evangelisch.de: Wie war es für Sie das erste Mal beim Rosenmontagszug mit zu fahren?
Thorsten Latzel: Der rheinische Karneval ist eine starke Erfahrung! Die Stadt ist auf der Straße, Menschen feiern fröhlich zusammen und zeigen auf einmal ganz neue Seiten von sich. Und es macht einfach Spaß, gemeinsam mit Jüd:innen, Muslim:innen, Buddhist:innen und Christ:innen verschiedenster Konfessionen auf dem Toleranzwagen zu tanzen und tausenden Menschen Kamelle zu zuwerfen. Da kommt viel von Toleranz, Liebe und Mitmenschlichkeit herüber, die gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spannungen wichtig sind. Mit Heinrich Heine gesprochen: "Wenn der liebe Gott sich im Himmel langweilt, dann öffnet er das Fenster und betrachtet die Boulevards von Paris" – oder den rheinischen Karneval.
Passen den Satire und Humor zu Gott und zum "evangelisch sein"?
Thorsten Latzel: Ja, wenn es menschenfreundliche Satire ist. Humor gehört zu den schönsten Schöpfungsgaben und dabei hat Gott es mit den Menschen im Rheinland besonders gut gemeint. Humor tut gut – gerade in Zeiten, wenn die Welt verrückt spielt und man im täglichen Nachrichtenfluss oft nicht weiß, wer hier eigentlich närrisch ist. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst": Das ist ein Grundgebot der Bibel. Seine rheinische Übersetzung: "Jeder Jeck es anders." Da steckt alles drin – eine tiefe Toleranz für die Macken der anderen und die Gabe, über sich selbst zu lachen. Oder frei nach Luthers letzten Worten formuliert: "Wir sind Jecken. Das ist wahr."
Auf dem Wagen waren Vertreter:innen verschiedener Religionen, haben Sie sich gut vertragen? Und konnten Sie ein starkes Signal im Sinne der Toleranz senden?
Thorsten Latzel: Vier Stunden gemeinsam im Regen zu stehen, zu singen, zu tanzen, zu feiern - das schweißt menschlich zusammen. Und das hilft auch später im Jahr miteinander über Fragen zu reden, wo wir unterschiedliche Perspektiven haben. Die Zuschauer:innen am Straßenrand nehmen das Signal sehr positiv auf: Da sind Menschen verschiedener Religionen zusammen, die alle ihren Glauben ernst nehmen und sich zugleich gemeinsam für eine menschenfreundliche, offene Gesellschaft einsetzen. Genau das braucht es jetzt in einer Zeit, in der wir öfter über "die anderen" reden, als ihnen offen, freundlich zu begegnen.
Katja Eifler volontierte nach ihrer Studienzeit im Lokalradio im Rhein-Kreis Neuss. Anschließend arbeitete sie als Radioredakteurin. Später als Redaktionsleiterin eines Wirtschaftsmagazins am Niederrhein. Seit April 2023 ist sie als Redakteurin vom Dienst für evangelisch.de tätig. Weiterhin arbeitet sie nebenbei als freischaffende Journalistin, Online-Texterin, Coach und Moderatorin.
Der Wagen wurde ja von Jaques Tilly gestaltet, wie kam es dazu und war er mit seinen anderen Wagen ein Gesprächsthema?
Thorsten Latzel: Jaques Tilly ist der Wagenbauer in Düsseldorf schlechthin. Und dass er dieses Jahr selbst vom Kölner Karneval positiv gewürdigt wird, zeigt, wie stark der Zusammenhalt gegenüber allen Autokraten ist. Dass Putin nicht von seinen Wagen hält, spricht für sich. Berührt hat mich persönlich auch der Wagen, auf dem Trump mit einem ICE-Arm Christus boxt. Auf unserem Wagen haben wir aber wenig diskutiert. Da wurde vor allem gesungen - ich bin heute noch heiser.
Sind Sie ab jetzt vom Karnevalfieber angesteckt und im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder mit dabei und sei es am Straßenrand als Zuschauer?
Thorsten Latzel: Für 2027 planen wir natürlich Werbung für den Kirchentag zu machen. Dieses Mal ist ja schon eine große Truppe von uns mitgelaufen unter dem Motto "Du bist kostbar". Aber auch hier gilt: Deo volente - "so Gott will und wir leben". Als rheinische Kirche werden wir auf jeden Fall weiter in der Nachfolge Christi nahe bei den Menschen sein. Und dafür bietet der Karneval einige Möglichkeiten.


