Deutsch singen und beten als Andenken

Typisch in den Vereinigten Staaten: Die amerikanische Flagge im Kirchenraum der St. Johannes Kirche in Maeystown.

Foto: Brigitte Geiselhart

Typisch in den Vereinigten Staaten: Die amerikanische Flagge im Kirchenraum der St. Johannes Kirche in Maeystown.

Darmstadt, Paderborn, Wartburg - diese Orte gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA. Dort wird das gesellschaftliche, kirchliche und kulturelle Erbe der deutschen Auswanderer besonders gepflegt. Auf den Spuren deutscher Lutheraner im US-Staat Illinois.

Die kleinkronige Winterlinde im Luthergarten in Wittenberg trägt die Nummer 408. Kurt Hendel hat sie 2017 als einen von 500 Bäumen anlässlich des Lutherjubiläums gepflanzt. Zusammen mit einer Gruppe ehemaliger Studenten machte sich der Theologieprofessor aus Amerika damals auf die Spuren von Martin Luther.

Hendels eigentliche Wirkungsstätte ist sein Büro in der "Lutheran School of Theology" in der Millionenmetropole Chicago im amerikanischen Bundesstaat Illinois. "Eigentlich bin ich ein Oberbayer", erzählt Hendel schmunzelnd. Geboren ist er 1944 in Oberschlesien. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Er war ein Förster, der kurz vor der Geburt seines Sohnes von Partisanen erschossen wurde. Nach Kriegsende musste die alleinerziehende Mutter zusammen mit zwei Kindern fliehen und fand in Kirchweidach im Landkreis Altötting ein neues Zuhause. "Wir waren vielleicht zehn evangelische Familien im ganzen Ort", erinnert sich Kurt Hendel. Die große Schwester wanderte bereits 1951 in die Vereinigten Staaten aus, der Rest der kleinen Familie kam 1956 nach. "Kirchliche Gemeinschaft habe ich erst hier erlebt", fährt Kurt Hendel fort.

Der Wunsch, Pfarrer zu werden, wurde im von Kindheit auf christlich geprägten Jugendlichen immer deutlicher. Dem Internat in Milwaukee folgte das Prediger Seminar in St. Louis. Den jungen Pfarrer zog es dann aber bald in die Lehre. Mittlerweile ist er seit 46 Jahren - inzwischen emeritierter aber auch heute noch gefragter - Theologieprofessor. "Und ich habe zusammen mit meiner Frau drei Kinder und neun Enkelkinder", sagt er stolz.

"Sie soll wachsen und gedeihen." Professor Kurt Hendel zeigt auf die Kleinkronige Winterlinde im Innenhof der "Lutheran School of Theology" in Chicago. Den gleichen Baum hatte er anlässlich des Lutherjahres im Luthergarten in Wittenberg gepflanzt.

"Gezählt und das Vater Unser gebetet wird von mir nach wie vor in Deutsch", kommt Kurt Hendel ein wenig ins Plaudern. "Meine deutschen Verwandten sind alle katholisch. Wenn ich sie besuche, dann merke ich, dass auch bei mir der oberbayerische Dialekt nach ein paar Wochen schnell wieder anfängt." Und wie steht es mit dem Aufrechterhalten religiöser deutscher Traditionen im fernen Amerika? "In meiner Familie feiern wir Weihnachten zwei Mal", sagt Hendel und muss lachen. "Auf deutsche Art am Heiligen Abend und im amerikanischen Stil am Weihnachtstag."

Auch Nancy Goede - Pfarrerin der "Augustana Lutheran Church" in Chicago - hat deutsche Wurzeln. Klaus-Peter Adam war Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Jetzt gehört er der Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika (ELCA) an, die als die liberalste unter den vielen lutherischen Kirchen in den USA gilt.

Kurt Hendel gehört heute der "Evangelischen Lutherischen Kirche von Amerika" (ELCA) an. Sie wurde 1988 gegründet, hat rund 3,6 Millionen Mitglieder und ist nicht nur die größte, sondern gilt auch als die liberalste unter den zahlreichen lutherischen Kirchen in den Vereinigten Staaten. So ist es zum Beispiel selbstverständlich, dass auch katholische Christen beim Gottesdienst in der "Augustana Lutheran Church" in Chicago von der deutschstämmigen Pfarrerin Nancy Goede herzlich willkommen geheißen und zur "Holy Communion" - die jeden Sonntag ausgeteilt wird - eingeladen werden.

