Eine Debatte mit Kalkül

Pastor Quinton Ceasar bei der Abschlusspredigt
© epd-bild/Tim Wegne
Er predigte zum Abschluss auf dem Kirchentag in Nürnberg: Pastor Quinton Ceasar. Nun sind seit Ende des Kirchentages die Sozialen Netzwerke voll mit queerfeindlichem Hass und rassistischen Angriffen gegenüber seiner Person.
Hassangriffe nach Kirchentag
Eine Debatte mit Kalkül
Meinungsbeitrag
Seit dem Ende des Kirchentages in Nürnberg sind die Sozialen Netzwerke voll mit queerfeindlichem Hass und rassistischen Angriffen gegenüber Pastor Ceasars Person, der beim Abschlussgottesdienst predigte. Ein Meinungsbeitrag dazu von evangelisch.de-Mitarbeiterin Leonie Mihm.

Quinton Ceasar predigt auf dem Kirchentag und wird deutlich: "Gott ist immer auf der Seite derer, die am Rand stehen, die nicht gesehen oder nicht benannt werden. Und wenn Gott da ist, dann ist da auch unser Platz." Seine Worte scheinen zu treffen, denn sie erzeugen Unbehagen und Wut. 

Es gibt Höllenwünsche, Todesdrohungen und so viel Hass. Auch viele Medien berichten über die gespaltene Debatte: "Gaga-Predigt", "Blasphemie", "fassungslose und schockierte Christen" heißt es dort. Die AfD postet auf Twitter, dass sich die Evangelische Kirche vollkommen vom christlichen Glauben entfernt habe und macht das am Abschlussgottesdienst des Kirchentags fest. Kurzum: Die Debatte ist eklig. Thematisiert wird die Hautfarbe des Pastors sowie ein bestimmter Satz aus der Predigt: "Gott ist queer".

"Queer" ist zu einem Trigger für rechte, konservative und/oder fundamentalistische Stimmen geworden. Die immergleichen Bibelstellen werden ausgepackt, der Untergang der Kultur betont und die immergleiche Drohung mit Kirchenaustritt wieder neu aufgewärmt. Wer sich schon länger mit dem Thema beschäftigt, kennt all diese Kommentare bereits. Doch was ist diesmal anders?

Kerstin Söderblom schreibt im jüngsten Kreuz & Queer- Blog auf evangelisch.de, dass der Kirchentag queere Themen nicht nur im Zentrum Geschlechterwelten und Regenbogen diskutiert und gefeiert hat. Das stimmt: Ich war selbst Teil des Teams zur Erlebnisausstellung "Selbstbestimmt bunt!" im Zentrum Jugend, am anderen Ende von Nürnberg. Mein Fazit: Fast tausend junge Menschen und Multiplikator:innen, die sich dankbar für die Repräsentation, die Informationen, die Impulse und die Gespräche gezeigt haben - mit Freudentränen in den Augen, einem Lächeln auf den Lippen.

Dagegen: Zwei Menschen im Rentenalter, die mir erzählt haben, dass ich für den Regenbogen an meinem Stand 1.000 Jahre in der Dunkelheit verbringen müsse und junge Menschen im Namen des Satans verführe. Also: Meiner Wahrnehmung nach überwiegt die aufgeschlossene Mehrheit, die Arbeit ist wichtig und sie wird dringend gebraucht! Die vielen konservativen Stimmen, die jetzt auf den sozialen Netzwerken rumwüten, haben es entweder nicht bis nach Nürnberg zu uns geschafft oder sich auf der Veranstaltung gar nicht so sehr für uns interessiert. 

Die rechten Stimmen sind laut

Auf Twitter, Instagram, Facebook und Co. sieht das gerade ganz anders aus. Die rechten Stimmen sind laut. Ich habe in den vergangenen Tagen oft das Gefühl gehabt, in einer Minderheit zu sein. Doch dann habe ich mich an den Abschlussgottesdienst erinnert: "Es ist leichter, von befreiender Liebe zu predigen, als eine Liebe zu leben, die befreit." Für mich bedeutet das: Es ist leichter Leviticus und Römerbrief zu nennen als den Hass in seinem Herzen.

