TV-Tipp: "Der Bozen-Krimi: Familienehre"

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10. November, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Der Bozen-Krimi: Familienehre"
Eigentlich ist Vielschichtigkeit ein Qualitätsmerkmal, aber bei den "Bozen-Krimis" ist die Verknüpfung mehrerer Handlungsebenen auch mal misslungen. Im 16. Fall kann sich die Kommissarin indes ganz auf die Arbeit konzentrieren. Das ist gut.

Bei manch misslungener Folge war gerade die Kombination des Privatlebens der Kommissarin mit den Ermittlungen nicht immer überzeugend. Im neuen Fall kann sie sich die Kommissarin dagegen ganz auf die Ermittlungsarbeit konzentrieren, und das tut dem Film sichtlich gut, zumal auch die Geschichte interessant ist.

Nach der Ermordung von Eishockey-Star Marcel Wallner findet Sonja Schwarz (Chiara Schoras) heraus, dass der verheiratete Familienvater ein sorgsam verheimlichtes Verhältnis mit einem Mann hatte. Wallner galt als "harter Hund", der auf dem Eis auch beim Training keine Freunde kannte; wäre bekannt geworden, dass er schwul ist, hätte dies vermutlich das Ende seiner Karriere bedeutet.

Bei seinem Freund sind die Rahmenbedingungen kaum besser: Anton Hofer tritt unter dem Namen Isabella regelmäßig als Sängerin in einer Bar auf. Seiner Familie gehört eines der ältesten und renommiertesten Häuser am Platz. Vater Ludwig ist ein Patriarch alter Schule: traditionsbewusst und konservativ bis in die Knochen - aus seiner Sicht ist der Sohn aus der Art geschlagen.

Schon allein Vladimir Burlakov und Thomas Thieme sorgen dafür, dass "Familienehre" sehenswert ist. Für Thieme ist die Rolle allerdings keine große Herausforderung; im Grunde genügt sein Charisma, um den Hotelier zu verkörpern. Umso bemerkenswerter sind Burlakovs Darbietungen als Isabella, wenn er den Chanson "Die blaue Katze" von Florian Paul zum Besten gibt. Witzigerweise wirkt er mit seinem athletischen Oberkörper in den Rückblenden viel eher wie ein Leistungssportler als Felix Everding, der den Eishockeystar spielt.

Als auch auf Anton ein Mordanschlag verübt wird, gerät Familie Hofer endgültig ins Visier der Ermittlungen. Zu den Verdächtigen gehört neben Antons Ex-Freund (Rafael Gareisen) allerdings auch Marcels Manager. Sebastian Glasner beteuert zwar, Marcel sei sein bester Freund gewesen, aber das hat ihn nicht daran gehindert, dessen Geld zu unterschlagen. Glasner-Darsteller Julian Weigend zählt in Krimis ohnehin automatisch zum Kreis der Verdächtigen.

"Familienehre" ist das erste Drehbuch von Mathias Klaschka für die Südtiroler Reihe. Der Autor ist gewissermaßen sein eigenes Qualitätsmerkmal, er hat fast alle Vorlagen für die ZDF-Krimireihen "Kommissarin Heller" und "Solo für Weiss" geschrieben.

Die Umsetzung durch Regisseur Thomas Nennstiel ist im guten Sinn routiniert, wenn auch nicht weiter aufregend; es gibt nur wenige Spannungsspitzen, und die zerren nicht gerade an den Nerven. Nennstiel hat zuletzt fürs ZDF mehrere Komödien über die "Familie Bundschuh" gedreht. Sein erster "Bozen-Krimi", "Mord am Penser Joch" (2021), zeichnete sich durch optische Eleganz aus, auch diesmal ist die Kamera-Arbeit (Achim Hasse) sehr sorgfältig; gerade die Revier-Szenen, für alle Regisseure von Reihenkrimis wegen der potenziellen Eintönigkeit eine echte Herausforderung, fallen dank der Lichtgestaltung positiv aus dem Rahmen.

Ansonsten lebt "Familienehre" jedoch von den interessanten Figuren, die zudem mindestens markant und zum Teil auch namhaft besetzt sind. Sehr überzeugend ist zum Beispiel Zsá Zsá Inci als Witwe, die die verschiedenen  Trauerphasen von Schmerz über Verzweiflung bis Zorn im Zeitraffer durchläuft.

Im Zentrum steht jedoch Familie Hofer: Marita Breuer verkörpert die Frau des Patriarchen als stille Dulderin; Stefan Rudolf spielt den zweiten Sohn, der als Nachfolger des Vaters alles richtig machen will, finanziell aber mit dem Rücken zur Wand steht und deshalb zu unmoralischen und illegalen Methoden greift.

Die jüngere Schwester (Antonia Breidenbach) ist die einzige in der Sippe, die ein gutes Wort für den Bruder einlegt und ihn im Krankenhaus besucht. Sophie erkennt zwar, dass die gesamte Familie an der von den Eltern vorgegebenen Tradition erstickt, aber anders als Anton fehlt ihr zumindest zunächst der Mut zur Rebellion.

Burlakov und Thieme werden im Vorspann als Gäste geführt, weil sie rein quantitativ nur Nebenfiguren verkörpern, aber natürlich spielen sie die Schlüsselrollen der Geschichte. Gerade für Burlakov dürften die Dreharbeiten sehr besonders gewesen sein. Antons Wunsch, frei leben zu können, sagt er im Pressematerial, habe er sehr gut nachvollziehen können, "weil ich genau weiß, was es bedeutet, einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit zu verstecken". Wenige Wochen nach Drehschluss des Films hat er sich bei einer Veranstaltung zum ersten Mal mit seinem Lebensgefährten gezeigt und so seine Homosexualität öffentlich gemacht.

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