Scheidender Präses Rekowski ermuntert zu entschiedenen Reformen

Präses Manfred Rekowski ist im Ruhestandab dem  20. März 2021

© epd-bild/Stefan Arend

Präses Manfred Rekowski verabschiedet sich nach acht Jahren an der Spitze der rheinischen Kirche mit einem Appell für beherzte Reformen.

Scheidender Präses Rekowski ermuntert zu entschiedenen Reformen
Nach acht Jahren an der Spitze der Evangelischen Kirche im Rheinland ist Präses Manfred Rekowski nach seiner Verabschiedung am 20. März "ein einfaches Gemeindeglied". Im Rückblick spricht er über den Wandel hin zu einer kleineren Kirche – ein Thema, das ihn seit seinem Amtsantritt im März 2013 beschäftigt.

Sie blicken auf eine achtjährige Amtszeit an der Spitze der rheinischen Kirche zurück, in der Sie Reformen für eine Kirche mit "leichtem Gepäck" auf den Weg bringen wollten. Eine offizielle Bilanz gibt es noch nicht - aber wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Manfred Rekowski: Der Abschlussbericht zur Arbeitsgruppe "Leichtes Gepäck" soll der Landessynode 2022 vorgelegt werden. Mir war in meinem Amt als Präses von Anfang an wichtig, die Weichen für eine kleiner werdende Kirche zu stellen, die mit weniger Strukturen und Vorschriften auskommt. Schon als Superintendent in Wuppertal habe ich 2009 unter dem Stichwort "Leichtes Gepäck" das Problem angesprochen, dass wir einen zu großen Aufwand für Verwaltung, Organisation und Gremienarbeit betreiben. Die Energie muss mehr in die Erfüllung unseres Auftrags fließen und weniger in den Erhalt des kirchlichen Betriebs. Das Problembewusstsein ist inzwischen vorhanden, aber im Blick auf Lösungen und die Umsetzung haben wir noch eine Menge zu tun. Dabei sind wir uns einig, dass wir immer mehr auf dezentrale Lösungen setzen wollen - die Experten für die Umsetzung einer gemeinsamen Zielvorgabe sitzen vor Ort in den Kirchenkreisen und Gemeinden und nicht im Landeskirchenamt in Düsseldorf.

In einem Impulspapier des Theologischen Ausschusses für den anstehenden Wandel wird die Kirche der Zukunft als "Lobbyistin der Gottoffenheit" beschrieben. Das Wort Mission kommt darin nicht vor. Wird es aus dem evangelischen Sprachgebrauch für Verkündigung gestrichen?

Rekowski: Das Wort "Gottoffenheit" drückt aus, dass wir grundsätzlich mit Gottes Reden, Handeln und Wirken rechnen. In vielen Reformansätzen wie dem Positionspapier "Kirche der Freiheit" aus dem Jahr 2006 wurde sehr stark auf Machbarkeit gesetzt, auf Konzepte und Organisationsoptimierung. Es gibt aber Wesentliches in unserer Kirche, das für uns unverfügbar ist. Gnade bleibt ein Geschenk, das man nicht organisieren kann. Das Wort Mission ist aufgrund der Missionsgeschichte teilweise negativ besetzt - worum es dabei geht, formuliert die sechste These der Barmer Theologischen Erklärung: Unsere Aufgabe als Kirche ist, die Botschaft der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk. Das bedeutet Verkündigung, es bedeutet aber auch Diakonie und Seelsorge.

"Kirche lebt davon, dass Menschen vor Ort etwas bewegen"

In dem genannten Impulspapier und einer weiteren Vorlage des Theologischen Ausschusses werden Pfeiler der kirchlichen Organisation wie die Kirchensteuer und das Berufsbeamtentum der Pfarrer infrage gestellt. Wie schnell werden solche Reformen kommen?

Rekowski: Solche Impulspapiere eröffnen dringend nötige Diskussionen. Angesichts einer kleiner werdenden Kirche müssen wir ohne Tabus über die Zukunft nachdenken. Auch unsere strukturellen und institutionellen Korsettstangen werden dabei infrage gestellt, weil sie zwar den Leib Christi stützen sollen, aber eben nicht der Leib Christi sind. Sorge vor einem zu radikalen Wandel habe ich nicht - wir springen bei Reformen selten zu weit. Das Berufsbeamtentum wird übrigens nicht durch einen Impuls oder einen Beschluss der rheinischen Synode verabschiedet - darauf müsste sich schon die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) einigen.

Sie sehen die Kirchen auf dem Weg zu einer Minderheit. Welche Resonanz werden sie künftig in Gesellschaft und Politik noch finden?

