Wie deutschstämmige Lutheraner im US-Bundesstaat Illinois die Corona-Krise erleben

"Zentrum" von Maeystown

© Brigitte Geiselhart

Noch weniger los als sonst ist in diesen Wochen im "Zentrum" von Maeystown.

Wie deutschstämmige Lutheraner im US-Bundesstaat Illinois die Corona-Krise erleben
Im US-Bundesstaat Illinois stellt das Coronavirus das Leben der deutschstämmigen Lutheraner auf den Kopf: Das erste Mal seit 1841 musste zum Beispiel der deutschsprachige Karfreitagsgottesdienst ausfallen. So sieht der Corona-Alltag von Auswanderern und ihren Nachfahren aus.

David Braswell versteht die Welt nicht mehr. "Dieser Gottesdienst hat den Amerikanischen Bürgerkrieg überstanden, den Ersten Weltkrieg, die furchtbare Spanische Grippe von 1918 und auch den Zweiten Weltkrieg. Aber jetzt ist auf einmal alles anders." Die Rede ist vom Karfreitagsgottesdienst, der in der "Lutheran Church of the Holy Cross" in Wartburg traditionell in deutscher Sprache gefeiert wurde. Jahr für Jahr. Seit 1841. Doch jetzt hat Corona auch das kirchliche Leben durcheinandergebracht. Wartburg ist ein kleines Dorf mit vielleicht 50 Häusern, tief im Süden des US-Bundesstaats Illinois, nicht weit von der Grenze zu Missouri entfernt. In der "Southwestern Illinois German Heritage Area" leben viele Nachfahren deutscher Einwanderer, die sich hier Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Existenz aufgebaut haben – unter ihnen zahlreiche Lutheraner. Hier findet man außer Wartburg auch Orte wie "Germantown", "Freeburg", "Paderborn", "New Hanover" oder "Darmstadt." Und in dieser Region wird deutsches Erbe nicht nur gepflegt, sondern gelebt – in gesellschaftlicher wie in religiöser Hinsicht.

Auch David Braswell hat deutsche Wurzeln. Der pensionierte Deutschlehrer, dessen Vorfahre aus Hasloch in Rheinland-Pfalz stammt, lebt zusammen mit seiner Frau Marcia im Nachbardorf Maeystown, das von Georg Jakob Mees aus Oggersheim gegründet wurde. Hier wird in normalen Zeiten auch im 21. Jahrhundert noch fleißig Binokel gespielt, das Oktoberfest, Fastnacht und ein traditionelles deutsches Frühlingsfest gefeiert. "Und in der Kirche wird an Weihnachten das Stille Nacht auf Deutsch gesungen", erzählt Anita Muertz, Ur-Ur-Enkelin des Dorfgründers. Im Kern der 100-Seelen-Gemeinde steht das "Corner George Inn", das 1862 als "Hotel und Saloon" – wie als verblasste Innschrift noch immer auf der Hausfassade zu erkennen ist – gebaut wurde. Vor gut 30 Jahren haben es die Braswells gekauft, aufwendig restauriert und daraus eine Bed & Breakfast Pension gemacht, in der der Geist der Gründerzeit nach wie vor lebt.

Aber das Corner George Inn steht seit Wochen leer. "Seit Anfang März haben wir keine Gäste mehr", erzählt David Braswell. "Wir dürfen die Frühstückspension zwar nach wie vor öffnen, aber niemand reist in diesen schweren Zeiten in unsere Gegend." Also habe man viel Zeit. Zeit, um das Haus und den Garten in Schuss zu halten, und mit Geduld auf den Tag zu warten, an dem die sehnlichst erhoffte Normalität wieder einkehren wird. Ansonsten sei man die meiste Zeit zu Hause und schenke dem Dackel "Peanut" noch mehr Aufmerksamkeit als sonst üblich.

Andere Osterfeiertage

Dass auch in seiner dünnbesiedelten heimatlichen Umgebung alle Kirchen geschlossen sind und es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste gibt, das macht David Braswell zu schaffen. Seine Frau Marcia ist Klavierlehrerin und Organistin an der St. John United Church of Christ in Maeystown. Die Gottesdienste, die sie musikalisch begleitet, fanden auch an Ostern in der leeren Kirche statt – und können als Video bei Youtube nachverfolgt werden. "Natürlich gibt es auch viele andere Online-Gottesdienste, aber das ist nicht meine Vorstellung von Kirche und nicht die spirituelle Gemeinschaft, die wir gewöhnt sind und die uns so guttut", fasst David Braswell ernüchtert zusammen.

Mit Blick auf die politischen Entscheidungen sieht er die Situation durchaus differenziert. "Ich denke, auf lokaler und bundesstaatlicher Ebene haben die Regierungsbeamten einen guten Job gemacht", so die Einschätzung von David Braswell. "Ich glaube aber, dass die Regierung in Washington viel zu langsam reagiert und auf nationaler Ebene nicht rechtzeitig die Dinge getan hat, die sie hätte tun sollen."

