Kulturoffensive für Dorfkirchen

Band spielt in einer dekorierten Dorfkirche in Landringhausen bei Hannover.
epd-bild/Nancy Heusel
Eine Band spielt in der Dorfkirche von Landringhausen bei Hannover (Archivbild). Kulturelle Nutzungen in Kirchen auf dem Land fördert auch das Projekt "Dorfkirche mon amour"
Erfolgreiches Projekt
Kulturoffensive für Dorfkirchen
Was passiert mit Kirchen, wenn immer weniger Menschen hingehen? In Norddeutschland zeigt das Projekt "Dorfkirche mon amour", wie neues Leben in alte Gemäuer zieht. Das Konzept ist auch für andere Regionen interessant.

Innerhalb von vier Jahren hat sich das Projekt "Dorfkirche mon amour" in Norddeutschland zum Kulturfestival gemausert. Von Rodenäs an der dänischen bis Woddow an der polnischen Grenze bespielen Kreative die kleinen Kirchen mit ihren Ideen - die Resonanz ist groß. Luise Klafs, Studienleiterin für Kunst und Kirche beim Pädagogisch-Theologischen Institut der Nordkirche und Initiatorin des Projekts, stellt das Konzept bei der Fachtagung "Gotteshaus, Denkmalschutz, Kostenfaktor" in der Katholischen Akademie Bayern vor.

Was war die Grundidee von "Dorfkirche mon amour" und warum ist das Projekt so groß geworden?

Luise Klafs: Wir befinden uns in einer Interimssituation: Alle wissen, dass aufgrund des Mitgliederrückgangs viele Kirchen in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren aufgegeben werden müssten. Aber jetzt haben wir noch Spielraum! Wir können versuchen, Menschen zu gewinnen, die sich mit ihren Ortskirchen identifizieren, obwohl sie selbst nicht Mitglied sind. Das Potenzial ist da: 2022 haben wir mit sechs Veranstaltungen begonnen, für 2026 sind schon knapp 320 Einzelveranstaltungen bei uns eingegangen!

Das Potential von Dorfkirchen will Luise Klafs von der Nordkirche ausschöpfen

Mitmachen können Einzelne oder Gruppen, wir unterstützen mit Kleinstförderungen, Plakaten, einer Online-Plattform und in diesem Jahr erstmals mit dem Norddeutschen Rundfunk als Kooperationspartner. Bei "Dorfkirche mon amour" definieren die Aktiven selbst, was für sie Kultur ist - diese Offenheit von Kirche kommt gut an. Etwa die Hälfte der Bewerbungen stammen von nicht-kirchlichen Akteuren.

Was findet bei dem Festival statt?

Klafs: Dieses Jahr fördern wir vor allem Projekte, die aus dem Mainstream ausscheren. Da gibt es ein partizipatives Jugendprojekt zu der amerikanischen Sängerin Billy Eilish in einer Dorfkirche in Vorpommern - eine Gegend ohne religiöse Wurzeln, aber mit einer starken Vernetzung zwischen kirchlichen und nicht-kirchlichen Playern. Dann gibt es eine Ost-West-Dragshow, einen Kinderzirkus in der Kirche, Halloween-Führungen auf dem Friedhof und natürlich klassische Formate wie Kino, Puppenspiel, Lesungen, Konzerte, Workshops.

"Oft reichen schon 100 oder 200 Euro"

Warum fahren Menschen zu einer Lesung oder einem Workshop aufs platte Land?

Klafs: Die Aktiven, die das organisieren, haben ihre eigenen Netzwerke: Sie machen Angebote von Menschen aus der Region für Menschen in der Region, oft in kulturell schlecht versorgten Gebieten. Das kommt an. Viele Gäste besuchen bei unserem Festival erstmals seit Jahren wieder ein Kirchengebäude - einfach, weil es mal anders ist, als gewohnt. Andere kommen als Touristen und fahren gezielt zu "Dorfkirche mon amour"-Veranstaltungen auf's Land.

Was investiert die Nordkirche in das Projekt?

Klafs: Unser Team besteht aus vier Leuten, die jeweils unterschiedliche Stellenanteile für die Organisation des Projekts verwenden. Als Eigenmittel setzt die Nordkirche 15.000 Euro pro Jahr ein, der Rest kommt aus Spenden, Vereinen oder Stiftungen wie der von Wüstenrot oder der Kirchbau-Stiftung in Mecklenburg. Das ist insgesamt kein Riesenbudget, aber oft reicht schon eine Kleinstförderung von 100 oder 200 Euro. Nur acht Highlight-Veranstaltungen bekommen die maximale Summe von 1.500 Euro.

Sind die Aktionen vor Ort Eintagsfliegen oder gibt es Wiederholungstäter?

Klafs: Dieses Jahr ist ein Drittel der Bewerber zum ersten Mal dabei. Erfahrungsgemäß machen viele dann auch im Folgejahr wieder mit. So verstetigt sich das Engagement vor Ort, manchmal werden später sogar bauliche Maßnahmen für die Kirche angestoßen. Wir wollen diese Art von Communitybuilding vorantreiben. Dazu nutzen wir den nicht-öffentlichen Bereich unserer Homepage: Es gibt dort eine Art "Schwarzes Brett", bei dem man sich mit den anderen Aktiven vernetzen, Infos austauschen, Unterstützung anfragen kann. Die Idee ist, Expertise nutzbar zu machen.

Lässt sich das Konzept von "Dorfkirche mon amour" auch auf Landeskirchen in anderen Regionen Deutschlands übertragen?

Klafs: 2026 übernimmt die Landeskirche von Hannover das Konzept. Das geht, wenn man vorher die Struktur analysiert: Wo es noch - wie bei uns in Schleswig-Holstein - eine Volkskirchenstruktur gibt, führt der Weg meist über die Gemeinden, die sich dann für externe Aktive öffnen. In stark entkirchlichten Regionen - wie bei uns in Mecklenburg-Vorpommern - muss man externe strategische Partner ins Boot holen, um die Idee über deren Netzwerke publik zu machen. Bei uns sind das zum Beispiel die Schule der Landentwicklung Rostock sowie touristische Anbieter der Länder. Auf diesem Weg erreichen wir kirchenferne Aktive, für die Kirche über das Kulturfestival dann plötzlich wieder attraktiv wird.