Rekowski: Das Evangelium ist und bleibt existenziell und gesellschaftlich relevant. Das hängt nicht von Zahlen ab - es gilt für die rheinische Kirche mit rund 2,4 Millionen Mitgliedern genauso wie für die polnischen Protestanten mit ihren 70.000 Gemeindegliedern.

Wo entsteht derzeit Kirche von morgen?

Rekowski: Unter anderem in den landeskirchlich geförderten Erprobungsräumen, in denen innovative und unkonventionelle Formen kirchlichen Lebens ausprobiert werden. Hier wächst Neues, auch wenn nicht alles erfolgreich sein wird. Und auch hier müssen wir dezentral denken: Kirche lebt davon, dass Menschen vor Ort tätig werden und etwas bewegen. Ich bin sicher, dass wir in den kommenden Jahren viel Bewegung und Innovation erleben werden.

"Die Gemeinden haben sich auf die neue Situation schnell eingestellt"

Was ist in Ihrer Amtszeit besonders gelungen und wo übergeben Sie offene Baustellen an Ihren Nachfolger Thorsten Latzel?

Rekowski: Am Ende einer Amtszeit sind nie alle Aufgaben erledigt und Vieles bleibt notgedrungen fragmentarisch. Aber es gibt auch Dinge, auf die ich dankbar zurückblicke. Etwa die ökumenische Visite, bei der Christinnen und Christen aus Rumänien, Namibia und den USA, aber auch aus der katholischen Kirche im Ruhrgebiet ein Feedback zu unserer Arbeit und unserer Situation gegeben haben. Oder die Jugendsynode 2019, durch die Partizipation und Diversität ein großes Thema wurden und junge Leute in Verantwortung kamen, bis hin zur Wahl in die Kirchenleitung.

Sie werden am 20. März in der Düsseldorfer Johanneskirche verabschiedet - pandemiebedingt nur mit vergleichsweise wenigen Menschen vor Ort. Wie verändert die Corona-Zeit die Kirche?

Rekowski: Ich finde es ermutigend, dass nahezu überall sehr schnell reagiert wurde, die Gemeinden haben sich auf die neue Situation eingestellt, Gottesdienste gestreamt und vieles mehr. Das sonst mitunter gebrauchte Argument "Das geht nicht" spielte angesichts der Lage keine Rolle. Das ist Zeichen einer veränderungsbereiten Kirche. Wie nachhaltig das ist, wieviel Menschen nach der Pandemie in Präsenzgottesdienste zurückkehren und welche weiteren Folgen das für das kirchliche Leben und Arbeiten haben wird, lässt sich aber derzeit schwer einschätzen.

"Ich würde gerne diakonisch-handfest anpacken"

Können Sie gut loslassen?

Rekowski: Ich denke schon. Ich bin künftig ein einfaches Gemeindeglied meiner Wohnsitz-Gemeinde in Wuppertal, in der ich auch als Präses wohnen geblieben bin. Die Entwicklung der Landeskirche werde ich weiter verfolgen, sie ist aber nicht mehr meine Aufgabe.

Freuen Sie sich auch auf den Abschied - etwa mit Blick auf Ihre Krankheit, eine chronische Form der Leukämie?

Rekowski: Im Präses-Amt wird einem viel abverlangt, es gibt eine große Termindichte und Arbeitsbelastung. Dass mein Alltag davon künftig nicht mehr bestimmt wird, empfinde ich als Erleichterung. Gott sei Dank gehe ich in vergleichsweise guter gesundheitlicher Verfassung in den Ruhestand.

Was ist Ihre künftige Rolle in der Kirche - und haben Sie auch private Pläne geschmiedet?

Rekowski: Als pensionierter Pfarrer darf man noch viel, man muss aber nichts. In meiner Kirchengemeinde werde ich sicherlich den einen oder anderen Vertretungsdienst übernehmen. Außerdem würde ich gerne in irgendeiner Weise diakonisch handfest anpacken. Als Gemeindepfarrer war mir das immer wichtig - vom Möbeltransport für Flüchtlinge bis zum Aufbau eines Eine-Welt-Ladens. Ich freue mich außerdem auf deutlich mehr Zeit mit meiner Frau und mit meinem Enkelkind, bei dem ich manches intensiver wahrnehme als früher bei meinen Kindern, weil ich jetzt mit der Alltagsbewältigung nichts zu tun habe. Große Reisepläne habe ich zwar nicht, aber ich finde die Möglichkeit reizvoll, spontan reisen zu können.

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