Die aktuelle Debatte ist gerade gefärbt, sie hat Kalkül und sie bezieht sich bewusst auf ein Thema: "Queerness". Rechte Netzwerke funktionieren, das können wir in diesem Tagen sehen. Umso wichtiger ist es, jetzt gerade auch laut und präsent zu sein und sich von Hass und Hetze nicht unterkriegen zu lassen. Und ja: Lasst uns darüber diskutieren, aber bitte nur, wenn es nicht menschenfeindlich wird. Das ist Demut: Wenn das eigene Wissen und die eigenen Glaubenssätze ernsthaft hinterfragt werden, wenn denen zugehört wird, die tatsächlich am "Rand der Gesellschaft" sind.

Was mir hier auffällt: In der Abschlusspredigt des diesjährigen Kirchentags steckt doch so viel mehr als "Gott ist queer". Wenn euch das so weh tut, was ist dann euer Gottesbild? Und ist es so fragil, dass es von einer Predigt ins Wanken geraten kann? 

Verschobene Debatte

Die Debatte auf allen Netzwerken wirkt verschoben. Es wird auf ein hoch emotionalisiertes Thema gesetzt, und zwar nur darauf. Dabei ist das Queering von Gott so leicht in der Bibel zu finden. Wer das doof und unbiblisch findet, darf das gerne tun, aber muss man deswegen Todesdrohungen in 280 Zeichen ins Smartphone tippen? Der Blick wird weg von rassistischen, behindertenfeindlich, klassistischen, sexistischen und vor allem intersektionalen Strukturen gelenkt.

Durch den Shitstorm werden die anderen Wahrheitszeugnisse von Quinton Ceasar hinten angestellt: "Ich werde euch heute nicht anlügen: Wir können nicht warten. Nicht bis morgen oder nächste Woche. Oder das nächste Mal, wenn wir eine andere Regierung haben, wenn der Rat der EKD, wenn unsere Synoden, wenn das Präsidium des Kirchentages gewählt werden"; "Wenn Jesus sagt: "Jetzt ist die Zeit!", dann ruft er zur Veränderung auf, zu mutigen Entscheidungen, die wirklich Veränderung bewirken"; "Wir haben alle Privilegien und können sie für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Wir können füreinander Verbündete sein."

Wer möchte, dass wir all das vergessen und uns wieder und wieder in die gleichen Debatten stürzen?

Diese Predigt hatte nicht den Anspruch zu sagen, dass alles bald wieder gut ist und Gottes Liebe ja sowieso da ist. Sie wollte nichts in Watte packen. Für mich war sie echt und real, sie hat Schmerz in sich getragen, aber auch Hoffnung. Sie hat Menschen benannt, die andere lieber nicht sehen und wahrnehmen wollen. Der Kirchentag kann anecken und das ist eine der Qualitäten dieser Veranstaltung.

Überall kann davon gelesen werden, dass sich hier ein riesiger Spalt zeigt, der sich durch die Christenheit zieht und dass dieser durch Predigten wie die Abschlusspredigt größer wird. Das nehme ich anders wahr. Die Predigt benennt recht klar, was eine Nachfolge Jesu bedeuten kann. Menschen, die damit nicht einverstanden sind, führen darüber aber oftmals keine Diskussionen auf Augenhöhe, sondern bedienen sich menschenfeindlicher Narrative. Kann ein Mensch, der auf eine Welt voller Liebe hofft, der Spaltende sein?

Mittlerweile hat der Kirchentag auch ein Statement veröffentlicht, das sich hinter Quinton Ceasar stellt. Ich habe absoluten Respekt vor diesem Menschen, er kennt die Machthierarchien in Deutschland und in den Kirchenstrukturen. Er wusste bereits vor der Predigt, wer sich seine Worte anhören würde und wie diese Menschen das finden würden. Doch trotzdem stand er da und hat unerschütterlich ausgesprochen, wofür er steht.