emotional derart fesselnd, dass der Grad der Anteilnahme eigentlich kaum noch zu steigern ist. Deshalb lässt Werner das Team in einem Fall ermitteln, der es in sich hat: Die Ermordung eines Club-Besitzers führt schließlich rund dreißig Jahre in die Zeit des Jugoslawien-Kriegs zurück. Die Handlung ist allerdings aufgrund der diversen Figuren, die nacheinander aus dem Leben scheiden, derart komplex, dass selbst Faber und Herzog irgendwann nicht mehr durchblicken, zumal Werner auch mit diesem zweiten zentralen Handlungsstrang an "Abstellgleis" anknüpft: Ein kurz zuvor getöteter junger Mann war der Neffe von Lorik Duka (Kasem Hoxha). Der Galeriebesitzer stand schon im vorletzten Fall kurzzeitig unter Mordverdacht, zumal er einem einflussreichen Clan angehört. Nun offenbart Werner, warum er und Klasnić sich nahe stehen, und jetzt wird es kompliziert: Es geht um Kriegsverbrechen, die serbische Milizen damals in Bosnien begangen haben. Der Clubbesitzer entpuppt sich ebenso wie ein Mordopfer aus dem Duisburger Rotlichtmilieu als untergetauchter ehemaliger Offizier, der vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden ist.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Spätestens jetzt ist "Schmerz" von bedrückender Aktualität. Das Wort Ukraine fällt zwar kein einziges Mal, aber auch dort werden Massenvergewaltigungen als denkbar abscheuliches Mittel der Kriegsführung eingesetzt. Klasnić hat das als Jugendliche in Bosnien mitansehen müssen und ist später als Mitglied der durch die Nato eingesetzten Kosovo-Truppe (KFOR) in ihre alte Heimat zurückgekehrt; damals hat sie auch Duka kennen gelernt. Die vielschichtigen Hintergründe erfordern einigen Erklärungsbedarf, führen aber immerhin zu einer Annäherung zwischen Faber und seiner sonst stets unnahbaren und daher tendenziell eher unsympathischen Chefin, die sich jetzt von einer sehr verletzlichen Seiten zeigt. Gleichzeitig ermittelt der Hauptkommissar trotzdem weiter in eigener Sache: Um endlich den Mordverdacht loszuwerden, muss er den Fall Haller klären und macht dabei eine zwar nicht völlig überraschende, aber dennoch bedrückende Entdeckung.
Mit "Schmerz" schließt sich auch der Kreis für Stefanie Reinsperger: Rosa Herzogs elfter Fall ist ihr letzter. Der "Tatort" aus Dortmund bleibt somit einem Merkmal treu, das ihn von allen anderen Sonntagskrimis unterscheidet: In keinem Kommissariat ist die Fluktuation derart groß wie hier. Da trifft es sich gut, dass mit Grimme-Preisträger Jörg Hartmann, für die ARD-Serie "Weissensee" auch mit dem Deutschen Fernsehpreis geehrt, das herausragende Ensemble-Mitglied die einzige Konstante bildet. Regisseur Fischer, seinerseits mit gleich zwei deutschen Fernsehpreisen ausgezeichnet, hat mit "Schmerz" seinen vierten "Tatort" aus Dortmund (alle nach Werner-Drehbüchern) und zudem diverse meist mehr als sehenswerte WDR-Sonntagskrimis mit dem Ermittler-Duo Ballauf und Schenk aus Köln gedreht. Die Bildgestaltung (hier: Andreas Köhler) ist meist hochwertig; der betont unbunte und äußerst kühle Look von "Schmerz" passt perfekt zur zunehmend düsteren Handlung, die schließlich in ein dramatisches Finale mündet.


