Soziale Covid-19-Katastrophe bedroht die Armen in Asien

Wanderarbeiter in einem Slum in Mumbai, Indien

© Zoya Thomas Lobo/AP/dpa

Wanderarbeiter in einem Slum in Mumbai protestieren gegen die Verlängerung der Ausgangssperre. Indien hat seine strikte Ausgangssperre bis zum 03.05.2020 verlängert.

Soziale Covid-19-Katastrophe bedroht die Armen in Asien
Die Ausgangssperre in Indien betrifft 1,37 Milliarden Menschen und es gibt keine humanitäre Hilfen für Arme, Bauern und Tagelöhner. In den asiatischen Ländern zeichnet sich eine soziale Katastrophe ab: Die Zahl der Armen könnte Schätzungen zufolge um bis zu 219 Millionen steigen. Ein Blick nach Südostasien.

Indien hat in dieser Woche den Coronavirus-Lockdown – den größten weltweit – zunächst zum 3. Mai verlängert. "Aus wirtschaftlicher Sicht zahlen wir einen hohen Preis. Aber das Leben der Menschen in Indien ist viel kostbarer." Die oppositionelle Kongresspartei begrüßte die Verlängerung der Kontaktsperre, kritisierte aber das Fehlen weitergehender Maßnahmen wie Massentestungen zur Identifizierung von Covid-19-Hotspots sowie humanitäre Hilfen für Arme, Bauern und Tagelöhner. Der Parlamentsabgeordnete Rahul Gandhi, Enkel der legendären Premierministerin Indira Gandhi, twitterte: "Der pauschale, undifferenzierte Lockdown hat Millionen von Landwirten, Wanderarbeitern, Tagelöhnern und Geschäftsinhabern unermessliches Elend und Leid gebracht."

Mit 12.380 bestätigten Covid-19-Infektionen und 414 Toten (Stand 16. April) fällt die Pandemiebilanz im riesigen Indien noch vergleichsweise bescheiden aus. Gesundheitsexperten gehen aber von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus, weil noch zu wenig Inder auf eine Virusinfektion getestet worden seien. Vor allem befürchten die Experten eine Explosion der Covid-19-Infektionen in den extrem überbevölkerten Millionenstädten des Subkontinents.

Weltweit leben 800 Millionen Städter – ein Viertel der globalen urbanen Bevölkerung – dicht an dicht in Slums, in denen es sauberem Wasser, Hygiene, Kanalisation, ärztlicher Versorgung und Strom fehlt.  Alleine in Indien hausen offiziell 65 Millionen Menschen in Slums und 1,8 Millionen sind gar obdachlos. Die Befolgung von Covid-19-Schutzmaßnahmen – Abstand halten, Hände waschen – ist Obdachlosen und Slumbewohnern schlicht unmöglich.  

Fieberhaft bereitet sich das Gesundheitssystem Indiens auf Covid-19-Patienten vor. Religionspolitisch führt das zu einer spannenden Entwicklung. Waren Christen bisher im Visier der radikalen Hindu-Nationalisten, geht die hindu-nationalistische Regierung von Premierminister Narendra Modi und seiner Indischen Volkspartei (BJP) jetzt auf die Christen zu. Modi weiß, dass er in der Coronakrise auf das solide Netz der christlichen Krankenhäuser angewiesen ist. "Wir sind nach dem Staat der größte Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen", sagt Priya John, Generalsekretärin des Dachverbands Christian Medical Association of India (CMAI), selbstbewusst im WhatsApp-Gespräch mit evangelisch.de. Diesen Status hatte der Dachverband evangelischer und katholischer Krankenhäuser, eine Partnerorganisation von Brot für die Welt, schon im März in ihrem schriftlichen Kooperationsangebot an Modi mit Zahlen untermauert: 1.000 Krankenhäuser mit insgesamt 60.000 Betten, mehr als 1.000 Ärzten und 50.000 christlichen Pflegern stünden bereit.

Indische Wanderarbeiter und Obdachlose warten darauf, von den Ufern des Yamuna-Flusses abtransportiert zu werden.

Inzwischen hat Modi in einer Videokonferenz mit der CMAI und Vertretern anderer Religionen die Zusammenarbeit zwischen staatlichem und privatem Gesundheitssystem grundsätzlich zugestimmt. "Es gibt bei der BJP-Regierung keine Vorbehalte gegen uns. Religion spielt keine Rolle", sagt John. Die Expertin betont aber auch, dass jetzt den Worten Taten folgen müssen. Die Bundesstaaten müssten die Direktive aus Neu Delhi umsetzen. Noch fehle es aber an Geld, an Schutzkleidung für das Krankenhauspersonal, an Covid-19-Tests, an Beatmungsgeräten. Zudem arbeite die indische Bürokratie sehr langsam, so John, und der Lockdown erschwere den Transport von Gütern.