"Das Verhältnis der Lutheraner untereinander ist schwierig", sagt Kurt Hendel frei heraus. Von den in Deutschland längst vertrauten ökumenischen Beziehungen der Kirchen sei man weit entfernt. Während aber die Kontakte zur "United Church of Christ" - die vor 60 Jahren durch die Verschmelzung der "Evangelical and Reformed Church" und der "Congregational Christian Churches" entstand - zu Presbyterianern, zu Methodisten, auch zu Katholiken, Orthodoxen und anderen christlichen Kirchen durchaus kollegial und freundschaftlich seien, seien fruchtbare Kontakte etwa zur "Lutherischen Kirche – Missouri Synode" (LCMS), der gerade im Mittleren Westen viele Deutsche Auswanderer angehören, derzeit kaum möglich.

Ganz im Sinne Luthers: Pastor Daniel Ostlund und Gemeindemitglied Arlene Baum vor der "Holy Cross Lutheran Church" in Wartburg.

"Wir haben den gleichen Glauben, streiten uns aber im Grunde über Nebensächliches", befindet Hendel. So beharrten die Lutheraner der Missouri Synode auf ihrer konservativen und wörtlichen Auslegung der Bibel. Gerade auch in ethischen Fragen sei man weit auseinander. Während in der ELCA auch homosexuelle Paare gesegnet werden, Schwule und Lesben Priester werden können, ist das in der Missouri Synod völlig undenkbar.

Diese Unterschiede werden von Daniel Ostlund bestätigt. Das Wort "konservativ" hört der schwedischstämmige Priester im Zusammenhang mit der Missouri Synode aber nicht gerne. Man sei vielmehr "konfessionell", weil man auch heute unverändert der Augsburger Konfession von 1530 folge. Weibliche Priesterinnen gebe es in der LCMS nicht, Frauen könnten aber das Amt einer Diakonin ausüben. Auch sei eine Teilnahme an der "Kommunion" in der Regel Mitgliedern vorbehalten, für Christen anderer Konfessionen nur nach einem Schulungsgespräch möglich.

Daniel Ostlund ist verheirateter Familienvater und Pastor der "Holy Cross Lutheran Church" in Wartburg, einem kleinen Ort mit etwa 50 Häusern - und einem Golfplatz - in der "Southwestern Illinois German Heritage Area". Hier trifft man auch auf Ortsschilder wie "Darmstadt", "New Hanover", "Saxtown", "Paderborn", "Freeburg" oder "Germantown". Tief im Süden von Illinois, nahe der Grenze zu Missouri, wird das Erbe deutscher Einwanderer, die sich hier Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Existenz aufbauten, in besonderer Weise gepflegt, sowohl in gesellschaftlicher als auch in kirchlicher Hinsicht.

In idyllischer Umgebung: Das Dorf "Wartburg" liegt inmitten "German Heritage Area" im Südwesten des US-Bundesstaats Illinois.

Das Einzugsgebiet der evangelischen Kirche in Wartburg reicht in die Nachbargemeinden bis nach Waterloo und Maeystown. In allen Gemeindefragen ist Arlene Baum erste Ansprechpartnerin. "Ich habe schon immer hier gewohnt", sagt die freundliche ältere Dame. Ihre Ur-Ur-Großeltern hießen "Schmidt" und waren um 1850 aus Westfalen gekommen. "Die deutschen Traditionen haben in unserer Kirche nach wie vor einen hohen Stellenwert", erzählt sie. "Zum Beispiel findet bei uns seit ewigen Zeiten jedes Jahr am Karfreitag ein Gottesdienst in deutscher Sprache statt - auch wenn die meisten Gottesdienstbesucher die Worte mittlerweile nicht mehr verstehen können. Am Heiligen Abend wird in der Mitternachtsmesse eine Strophe von "Stille Nacht" ebenfalls auf Deutsch gesungen. Und im Jahresverlauf freuen sich die Gemeindemitglieder auch mal auf ein zünftiges Bratwurst-Dinner."

"Hier ging ich zur Schule." Arlene Baum vor der "Evangelisch-Lutherischen Schule" in Wartburg. Heute dient sie als Sonntagsschule und Gemeinderaum.

Gegenüber der Holy Cross Lutheran Church steht auf einer saftig grünen Wiese das "Camp Wartburg". Hier können Familien mit Kindern ganzjährig günstig übernachten. Hier treffen sich auch Kinder und Jugendliche zu christlich orientierten Ferienfreizeiten, um Sport zu treiben, und im eigenen Pool oder am nahegelegenen See viel Spaß zu haben.

Ebenfalls auf einer saftig grünen, wenn auch kleinen Wiese, steht eine zweite kleinkronige Winterlinde – im Innenhof der "Lutheran School of Theology" in Chicago. "Wir haben sie gepflanzt, als wir im vergangenen Jahr aus Wittenberg zurückgekommen sind. Sie soll wachsen und gedeihen und uns in heißen Sommern viel Schatten spenden", sagt Hendel, der vor mehr als 60 Jahren in die USA ausgewandert ist.