Zumindest die älteren Erwachsenen wissen, wie schwer es ist, schlechte Nachrichten zu übermitteln, wenn zum Beispiel jemand aus der Familie gestorben ist. Zora Holt bringt das Thema in ihrem Drehbuch gleich mehrfach zur Sprache. Die Handlung beginnt jedoch mit jenem Fund, auf den sich der Titel bezieht: Drei Jungs stromern auf der Suche nach Weltkriegsrelikten mit Metallsonden durch ein Waldstück und machen eine grausige Entdeckung.
Geschickt verzögert der Film erst mal, was sie gefunden haben, und wechselt zu einem Seminar über den verantwortungsvollen Umgang mit Angehörigen in Extremsituationen. Kommissar Hamm (Ralph Herforth) hält die Fortbildung für unnötig, schließlich macht er seinen Job schon seit hundert Jahren. Später wird er zugeben, dass er sich aller Erfahrung zum Trotz nie daran gewöhnen wird, Hinterbliebene über einen Todesfall zu informieren. Seine Chefin, Jana Winter (Natalia Wörner), hat das Seminar schon absolviert und verabschiedet sich. Am Scheibenwischer ihres Autos entdeckt sie eine Notiz mit Koordinaten. An der angegebenen Stelle stößt sie auf ein Grab.
Nun startet eine Recherche, die Alma Sörensen (Lisa Werlinder) mit der Nadel im Heuhaufen vergleicht, wobei das Team noch nicht mal weiß, in welchem Haufen es suchen soll: Es gibt keinerlei Hinweise auf die Identität der vor rund zwei Jahren verscharrten und längst skelettierten Leiche. Einziger Anhaltspunkt ist ein Kapuzenpulli mit dem in diesem Zusammenhang makabren Aufdruck "Welcome to the Sunny Side of Life" (Willkommen auf der Sonnenseite des Lebens). Seltsamerweise gibt es für den Zeitraum der von Hamm fortan "Sunny" genannten jungen Frau keine passende Vermisstenmeldung, und nun erweitert Holt, die regelmäßig, aber viel zu selten Drehbücher für die 2006 gestartete ZDF-Reihe "Unter anderen Umständen" verfasst, ihr Drehbuch um einen Aspekt, der in kriminalistischen Kreisen immer wieder diskutiert wird.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Forensische Ahnenforschung, also eine Herkunftsanalyse mittels DNS, ist der deutschen Polizei nicht gestattet; aus gutem Grund, wie Winter anmerkt. Eine Erklärung bleibt sie leider schuldig. Vielleicht fürchtete Holt, dass die nötigen Ausführungen den Handlungsfluss zu stark unterbrechen würden, weil sie für einen Krimi zu komplex wären: Es geht unter anderem um das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. In Deutschland ist auf Basis von DNS-Proben nur die Suche nach nahen Verwandten erlaubt, eine ethnische Herkunftsbestimmung ist ohnehin untersagt. In einigen skandinavischen Ländern dürfen die Ermittlungsbehörden dagegen auf die Datenbanken privater Dienstleister zugreifen, und so führt eine entsprechende Anfrage Almas zu einem Treffer in Dänemark. Ein Mann rückt nach einigem Zögern seinen Stammbaum heraus, und der Weg über eine Großmutter (Hedi Kriegeskotte) führt schließlich zu den vermeintlichen Eltern: "Sunny" heißt in Wirklichkeit Helle, doch der Vater (Stephan Kampwirth) versichert, seine Tochter sei keineswegs tot. Tatsächlich meldet sich die junge Frau kurz drauf bei ihrer Mutter (Petra van de Voort), angeblich aus Stockholm, allerdings unter einer Nummer, die gar nicht existiert: In Wirklichkeit kam der Anruf aus Hamburg. Unter der angegebenen Adresse erlebt Winter eine erste faustdicke Überraschung, der noch weitere folgen werden.
Regisseurin Judith Kennel hat fast alle der mittlerweile 25 Episoden gedreht, ihre Inszenierungen sind in der Regel von großer Zurückhaltung, aber sorgfältiger Bildgestaltung geprägt (hier, wie zuletzt meist bei Kennel, Nicolay Gutscher); ihre Arbeit mit dem jeweiligen Ensemble ist zuverlässig ausgezeichnet. Das gilt für "Das Mädchen ohne Namen" nicht minder, doch der Film lebt neben den unerwarteten Handlungswendungen vor allem von den verschiedenen tragischen Schicksalen. Besonders betroffen ist eine Mutter (Julika Jenkins), deren Tochter ebenfalls seit zwei Jahren verschwunden ist. Die Apothekerin erlebt eine emotionale Achterbahnfahrt, die ihre psychischen Kräfte bei Weitem übersteigen. Auch Jana Winter ist mental angeschlagen, weshalb ihr dieser Fall besonders nahegeht: Sohn Leo (Jacob Lee Seeliger), mittlerweile 19, ist der Meinung, es sei an der Zeit, das heimische Nest zu verlassen. Die Kriminalrätin findet’s "total okay", aber ihre Tapferkeit ist bloß aufgesetzt; in diesem Fall ist es völlig in Ordnung, dass Holt auf weitere Erklärungen verzichtet. Natürlich ist dieser Abschied nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den Eltern empfinden, wenn ein Kind vor ihnen stirbt; das sei, sagt eine der betroffenen Mütter, "schlimmer als der eigene Tod."


