TV-Tipp: "Requiem für einen Freund"

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21.11., 3sat, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Requiem für einen Freund"
Anders als etwa die genuinen ZDF-Reihen "Neben der Spur" (bis 2022) oder "Spuren des Bösen" (bis 2021) haben die Verfilmungen der Joachim-Vernau-Bücher von Elisabeth Herrmann keine einheitliche Linie gefunden.

Im Unterschied zu den Thrillern mit Ulrich Noethen beziehungsweise Heino Ferch fehlen den Krimis mit Jan Josef Liefers ein klar definierter Markenkern sowie eine horizontale Erzähllinie, die eine Entwicklung der Hauptfigur beschreiben würde. Hinzu kommt eine deutlich niedrigere Schlagzahl: "Requiem für einen Freund" (TV-Premiere war 2021) ist erst der sechste Film seit 2012.

Entscheidenderes Manko vieler Filme waren jedoch die dramaturgischen Schwächen; nach dem sehenswerten Auftakt ("Das Kindermädchen") hat die Qualität der Reihe deutlich abgenommen. Das änderte sich mit "Totengebet" (2019), der ersten Adaption, die nicht von der Autorin selbst, sondern von Regisseur Josef Rusnak und André Georgi vorgenommen wurde. 

Rusnak hat auch die letzten drei Folgen für "Neben der Spur" sowie, ebenfalls mit Noethen, den ersten Film der Nachfolgereihe "Stiller" gedreht. Seine Vernau-Premiere war zudem auch optisch sehenswert. Für seinen zweiten Betrag gilt das nicht minder; Kameramann Moritz Anton steht ohnehin für eine regelmäßig bemerkenswerte Bildgestaltung. Die Handlung ist von gewohnter Komplexität, zumal Rusnak, der das Drehbuch diesmal allein verfasst hat, mit dem Prolog clever die Neugier schürt: Eine Staatsanwältin wählt den Notruf der Polizei; sie fühlt sich bedroht und sagt, sie könne niemandem mehr trauen, weil alle unter einer Decke steckten. Als eine Streife zu ihrem Haus kommt, ist sie tot; allem Anschein nach hat sie sich in der Garage mit Auspuffgasen das Leben genommen. 

Die Einführung schwebt eine Weile als Fragezeichen über der eigentlichen Geschichte, die vier Jahre später einsetzt, denn natürlich fragt man sich fortwährend, was der mutmaßliche Mord mit einem weiteren vermeintlichen Suizid zu tun hat: Während sich der Berliner Anwalt Vernau mit seinem Freund und früheren Mentor Sebastian Marquardt (August Zirner) beim teuren Italiener trifft, arbeitet sich der Steuerprüfer Harry Fischer (Peter Trabner) in der Kanzlei durch die Unterlagen des Anwalts. Mitten in der Nacht fordert der Finanzbeamte ihn auf, umgehend ins Büro zu kommen, doch als er dort eintrifft, ist der Mann tot; anscheinend hat er sich erschossen. Vernaus Nachforschungen führen schließlich dazu, dass sich der Kreis zum Prolog schließt: Vor einigen Jahren sind den Berliner Finanzbehörden Unterlagen über Schweizer Schwarzgeldkonten angeboten worden, es ging um Steuerhinterziehung von enormem Ausmaß, aber die Betroffenen hatten offenbar einflussreiche Freunde, denn die Sache ist erfolgreich vertuscht worden. Fischer hat ausgerechnet in den Unterlagen Vernaus ein Indiz gefunden, mit dem er die Sache neu aufrollen kann. Es geht um einen Bewirtungsbeleg just für jenen Abend, an dem die Staatsanwältin gestorben ist; auch damals war Vernau mit Marquardt essen. Aber nun ist sein Freund spurlos verschwunden, zwei weitere Mitwisser werden ermordet, und natürlich steht der Anwalt alsbald ebenfalls auf der Todesliste. 

Die Handlung ist wie in allen Herrmann-Adaptionen von einer reizvollen Vielschichtigkeit. Für Spannung sorgt schon allein die Tatsache, dass Vernau mit Gegnern konfrontiert wird, die skrupellos genug sind, um über Leichen zu gehen, und mächtig genug, um die Taten zu vertuschen. Gerade die Sprengkraft des Themas hat jedoch zur Folge, dass die Nebenebenen wie Geplänkel wirken: Zum festen Ensemble der Reihe gehören auch Stefanie Stappenbeck als Vernaus Kollegin und Vermieterin Marie-Luise sowie Elisabeth Schwarz als seine Mutter und  Carmen-Maja Antoni als deren Freundin. Die Seitenstränge mit den beiden alten Frauen sind jedoch regelmäßig überflüssig. Nicht mehr als eine schöne Abwechslung ist erneut die Mitwirkung von Stappenbeck: Marie-Luise hat im Grunde nicht mehr zu tun, als Vernau an seine ausstehenden Mietzahlungen zu erinnern. 

Etwas unentschlossen ist die Wahl des Tonfalls. Rusnak hätte die Handlung ohne Weiteres als Thriller inszenieren können, schließlich geht es um Leben und Tod. Andererseits gibt es immer wieder amüsante Momente, weil Liefers seine Rolle gern mit jener dialogischen Flapsigkeit versieht, die viele Zuschauer auch am Rechtsmediziner Boerne im "Tatort" aus Münster schätzen; das passt hier aber nur anfangs zur Stimmung des Films. Ganz ausgezeichnet ist allerdings die Musik (Mario Grigorov, Steven Schwalbe), die des Öfteren elektronische Klänge mit Jazztrompete mischt. Respekt verdient auch Rusnaks Geschick, das Corona-bedingt in Berlin-Marzahn gedrehte Finale nach Mexiko aussehen zu lassen.