Die Autoren der jüngsten evangelischen Friedensdenkschrift sehen eine verengte Debatte über das ethische Grundlagenpapier. Die öffentliche Debatte drehe sich im Wesentlichen um das Für und Wider atomarer Abschreckung, Pazifismus, Wehrdienst und Kriegsdienstverweigerung, schreiben Mitglieder des Redaktionsteams in der christlichen Monatszeitschrift "Herder-Korrespondenz" (März) am Montag.
Die Debatten vor 1989, die Diskussionen um die Vorgängerdenkschrift von 2007, das Afghanistanpapier von 2013 sowie die Kundgebung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland von 2019 hätten sich ebenfalls - grob umrissen - um die Pole von Pazifismus und radikaler Abrüstung auf der einen und dem Verweis auf die Notwendigkeit rechtserhaltender Gewalt auf der anderen Seite bewegt. Das greife jedoch zu kurz, schreiben die Theologen Reiner Anselm, Maximilian Schell und Friederike Krippner, die die im November veröffentlichte Denkschrift mitverfasst haben.
Für die künftige friedensethische Orientierung würden Fragen des Umgangs mit hybrider Kriegsführung, mit digitaler Desinformation, mit den eskalierenden Folgen der Klimakrise oder autoritären Angriffen auf demokratische Gesellschaften aber drastisch an Bedeutung gewinnen, heißt es in dem Beitrag für die "Herder-Korrespondenz", die in diesem Jahr 80 Jahre alt wird.
"Friedensethischer Korridor"
Die Autoren stellen klar, es gehe weder um die Darstellung vermeintlich eindeutiger Lösungen noch um die Darstellung vermeintlich unvereinbarer Weggabelungen und damit bleibender friedensethischer Dissense unter dem Dach des Evangeliums. Es gehe stattdessen um die Beschreibung eines "friedensethischen Korridors".
Die Friedensdenkschrift zeichne das Bild einer Kirche, die in vielen gesellschaftlichen Sphären zugleich wirke: Sie sei da, wo der zivile Friedensdienst, die weltweite Ökumene, und all diejenigen sind, die sich aus guten theologischen Gründen dem Pazifismus des kategorischen Gewaltverzichts zuordnen. Sie sei auch da, wo sich Christenmenschen in Politik, Recht und Militär für Prozesse des gerechten Friedens einsetzten und zuweilen auch Entscheidungen träfen, durch die rechtserhaltende Gewalt ausgeübt werde.