Schon jetzt aber zeichnet sich in Indien und den anderen asiatischen Ländern - gleich ob bitterarm oder Schwellenland – eine soziale Katastrophe durch den Covid-19-Lockdown ab. Laut einer Studie der Weltbank (2018) leben 42 Prozent der weltweit 783 Millionen von extremer Armut betroffenen Menschen in Asien.

Der wirtschaftliche Einbruch durch die Coronapandemie droht die Erfolge von drei Jahrzehnten der Armutsbekämpfung zu gefährden. Je nach Ausmaß des wirtschaftlichen Rückgangs würden in der asiatisch-pazifischen Region die Zahl der Armen um 98 Millionen bis zu 219 Millionen steigen, heißt es in einer in der Karwoche veröffentlichten wissenschaftlichen Studie der Universität der Vereinten Nationen. Auf globaler Ebene würde im schlimmsten Fall insgesamt eine halbe Milliarde Menschen zurück in die Armut fallen. Damit sei das Ziel der Vereinten Nationen der Ausmerzung der Armut bis 2030 gefährdet.

In den Flüchtlingslagern der Rohingya hat es bisher keinen bestätigten Covid-19-Fall gegeben. Ganze Rohingya-Familien hausen in Bambushütten, von denen kaum eine größer als zehn Quadratmeter ist. Abwasser und Fäkalien fließen durch offene Gräben. Gesichtsmasken gibt es nur für medizinisches Personal. Die Behörden haben einen Lockdown für die Lager mit rund einer Million Flüchtlingen verfügt. Die Schulen sind geschlossen, Gruppenaktivitäten untersagt. "Es wäre eine Katastrophe, wenn Covid-19 die Lager erreichen würden", sagt Jamil Chowdury, Direktor der Organisation Action for Social Development (ASD) in Dhaka und fügt hinzu: "Ein Ausbruch würde die schlechten medizinischen Einrichtungen überfordern." Unterstützt von der Diakonie Katastrophenhilfe ist die ASD in den Lagern in den Bereichen Hygiene und Englischunterricht für Erwachsene aktiv.

Diskriminierung aufgrund der Religion

Mit Bangen schauen Kirchen und Hilfsorganisationen auch auf die Lage der 350.000 Vertriebenen in den Bürgerkriegsgebieten von Myanmar. "Überfüllte Lager, abgeschaltetes mobiles Internet, Blockaden der humanitären Hilfe und Bewegungseinschränkungen machen die Vertriebenen in den Bundesstaaten Rakhine, (dem mehrheitlich christlichen) Kachin, Shan, Chin und Karen besonders anfällig für einen Virusausbruch", warnt die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW).

Im mehrheitlich islamischen Pakistan werden nach Angaben der U.S. Commission on International Religious Freedom (USCIRF) Hindus und Christen bei der humanitären Hilfe in der COVID-19-Krise diskriminiert. Hilfsorganisationen islamischer Hardliner verteilen Lebensmittel ausschließlich an Muslime. Der Soziologe Sabir Michael bestätigt gegenüber evangelisch.de diese Berichte. Der Christ und Dozent an der Universität von Karatschi betont aber auch, es gebe auch moderate islamische und auch christliche Organisationen, die Armen gleich welcher Religionen helfen.

Hilfe zur Selbsthilfe

In Vietnam sind die Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation Center for Promoting Development for Women and Children (DWC) seit dem Lockdown auf die Arbeit im Homeoffice angewiesen. In der Coronakrise zahlt sich aber die Arbeit der DWC aus. In einem von Brot für die Welt geförderten Projekt bringt sie seit langem Bauern in den Dörfern bei, sich zu organisieren und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, anstatt auf Anweisungen von oben zu warten. "Die Leute in den Dörfern sind gut über Covid-19 und das Weltgeschehen informiert", sagt DWC-Chefin Bui Thi Kim im Skypegespräch. DWC versorge die Bauern in den Projektgebieten per Email und die sozialen Netzwerke mit den aktuellsten Informationen über Covid-19, praktischen Ratschlägen über Schutzmöglichkeiten und die Maßnahmen der Regierung. Die Versorgung mit Lebensmitteln sei auf dem Land gesichert. "Die Bauern beackern weiter ihre Felder und beachten dabei natürlich die Abstandsregeln", sagt Bui Thi Kim, die seit ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaft zu DDR-Zeiten in Dresden Deutschland als ihre zweite Heimat empfindet.

Zwei Inder werden sich ihr Leben lang an die Coronapandemie erinnern müssen. Am 27. März erblickten in Raipur Zwillinge das Licht der Welt. Den Jungen nannten die Eltern Covid und das Mädchen Corona.