TV-Tipp: "Nord Nord Mord: Sievers und der letzte Tango"

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16. März, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Nord Nord Mord: Sievers und der letzte Tango"
Der Titel führt in die Irre: Tanzen liegt Hauptkommissar Sievers nun wirklich nicht. Doch ein Tangoturnier in Westerland endet tödlich und entpuppt sich als raffinierter Hightech-Mord ohne Spuren. In "Nord Nord Mord: Sievers und der letzte Tango" gerät ausgerechnet Feldmann unter Druck. Ein überraschend wendungsreicher Sylt-Krimi.

Genau genommen ist der Titel eine mutwillige Irreführung: Als Tangotänzer wäre der hüftsteife Hauptkommissar mutmaßlich eine Fehlbesetzung. Am liebsten würde er der Veranstaltung nicht mal als Zuschauer beiwohnen: Hinnerk Feldmann und Ina Behrendsen nehmen an einem Tanzwettbewerb teil. Das Turnier findet in der Musikmuschel Westerland statt, wird aber abgebrochen, als ein Besucher leblos in sich zusammensackt. Später stellt sich raus, dass der Mann Diabetiker war und jemand mit Hilfe eines digitalen Zugriffs die Steuereinheit seiner Insulinpumpe manipuliert hat. Im Grunde der perfekte Mord: keine Fingerabdrücke, keine DNS-Spuren, keine Zeugen. Aber ein Motiv: Edgar Lemberg, eigentlich Privatdetektiv, war ein Berufserpresser.

Berno Kürten hat schon einige Episode für die Sylt-Reihe "Nord Nord Mord" gedreht. Fast alle waren mindestens sehenswert, einige sogar mehr als das. Zu "Sievers und der letzte Tango" hat er auch das Drehbuch geschrieben; vielleicht ist das der Grund, warum der Film wie aus einem Guss wirkt. Besonders gelungen ist diesmal die Kombination der üblichen Geplänkel zwischen Feldmann (Oliver Wnuk) und seiner Kollegin (Julia Brendler) mit dem eigentlichen Fall: Der zu einer gewissen Arroganz neigende Kommissar wird diesmal regelrecht demontiert und verscherzt es sich im Verlauf der Handlung mit sämtlichen Kolleginnen und Kollegen. "Streifenhörnchen" Schneider (Stephan A. Tölle) ist sein bevorzugtes Spottobjekt. Als der Polizist am Strand einen Rucksack sicherstellt, der eine Kaffeedose mit Kokain enthält, reagiert Feldmann voller Häme auf dessen Theorie, ein Indiz für einen schwunghaften Drogenhandel entdeckt zu haben. Später legt er sich sogar mit seinem Vorgesetzten an, und auch Ina hat schließlich allen Grund, den Schnösel für immer aufs Festland zu verwünschen.

Gerade dank der facettenreichen Verkörperung durch Oliver Wnuk, der sein Spiel gern um im Ansatz steckenbleibende Gesten ergänzt, hat der von Anfang an als besserwisserischer Streber konzipierte Kommissar stets polarisiert, doch diesmal verspielt Feldmann sämtliche Sympathien; Kürten hat ihm eine Vielzahl von Gründen angedichtet, sich entschuldigen zu müssen. Wie es ihm gelingt, den Ermittler am Ende dank einer gänzlich unerwarteten, aber vollkommen plausiblen Handlungsvolte zu rehabilitieren, ist tatsächlich beeindruckend. Außerdem erlebt der Film auf diese Weise mit einer vollmondigen Exhumierung, selbstverständlich bei Nacht, Nebel und Nieselregen sowie inklusive eines unvermeidlichen Käuzchens, seinen Höhepunkt.

Aber auch zuvor ist "Sievers und der letzte Tango", die insgesamt 28. Episode der 2011 gestarteten Reihe, ein Vergnügen, zumal Kürten immer wieder für Überraschungen sorgt, weil praktisch alle Gastfiguren, darunter auch Tanzlehrer Ferdinand (Matthias Matschke), ein doppeltes Spiel spielen. Einzig Leonie (Lea Zoë Voss), ebenfalls Mitglied der Tangogruppe, bleibt nichts anderes übrig, als ihre Beteiligung an Lembergs Machenschaften ohne Umschweife zuzugeben: Sie hat sich als Lockvogel an betuchte Männer rangemacht, der Privatdetektiv hat die intimen Momente fotografiert. Offenbar hat Lemberg jedoch eine noch lukrativere Erpressungsmethode entdeckt, und nun kommt ausgerechnet Sievers’ Freundin Tabea Krawinkel (Victoria Trauttmansdorff) ins Spiel. Kurz nach dem Mord, als die beiden ein Lokal aufsuchen, schüttet die Präsidenten des Golfclubs ihr ein Glas Wein ins Gesicht: Angeblich hat die Psychotherapeutin gegen ihre Schweigepflicht verstoßen und ein Geheimnis verraten, das den guten Ruf der Frau zerstören könnte. Das würde Tabea jedoch niemals tun; selbst über Lemberg, der ebenfalls ihr Patient war, verliert sie kein Wort.

Wie sich der Mann seine Kenntnisse erschlichen hat und warum Behrendsen dank seiner unbeabsichtigten Mithilfe eine Information erhält, die zu einem kalten Krieg im Polizeipräsidium führt, ist clever ausgedacht und auf gutem Niveau umgesetzt. Darstellerisch ist dieser zwanzigste Fall für Peter Heinrich Brix in der Titelrolle ohnehin ein Vergnügen, und das keineswegs nur, weil Katharina Heyer ihre Rolle als Besitzerin einer Luxusboutique durchgehend mit guter Laune versieht. Dass sie in dieser Geschichte nicht bloß als Leonies Chefin mitwirkt, ist klar, aber welchen Anteil die Frau tatsächlich an den Ereignissen hat, ist beim besten Willen nicht vorherzusehen. Ob Ina dem Kollegen verziehen kann, bleibt offen, doch zumindest Schneider scheint nicht nachtragend zu sein, selbst wenn seine Devise "Kleine Geschenke erhalten die Feindschaft" nicht nach Burgfrieden klingt.