"Gott sei Dank sind meine Frau und ich - auch meine drei Kinder und deren Familien - bis jetzt gesund geblieben", sagt Dr. Kurt Hendel, der in der Millionenmetropole Chicago zuhause ist. "Wir können größtenteils in den eigenen vier Wänden bleiben, weil wir von meinem Sohn und seiner Familie, der in unserer Nähe wohnt, beim Einkauf von Lebensmitteln und anderen wichtigen Dingen unterstützt werden."  Hendel ist Pfarrer und emeritierter - aber nach wie vor aktiver - Theologie-Professor an der "Lutheran School of Theology". Als Jugendlicher ist der gebürtige Oberschlesier 1956 zusammen mit seiner Mutter in die USA ausgewandert. "Mir bleibt im Augenblick nichts anderes übrig, als meine Studenten online zu unterrichten. Und das wird wohl noch bis mindestens Mitte Mai so weitergehen", erzählt er und berichtet auch von den Alltagssorgen, mit denen die Menschen in Amerika zu kämpfen haben. "Es wird befürchtet, dass Krankenhäuser nicht alle Corona-Kranken versorgen können und das medizinische Personal sowohl physisch als auch emotional zu stark belastet ist. Masken, Handschuhe und andere Sicherheitsausrüstungen sind Mangelware", sagt er. "Es wird leider immer offensichtlicher, dass sich unser Land nicht sorgfältig auf eine mögliche Epidemie oder Pandemie vorbereitet hat."

Professor Kurt Hendel vor der "Lutheran School of Theology" in Chicago. Auch sie muss in der Zeiten der Corona-Krise geschlossen bleiben. Der Unterricht findet online statt.

Kurt Hendel gehört der "Evangelischen Lutherischen Kirche von Amerika" (ELCA) an. Sie wurde 1988 gegründet, hat rund 3,6 Millionen Mitglieder und ist nicht nur die größte, sondern gilt auch als die liberalste unter den zahlreichen lutherischen Kirchen in den Vereinigten Staaten. "Einige Bischöfe der ELCA-Synoden haben empfohlen, auf das Abendmahl zu verzichten, bis wir uns wieder in unseren Kirchen zum Gottesdienst versammeln können", sagt er. "Andere Bischöfe erlauben die Praxis, dass der Pastor die sakramentalen Elemente während des gestreamten oder aufgezeichneten Gottesdienstes weiht und die Kirchenmitglieder, die zu Hause mitfeiern, dazu einlädt, Brot und Wein zur Hand zu nehmen, zu teilen, und sich gegenseitig zu versichern, den Leib und das Blut Christi zu empfangen." Viele Menschen fühlten sich aber mit dieser Art von Abendmahlfeier nicht wohl und fasteten stattdessen lieber, weiß Kurt Hendel.

Eine Bischöfin der ELCA erlaube es Laien darüber hinaus sogar, Brot und Wein in ihren Häusern selbständig zu weihen und das Abendmahl auf diese Weise miteinander zu teilen, ohne dass ein ordinierter Priester anwesend oder beteiligt sei. "In diesem Punkt befindet sie sich allerdings im Widerspruch mit ihren Amtskollegen", sagt Kurt Hendel. Er könnte sich aber vorstellen, dass diese "Flexibilität" auch von anderen Bischöfen gewährt werde, wenn regelmäßige Gottesdienste und damit auch das gewohnte Abendmahl auf längere Sicht nicht möglich bleiben sollten. "Natürlich vertrauen wir darauf, dass wir bald wieder gemeinsam Gottesdienste in unseren Kirchen feiern können", blickt Kurt Hendel hoffnungsfroh nach vorne.

Situation der Gemeinden in Chicago

Auch Klaus-Peter Adam hat in Chicago eine neue Heimat gefunden. Früher war er Pfarrer der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Nach seiner Habilitation hat er sich 2009 entschlossen, einen Ruf an die Lutheran School of Theology als Professor für Altes Testament anzunehmen – und ist heute Gemeindemitglied der "Augustana Lutheran Church", die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Universitätscampus befindet. Viele Gläubige seien mit dem "Social Distancing" und der aktuellen Corona-Situation völlig überfordert – insbesondere Senioren, betont er. Er verweist aber auch darauf, dass durch das Ausfallen der öffentlichen Gottesdienste ein nicht zu vernachlässigender finanzieller Engpass für die Gemeinden entstünde. "Sie leben von den Opfergaben am Sonntag", sagt Klaus-Peter Adam.

Im "Drive-In-Stil" wurden in diesem Jahr die Ostergottesdienste in der Heilig-Kreuz-Kirche in Wartburg gefeiert.

Zurück von der Millionenstadt Chicago ins idyllische Dörfchen Wartburg. Dort wurden die Ostergottesdienste im "Drive-In-Stil" auf dem Parkplatz von der Heilig-Kreuz-Kirche gefeiert, wie Pastor Daniel Ostlund erklärt. "Die Leute sind in ihren Fahrzeugen sitzengeblieben und haben die Autoradios eingeschaltet, während ich den Gottesdienst mit einem FM-Sender-Headset vor der Kirchentür geleitet habe", sagt er. "Sie konnten ihre Häuser verlassen, gemeinsam die Messe feiern und dennoch den vorgeschriebenen Abstand einhalten. Die Resonanz war wirklich äußerst positiv."

Auch bei Arlene Baum. In allen Fragen rund um die evangelische Kirchengemeinde Wartburgs ist sie erste Ansprechpartnerin. Ihre Ur-Ur-Großeltern hießen "Schmidt" und waren um 1850 aus Westfalen nach Illinois gekommen. "Dass der deutsche Karfreitagsgottesdienst nach 178 Jahren zum ersten Mal abgesagt werden musste, ist wirklich sehr traurig", sagt sie. "Umso mehr freuen wir uns auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr."