Seit 30 Jahren arbeitet Volkher Jacobsen für die christliche Missions-Fluggesellschaft "Mission Aviation Fellowship" (MAF) - zunächst als Pilot, heute als Ausbilder. Bei Vorträgen teilt er seine Erfahrungen und hält Ausschau nach neuen Piloten.
epd: Sie arbeiten seit über 30 Jahren für den christlichen Flugdienst MAF, davon 14 Jahre selbst als Pilot. Wie sind Sie dazu gekommen?
Volkher Jacobsen: Meine ersten Lebensjahre habe ich in Papua-Neuguinea verbracht, wohin mein Vater als Pfarrer und Diakon vom Neuendettelsauer Missionswerk ausgesandt worden war. Er hat dort Kirchen, Schulen, Krankenstationen, Missionsstationen und Flugplätze mit aufgebaut. Die Missionsfliegerei war Teil unseres Lebens, die Piloten kamen zu uns nach Hause, ich konnte sehen, wie sie arbeiten. Das fand ich so faszinierend, dass ich zu meinen Eltern gesagt habe: "Wenn ich groß bin, mache ich das auch!"
Und an diesem Kindheitstraum sind Sie dran geblieben?
Jacobsen: Ja, ich habe das ziemlich zielstrebig weiterverfolgt. Meine Eltern sind mit mir und meinen zwei älteren Brüdern wieder zurück nach Deutschland, nach Neuendettelsau, gegangen, als ich in die Schule gekommen bin. Dort habe ich mich besonders auf die Fächer konzentriert, die ich brauchte, um Pilot zu werden, etwa Mathematik, Physik und Englisch. Nach meinem Wehrdienst bei der Luftwaffe habe ich fünf Jahre lang in den USA meine Pilotenausbildung gemacht. Danach bin ich von Mission EineWelt übernommen und mit meiner Frau nach Papua-Neuguinea entsandt worden. Mein Kindheitstraum ist also in Erfüllung gegangen.
Warum haben Sie sich damals für Papua-Neuguinea entschieden?
Jacobsen: Es war für mich wie nach Hause kommen. In die Gegend zurückzukehren, wo wir als Missionsfamilie mit meinen Eltern gelebt haben und auf den Pisten zu landen, die mein Vater mitgebaut hat, das war schon genial. Ich sehe meinem Vater relativ ähnlich und die Leute haben mich erkannt und mir ihre Türen und Herzen geöffnet. Sie haben gesagt, du gehörst zu uns. Das waren ganz tolle Momente.
Warum wollten Sie für einen Missions-Flugdienst arbeiten und nicht für eine große Fluggesellschaft?
Jacobsen: Das Tolle an der Fliegerei ist, dass man mit dem Kopf arbeitet, aber die Hände und Füße dann das Wissen umsetzen müssen. Gott hat mir diese Gabe gegeben. Wenn ich damit dann etwas machen kann, das Gottes Reich zusteuert und Menschen Heilung und Hoffnung bringt, dann ist es das Beste von beiden Welten. Das bekommst du nicht bei Lufthansa oder Singapore Airlines.
Wie sieht ein typischer Tag eines MAF-Piloten aus?
Jacobsen: Jeder Tag, jeder Flug ist anders. Mal bin ich Schulbusfahrer, mal Lastwagenfahrer, mal Ambulanzfahrer. Manchmal fliege ich einfach Passagiere von A nach B. Dann kommt plötzlich ein medizinischer Notfall rein, ich muss einen Umweg fliegen, die Sitze ausbauen und Verletzte oder Kranke und ihre Angehörigen ins Krankenhaus fliegen. Beim nächsten Flug habe ich eine Ladung Dieselfässer, die auf eine Missionsstation gebracht werden müssen, damit dort der Generator läuft. Auf dem Rückflug nehme ich vielleicht Kakao, Kaffee oder Vanille in die Stadt mit, damit das dort verkauft werden kann und die Dorfgemeinschaften ein bisschen Geld einnehmen für Schulgeld oder Medikamente. Ich habe auch schon 400 Kilo Bienen transportiert, weil jemand eine Honigkultur aufbauen wollte.
"Im Zweifel schmeißen wir dann das ganze Flugprogramm über den Haufen, um ein Leben zu retten."
Welche Flüge sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Jacobsen: Die medizinischen Flüge sind die intensivsten, sie machen ungefähr die Hälfte unserer Flüge aus. Entweder fliegen wir Ärzte von der Stadt in entlegene Regionen oder wir werden angerufen, wenn es dort einen Notfall gibt, den wir ins Krankenhaus fliegen sollen. Dann müssen wir überlegen: Wo kann ich dort landen? Haben wir Platz im Flugzeug? Haben wir genug Sprit? Wie ist das Wetter? Im Zweifel schmeißen wir dann das ganze Flugprogramm über den Haufen, um ein Leben zu retten.
Leider passiert es auch, dass der Patient auf dem Flug stirbt. Aber es sind im Flugzeug auch schon Kinder auf die Welt gekommen. Das sind sehr intensive Momente, wenn man merkt, es geht jetzt um Leben und Tod. Und ich darf die Person sein, die da hoffentlich den Unterschied macht, ob jemand sein Leben weiterleben kann. Wenn wir diese Flüge nicht machen würden, würde sie niemand machen. Wenn die Infrastruktur, die wir in unseren Einsatzländern über das Flugzeug bereitstellen, fehlen würde, würden Missionsstationen schließen, Schulen, Kakao- und Kaffeeplantagen würden zumachen, es gäbe große Rückschritte für die Menschen, im Gesundheitswesen, im Bildungswesen. Alle würden darunter leiden.
Gab es auch Dinge, die anders waren, als Sie sich das als Kind vorgestellt hatten?
Jacobsen: Ich musste am Anfang meinen Frieden machen mit dem Risiko. Um mich herum sind ein paar Sachen passiert, die mir den Wind aus den Segeln genommen haben, tödliche Abstürze von Kollegen etwa. Das war nicht so leicht, sich dem zu stellen und das zu verarbeiten, auch emotional. Aber es war eine notwendige Phase.
Welche Risiken birgt die Arbeit als MAF-Pilot?
Jacobsen: Mechanische Fehler kommen eigentlich nicht mehr vor, weil die Technologie und die Materialien sich so verbessert haben und unser Wartungsbetrieb so gewissenhaft ist. Weil wir aber so viel fliegen und so vielen Gefahren ausgesetzt sind, passieren eben doch Unfälle. Meistens ist das Wetter das Problem, plötzliche Windböen, starker Regen, der die Landebahnen aufweicht. Dann sind die Pisten beispielsweise in Papua-Neuguinea oft nur sehr kurz und steil, weil sie an Berghängen gebaut wurden.
Mittlerweile fliegen Sie nicht mehr selbst als Pilot. Was machen Sie heute?
Jacobsen: 2009 bin ich mit meiner Frau und unseren drei Kindern nach Australien gezogen. Heute organisiere ich Fortbildungen für die weltweit etwa 120 MAF-Piloten. Dafür bin ich wieder viel in Papua-Neuguinea, aber auch in Ost-Timor, Uganda, Kenia, Südsudan. Außerdem mache ich noch Projektarbeit: Gerade organisieren wir zum Beispiel ein Wasserflugzeug für Papua-Neuguinea.
"Du bist der Chef in der Maschine, du musst alles selber können, fliegen, navigieren, ein- und ausladen, dich um die Passagiere kümmern, manchmal sogar das Flugzeug warten."
MAF finanziert sich zum Großteil aus Spenden. Bei Ihren Vortragsreisen werben Sie deshalb um Gelder, aber auch um potenzielle Piloten. Was muss man mitbringen, um bei MAF als Pilotin oder Pilot anzufangen?
Jacobsen: Zunächst braucht man die normale Verkehrspilotenlizenz, die man auch braucht, um bei den großen Fluggesellschaften einzusteigen. Aber als Missionspilot fliegt man ganz alleine, ohne Co-Pilot oder Kabinenbetreuung. Du bist der Chef in der Maschine, du musst alles selber können, fliegen, navigieren, ein- und ausladen, dich um die Passagiere kümmern, manchmal sogar das Flugzeug warten. Im Busch gibt es auch kein Radar oder Fluglotsen. Das müssen die Leute wissen. Sie sollen mit offenen Augen an diese Arbeit herangehen und nicht mit zu romantischen Vorstellungen. Die Arbeit als Missionspilot ist etwas ganz Besonderes.
Über MAF
Die weltweit tätige Missions-Fluggesellschaft "Mission Aviation Fellowship" (MAF), ist ein internationaler christlicher Flugdienst, der mithilfe der Luftfahrt "Hilfe, Hoffnung und Heilung" in die abgelegensten Gemeinden der Welt bringen will. MAF fliegt nach eigenen Angaben in 27 Ländern mit 123 Kleinflugzeugen zu Menschen, die an isolierten Orten leben, an die keine oder nur schlechte Straßen führen und die sonst kaum erreichbar wären. Die Missionspiloten des kirchlichen Flugdienstes springen als ambulanter Rettungsdienst ein und bringen Verletzte in Krankenhäuser, kirchliche Mitarbeiter zu ihren Einsatzorten oder Lehrer zu ihren Schulen. Auch für Transporte von Medizin, Lehrmitteln für Schulen, Baumaterialien, Lebensmitteln und auch Tieren seien die MAF-Flugzeuge sehr wichtig. In den meisten Ländern engagiert sich MAF langfristig, bei Katastrophen wie Erdbeben, Überflutungen oder Bürgerkriegen können es aber auch kürzere Einsätze sein. Angefragt werden die Dienste von Bundes- oder Landesregierungen, Provinzen, Hilfs- und Entwicklungsorganisationen oder Missionswerken und lokalen Kirchengruppen.
MAF ist ein Zusammenschluss internationaler christlicher Organisationen und arbeitet nach eigenen Angaben weltweit mit etwa 2.000 Partnern zusammen. Die etwa 500 MAF-Mitarbeiter im Auslandseinsatz bekommen kein Gehalt vom Missionsflugdienst, sondern müssen sich Sponsoren oder einen Freundeskreis suchen, der sie finanziell unterstützt. In Deutschland ist MAF seit 1991 als eingetragener Verein mit Sitz der Geschäftsstelle in Mainz tätig.


