Kirchen bestürzt über Terroranschlag in Wien

Trauer in Wien
©Dragan Tatic/BKA/APA/dpa
Kardinal Christoph Schönborn (r), und Sebastian Kurz (l), Bundeskanzler von Österreich, nahmen am 3.11.2020 an dem Trauergottesdienste für die Opfer eines Terroranschlags im Stephansdom im Wien teil. Deutsche Kirchenvertreter drückten ihre Anteilnahme aus.
Kirchen bestürzt über Terroranschlag in Wien
Das mutmaßlich islamistische Attentat in Wien hat bei den Kirchen Bestürzung und Betroffenheit ausgelöst. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, sprach von einem "Anschlag auf die Menschlichkeit", der österreichische Bischof Michael Chalupka von einem Angriff auf den liberalen Rechtsstaat. Das Ziel von Terroristen sei es, westliche Gesellschaften zu spalten und Gruppen gegeneinander aufzuhetzen.

"Sich beim Morden auf Gott zu berufen, ist zynisch und die schlimmste Form des Missbrauchs von Religion", sagte Heinrich Bedford-Strohm. Der Glaube an Gott stehe für Liebe und Barmherzigkeit. "Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern und ihren Angehörigen", fügte der EKD-Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof hinzu.

"Fundamentalistische Gewalttäter versuchen, Gift zu streuen, indem sie Hass schüren und Angst und Schrecken verbreiten. Aber es wird ihnen nicht gelingen", so Bedford-Strohm weiter: "Wir werden weiter konsequent für wechselseitige Achtung und Toleranz zwischen den Religionen und Weltanschauungen eintreten. Das ist das beste Mittel gegen die Saat der Gewalt, die Terroristen zu streuen versuchen."

Muslimische Jugendliche schützen Kirche

Es sei wichtig, den Zusammenhalt zu benennen, den es in Österreich zwischen den Religionen gebe, sagte der österreichische evangelische Bischof Michael Chalupka. Er forderte die Menschen auf, trotz berechtigter Wut und Trauer "nicht zuzulassen, dass ein solcher Anschlag uns spaltet".

Chalupka verwies auf die besondere Stellung des Islam in Österreich, der bereits seit 1912 per Gesetz eine anerkannte Religionsgemeinschaft ist. Der interreligiöse Dialog habe eine lange Tradition und funktioniere sehr gut. Als Beispiel nannte der evangelische Bischof, dass erst wenige Tage vor dem Terroranschlag bislang unbekannte Jugendliche in einer katholischen Kirche randaliert hatten: "Muslimische Jugendliche haben als Reaktion darauf eine Menschenkette um das Gotteshaus gebildet, um es zu beschützen als wäre es ihr eigenes." Dies sei ein Zeichen dafür, wie die Religionen in Österreich aufeinander achteten.

Dem Hass entgegenwirken

Der Theologe forderte in diesem Zusammenhang auch die Medien auf, sensibel mit dem Thema umzugehen. Es sei wichtig, dass man die von den Terroristen mit ihrer Tat eingeplante "Aufmerksamkeit und das angestrebte Heldentum" nicht unterstütze. Das Ziel der Terroristen sei gerade, möglichst viele Videos von ihrer Tat im Netz wiederzufinden, möglichst oft namentlich in den Medien genannt zu werden. Dieser Versuchung sollten alle widerstehen, um so "die Pläne der Terroristen zu durchkreuzen". Es gehe vielmehr darum, "auf die Opfer zu blicken und Mitgefühl auszudrücken", erläuterte der evangelische Bischof.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hat zum Ende des Hasses aufgerufen. "Keinerlei Form von Terror, kein islamistischer, kein rechts- und kein linksextremer, darf einen Platz haben in unserer Gesellschaft und Kultur. Terror im Namen der Religion pervertiert den Namen Gottes. Wir brauchen ein Ende der Gewalt", erklärte der Limburger Bischof.

Tief geschockt von dem Anschlag zeigte sich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Es sei derzeit unklar, ob auch die Synagoge eines der Anschlagsziele war. "Unabhängig davon steht fest, dass Islamisten religiöse Toleranz und unsere pluralen Gesellschaften verachten. Gerade jetzt müssen wir gemeinsam in Europa noch stärker für unsere demokratischen Werte einstehen und diesem Hass entgegenwirken", so Schuster. Auch Islamverbände in Deutschland verurteilten den Anschlag. "Der brutale Terrorakt in Wien hat uns auch in Deutschland bis ins Mark getroffen", erklärte der türkische Islamverband Ditib in Köln. "Der Terroranschlag in Wien ist ein Angriff auf uns alle, auf unsere Gesellschaft und unseren Glauben. Unser tiefstes Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen und den Verletzten", sagte der Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, Bekir Altas.

In Wien sind am Abend des 2. November nach Angaben der österreichischen Polizei bei einem Terrorangriff unweit der Wiener Hauptsynagoge mindestens drei Menschen getötet worden. Der Attentäter wurde von der Polizei erschossen. Weitere mindestens 15 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Österreichs Innenminister Karl Nehammer sprach von einem islamistischen Anschlag, der Täter soll auch bereits einschlägig vorbestraft gewesen sein.

