Entsprechend groß ist der Unmut, wenn boshafte Mitmenschen trotzdem verraten, wie’s ausgegangen ist. Wer das nicht nachvollziehen kann: Beim Krimi will man ja auch vorher nicht wissen, wer der Täter ist. Entsprechend groß war vor gut sechzig Jahren die Empörung, als der Kabarettist Wolfgang Neuss am Tag vor der Ausstrahlung der letzten Folge in einer Zeitungsanzeige verkündete, dass in der sechsteiligen Verfilmung des Thrillers "Das Halstuch" von Francis Durbridge Dieter Borsche der Mörder war. Diese Mehrteiler hießen damals "Straßenfeger", weil sie Einschaltquoten erreichten, wie sie heute nur noch bei einem Fußball-WM-Finale mit deutscher Beteiligung möglich wären.
Von solchen Zahlen ist die ARD-Freitagsreihe "Mord oder Watt?" naturgemäß weit entfernt, aber im dritten Film trägt sich exakt zur Hälfte ein Ereignis zu, das das Leben der Hauptfigur in seinen Grundfesten erschüttert. Die Nachricht, die Tim Seebach erhält, ist derart verblüffend, dass vermutlich eine besonders ausgeprägte Form von weiblicher Intuition nötig ist, um vorab zu erahnen, was den beliebten Schauspieler derart aus der Bahn wirft. Gut möglich, dass Michael Gantenberg, der die Drehbücher zu den beiden ersten Episoden noch gemeinsam mit Lars Albaum geschrieben hat, exakt diesen Vorfall als Ausgangspunkt seiner Geschichte vor Augen hatte.
Allerdings hat "Die wilde Hilde" noch viel mehr zu bieten, und das liegt nicht zuletzt an der Titelrolle und ihrer Darstellerin. Schon Oliver Mommsen allein wäre weit mehr als bloß ein Einschaltgrund, aber die Kombination mit Angela Roy ist derart gelungen, dass sie der Reihe unbedingt erhalten bleiben sollte: Hilde ist Seebachs Tante und war in jungen Jahren, was man damals einen wilden Feger nannte; kein Wunder, dass sie das Leben des Kommissarsdarsteller kräftig durcheinander wirbelt, als sie nach Jahrzehnten in der Ferne erstmals wieder ihre alte Heimat bei Bremerhaven besucht.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Zum Krimi wird die Komödie, als eine alte Widersacherin tot aufgefunden wird. Adele (Imke Büchel) hatte auf den Anblick Hildes mit hasserfüllter Eifersucht reagiert: Sie war überzeugt, dass die Heimkehrerin ihr den Gatten abspenstig machen will; Ingmar (Karl Kranzkowski) hat den Kontakt zu seiner Jugendliebe nie abgebrochen. Die Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen die beiden Frauen in der Tat bei einem handfesten Streit; es sieht nicht gut aus für Hilde. Seebachs bester Freund Erik (Niels Bormann) hätte allerdings ebenfalls ein Motiv. Er ist der Organisator der traditionellen Schlickschlittenrennen, gegen die Adele als Umweltschützerin des Weltnaturerbes Watt regelmäßig äußerst aggressiv protestiert hat. Ihre Leiche liegt in seinem Schuppen, anscheinend hat sie unmittelbar vor ihrem Tod seinen Schlitten zerstört.
Natürlich ist das als Krimi-Plot nicht unbedingt spektakulär, aber viel wichtiger als die Geschichte ist das eindrucksvolle heitere Potenzial des Drehbuchs. Gantenberg und Regisseur André Erkau, der bislang alle "Mord oder Watt?"-Filme gedreht hat, gelingt dabei das Kunststück, die Handlung nie zum bloßen Vorwand für die vielen Gags und Pointen zu reduzieren. Erneut zeigt sich zudem, wie vortrefflich die Idee war, die Hauptfigur mit einer echten Polizistin zu kombinieren. Der TV-Kommissar hält sich dank seiner umfangreichen Serienerfahrung auch im wahren Leben für einen begnadeten Detektiv und geht Hauptkommissarin Wiebke Tönnessen mit seinen ständigen Einmischungen furchtbar auf die Nerven. Da sie als Mieterin im Haus seiner verstorbenen Mutter lebt und ihre Dusche defekt ist, laufen sich die beiden permanent auch privat über den Weg. Die Trockenheit, mit der Antonia Bill ihre vor Süffisanz geradezu triefenden Dialoge vorträgt, ist ein großes Vergnügen.
Trotzdem wären die Filme ohne Joshua Seelenbinder als Wiebkes eifriger, mitunter aber auch etwas begriffsstutziger Kollege nur halb so witzig. Malte ist ein glühender Bewunderer von Seebachs Serie und kennt sich in den weit über hundert Folgen sogar besser aus als der Schauspieler. Abgerundet wird die rundum gelungene Krimikomödie durch die Spielfreude und Selbstironie, mit der Mommsen seine Rolle verkörpert. Erkaus Inszenierung zeichnet sich nicht nur durch ihr flottes Tempo, sondern mehr noch durch das perfekte Timings der situationskomischen Szenen aus. Das Ensemble, zu dem als Gast auch Martin Brambach beim witzigen Auftakt zählt, ist ohnehin ausnahmslos sehenswert.


