TV-Tipp: "Stralsund: Jetzt komm ich!"

Fernseher vor gelbem Hintergrund
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21. Februar, ZDF, 20.15 Uhr:
TV-Tipp: "Stralsund: Jetzt komm ich!"
Der Mann mit dem karierten Hemd und den abgetragenen Schuhen passt in die Bar des Rügener Mehr-Sterne-Hotels wie die Faust auf Auge. Prompt labert ihn ein Gast blöd an, was er noch bitter bereuen wird.

Aber erst mal ist Party angesagt: Der vermeintliche Hausmeister, er nennt sich Peter Unger, zückt eine Kreditkarte und schmeißt eine Lokalrunde; plötzlich findet ihn der Handelsvertreter sehr sympathisch. Eine vierstellige Summe später wankt ein Quartett zwecks Saunabesuch in den längst geschlossenen Wellness-Bereich. Weil der Hotelgast wieder den Schnösel raushängen lässt, verbarrikadiert der vermeintliche Unger kurzerhand die Saunatür und erhöht die Temperatur auf 100 Grad. 

"Jetzt komm ich!" heißt dieser siebte und womöglich bislang beste Film mit Sophie Pfennigstorf als Hauptdarstellerin der 2009 mit Katharina Wackernagel gestarteten ZDF-Reihe "Stralsund". Seine besondere Qualität verdankt der Krimi vor allem dem wichtigsten Episodengast. Martin Brambach hat zu Beginn seiner Karriere öfter mal Schurken gespielt, ehe er darstellerisch die Seiten wechselte und zum TV-Kommissar wurde, erst in "Unter anderen Umständen" (ZDF, 2006 bis 2023), dann als Kommissariatsleiter im "Tatort" aus Leipzig (seit 2016).

Er gehört seit Jahren zu den meistbeschäftigten deutschen Schauspielern, und natürlich hat es immer einen besonderen Reiz, wenn jemand mit derartiger Beliebtheit einen Verbrecher verkörpert. Im Unterschied zu den meisten sonstigen Krimis geht es diesmal nicht um die Aufklärung eines Mordes, denn dank der Kamera im Untergeschoss des Hotels steht außer Frage, wer die Männer in der Sauna eingesperrt hat. Peter Unger war es jedoch nicht, aber er kennt den Täter: Detlev Schulte, ein Bauunternehmer aus Stralsund, hat ihm die Kreditkarte geklaut und befindet sich offenbar auf einem Rachefeldzug.
Auch dank Brambach, aber vor allem aufgrund des ungemein dicht umgesetzten und äußerst sorgfältigen Drehbuchs von Eoin Moore und Anika Wangard entpuppt sich Schulte mehr und mehr als tragische Gestalt der Geschichte.

Nach der Pleite der Stralsunder Volkswerft 1996 hat er sich selbstständig und dank Unger (Steffen Freund) prächtige Umsätze gemacht: Der Investor hat billige Bausubstanz gekauft, Schulte hat sie modernisiert; seither sind die Mieten wie in vielen Großstädten kaum noch bezahlbar. Aber nun hat die Zusammenarbeit aufgrund einer zwar nicht illegalen, moralisch allerdings höchst fragwürdigen Trickserei Ungers ein unrühmliches Ende gefunden. Schulte ist nicht nur pleite, er sitzt auch auf einem riesigen Schuldenberg, und jetzt sollen alle büßen, die sein Elend zu verantworten haben: seine Ex-Frau, die ihn aus Vergeltung für eine aus ihrer Sicht höchst unprofitable Scheidung wegen Korruption angezeigt hat; die Leiterin des Bauamts, die ihm seither keine Aufträge mehr gibt; und natürlich Unger selbst.

Aus dieser ohnehin interessanten Gemengelage hat Regisseur Moore, Spiritus rector des "Polizeiruf" aus Rostock (seit 2010), einen Film gemacht, der durchgehend fesselt, weil die Handlung ständig unerwartete Haken schlägt. Neben Schulte ist Jule Zabek die zweite zentrale Figur, zumal ihr der Bauunternehmer unabsichtlich eine Nahtoderfahrung beschert, als sie nach einer Rangelei im Untergeschoss der Rügenbrücke in die Tiefe stürzt. Schon allein der Schauplatz ist ungewöhnlich, aber noch faszinierender ist die anschließende Idee des Drehbuchgespanns, das seit gut zehn Jahren zusammenarbeitet: Wie sich die Polizistin vor dem scheinbar unausweichlichen Tod durch Ertrinken rettet, ist höchst originell. Das unvermeidliche posttraumatische Belastungssyndrom konfrontiert sie anschließend mehrfach mit verwirrenden Trugbildern. 

Zabeks Chef, Karl Hidde (Alexander Held), hat’s derweil auch nicht leicht: Ein neuer Oberboss (Boži Kocevski) will die Kriminalpolizei umkrempeln, traut dem altgedienten Stralsunder Kripochef nicht zu, dass er sich an die veränderten Abläufe gewöhnt und legt ihm den Ruhestand nahe. Hiddes Reaktion ist schließlich ebenso überraschend wie konsequent. Da also sämtliche Beteiligten aus unterschiedlichsten Gründen unter Druck stehen, ist die Intensität des Films fast automatisch hoch; Moore brauchte bei seiner Umsetzung gar kein zusätzliches Tempo vorlegen. Schulte ist als ein Mann, der sich sein Leben lang abgerackert hat und am Ende mit leeren Händen da steht, ist ohnehin die perfekte Identifikationsfigur, weshalb sein kriminelles Treiben inklusive des geplanten Abgangs mit ohrenbetäubendem Knalleffekt mindestens nachvollziehbar, wenn nicht gar sympathisch ist.