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<div class="field-zusatzinfo field-info-zusatzinfo-verwendung-1"><p><strong>Hintergrund:&nbsp;Drei Generationen RAF</strong></p>

<p>Die Ursprünge der RAF liegen in der sogenannten Baader-Meinhof-Bande. Die Journalistin Ulrike Meinhof gehört zwar zu den ersten Mitgliedern der Gruppe, tonangebend sind aber Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Baader und Ensslin verüben am 2. April 1968 zusammen mit zwei weiteren Tätern Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser.</p>

<p>Baader wird am 4. April 1970 festgenommen, zehn Tage später aber mit Meinhofs Hilfe wieder befreit. Anfang April gibt sich die Gruppe den Namen "Rote Armee Fraktion" (RAF). Erstes Todesopfer des Terrors ist eine Terroristin: Petra Schelm stirbt am 15. Juli 1971 nach einer Schießerei mit Polizisten in Hamburg. Ebenfalls nach einem Schusswechsel stirbt am 22. Oktober 1971 der Polizist Norbert Schmid.</p>

<p>Im Jahr 1972 folgen mehrere Bombenanschläge, unter anderem auf Einrichtungen der US-Armee in Frankfurt am Main und Heidelberg sowie auf den Sitz des Springer-Verlags in Hamburg. Dabei sterben insgesamt vier Menschen. Die Polizei verstärkt daraufhin den Fahndungsdruck - mit Erfolg: Ende 1972 sind alle maßgeblichen Mitglieder der RAF in Haft.</p>

<p>Nun bildet sich um Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt eine "zweite Generation" der Terrorgruppe. Ihr Hauptzweck ist, die Mitglieder der "ersten Generation" aus der Haft freizupressen. RAF-Terroristen ermorden im "Deutschen Herbst" 1977 den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, den Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto sowie den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Gleichzeitig entführen palästinensische Terroristen die Lufthansa-Boeing "Landshut" ins somalische Mogadischu, Pilot Jürgen Schumann wird erschossen.</p>

<p>Auch nachdem Meinhof, Baader und Ensslin in der Haft Suizid begangen haben, mordet die Gruppe weiter. Bis Anfang der 1980er Jahre zerschlagen die Sicherheitsbehörden deren Infrastruktur und verhaften die meisten ihrer Mitglieder.</p>

<p>Um Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld bildet sich eine "dritte Generation". Sie ermordet beispielsweise 1989 den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen und im April 1991 den Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder. Drei Monate später stellt die Polizei Grams und Hogefeld am Bahnhof des mecklenburgischen Bad Kleinen. Bei einer Schießerei kommt Grams um, Hogefeld wird verhaftet. Der Polizist Michael Newrzella, der dabei ebenfalls stirbt, ist das letzte Todesopfer der RAF.</p>

<p>Im Lauf ihrer Geschichte ermordet die RAF 34 Menschen. 27 ihrer Mitglieder und Sympathisanten kommen ums Leben, außerdem fünf unbeteiligte Menschen.</p>

<p><strong>Hintergrund:&nbsp;Terror von links</strong></p>

<p>Neben der linksextremistischen Terrorvereinigung RAF bilden sich aus dem linken Milieu der späten 1960er Jahre mehrere andere Terrorgruppen. Die Bewegung 2. Juni nimmt in ihrem Namen Bezug auf den Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der am 2. Juni 1967 unter mysteriösen Umständen durch eine Polizeikugel starb. Die Gruppe verübt Sprengstoffanschläge, überfällt Banken und entführt Personen des öffentlichen Lebens. Am 2. Juni 1980 erklärt sie ihre Auflösung. Einige ihrer Mitglieder schließen sich der RAF an.</p>

<p>Die Tupamaros haben ihren Namen von Guerilleros in Uruguay. Ableger gibt es in West-Berlin und in München. Die Mitglieder dieser Gruppen verüben Brand- und Bombenanschläge. Bereits 1970 lösen die Tupamaros sich wieder auf.</p>

<p>Die Revolutionären Zellen begehen von 1973 an bis in die 1990er Jahre hinein Anschläge. Zwei ihrer Mitglieder, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, entführen zusammen mit palästinensischen Terroristen im Juli 1976 einen Air-France-Airbus von Tel Aviv nach Entebbe in Uganda. Die Aktion soll den Staat Israel treffen. Die Tat löst grundlegende Diskussionen unter den deutschen Linken über deren Verhältnis zu Israel und zur Gewalt aus - vor allem, weil Böse und Kuhlmann mit vorgehaltener Waffe jüdische Passagiere des Airbus von den anderen Passagieren getrennt haben sollen, unter ihnen auch Überlebende des Holocaust. Israelische Spezialkräfte befreien die Geiseln.</p>

<p>Noch weitgehend im Dunkeln liegt die Rolle der Nachrichtendienste. Peter Urbach etwa, V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes, beliefert die Bewegung 2. Juni und die Tupamaros mit Sprengstoff und auch mit fertigen Bomben.</p>

<p><strong>Info:</strong>&nbsp;<em>Stefan Aust:</em> "Der Baader-Meinhof-Komplex"; erweiterte Neuausgabe; Verlag Hoffmann und Campe; Hamburg 2017; 32 Euro Wolfgang <em>Kraushaar:</em> "Die blinden Flecken der RAF"; Klett-Cotta-Verlag; Stuttgart 2017; 25 Euro <em>Petra Terhoeven:</em> "Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt"; Verlag C.H.Beck; München 2017; 9,95 Euro</p>

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