Käßmann: Rassismus treibende Kraft für Unruhen in Washington

Käßmann zu Unruhen in Washington

©Patrick Seeger/dpa

Die Theologin Margot Käßmann sieht im die Rassismus treibende Kraft für Unruhen in Washington. Vor elf Jahren als Gastdozentin an der Theologischen Fakultät der Emory University in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia lehrte

Käßmann: Rassismus treibende Kraft für Unruhen in Washington
Die evangelische Theologin Margot Käßmann hat mit Blick auf die Unruhen in der US-Hauptstadt Washington auf einen seit Jahren bestehenden tiefen Riss durch die amerikanische Gesellschaft hingewiesen. Auf der einen Seite stünden liberale und weltoffene Kräfte, die sich längst in einer multiethnischen und auch multireligiösen Gesellschaft beheimatet fühlten. Auf der anderen Seite reagierten Menschen mit Angst und Verunsicherung darauf, dass die Welt sich verändert habe.
07.01.2021
epd
epd-Gespräch: Jörg Nielsen

"Ich würde sie nicht als konservativ bezeichnen, denn das heißt: Werte bewahren. Werte wie Respekt, Anstand, Nächstenliebe, Verteidigung der Würde des anderen. Das tun sie nicht. Sie treten Freiheitsrechte mit Füßen und verachten alle, die nicht so sind und so leben wie sie", sagte die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) dem epd.

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Gerade die weiße Bevölkerung sei irritiert, weil sie in eine Minderheitensituation gerate, betonte die Theologin mit vielfacher USA-Erfahrung. Das schüre Aggressionen. "Der Rassismus ist noch lange nicht überwunden." Die "Black Lives Matter"-Bewegung zeige das. Es gehe aber auch um Hispanics, um Amerikaner mit asiatischen Wurzeln oder Muslime, die ausgegrenzt werden und wurden.

Als sie vor elf Jahren als Gastdozentin an der Theologischen Fakultät der Emory University in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia lehrte, seien erstmals in der Geschichte der Universität "Caucasians", also "Weiße" unter den Erstsemestern eine Minderheit gewesen, sagte Käßmann. "Und ich habe erlebt, wie Atlanta eine liberale weltoffene Stadt in Georgia eine Art Insel ist. Außerhalb in den ländlichen Regionen leben die Menschen separat voneinander, abgeschottet und mit der Waffe im Flur, mit der sie vermeintlich ihre Freiheit verteidigen."

Die Kirchen könnten nach Ansicht Käßmanns in der angespannten Situation eine gewichtige und versöhnende Rolle spielen. "Manche tun es. Viele aber leider nicht, indem sie Donald Trump trotz seiner Lügen, seiner sexistischen und menschenverachtenden Äußerungen, seiner Gewaltdrohungen verteidigt haben." Ein Grund dafür sei, dass er ihre Ablehnung des Rechts auf Abtreibung unterstützt habe. "Das ist bedrückend."

Trump habe den Riss in der amerikanischen Gesellschaft zu einem tiefen Graben werden lassen. "Gott sei Dank sind es nur noch wenige Tage bis zum Ende seiner Amtszeit." Ob der Graben zugeschüttet werden könne, damit neue Chancen für eine geeinte Gesellschaft erwachsen, sei zweifelhaft. "Aber als Christin bin ich hoffnungsvoll, dass unmöglich Erscheinendes möglich wird. Und ich hoffe, die Kirchen tragen glasklar dazu bei", unterstrich Käßmann.

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