Eine lernende Organisation

Überschwemmung vor dem Projekt "Deichreparatur"

© Brot für die Welt

Überschwemmung bei Posurbunia vor dem Projekt "Deichreparatur" durch die CCDB.

Eine lernende Organisation
Eine der ältesten Partnerorganisationen von "Brot für die Welt" ist die Christliche Kommission für Entwicklung in Bangladesch ("Christian Commission for Development in Bangladesh", CCDB). Bei ihrer Arbeit stehen die Menschen im Zentrum. Nachhaltigkeit funktioniert nur über Partizipation, davon ist man bei der Hilfsorganisation überzeugt.

Abdur Rahman ist froh. Auch, wenn der 75-jährige - für seine Verhältnisse - sehr viel Geld einsetzen musste: 1250 Taka, umgerechnet 14,18 Euro brachte er auf. Die steuerte er für das Projekt "Deichreparatur" bei. Er ist einer von vielen Kleinbäuerinnen und -bauern im Dorf Posurbunia im Distrikt Bagerhat in Bangladesch. Bangladesch ist eines der Länder, die die Folgen des Klimawandels besonders stark zu spüren bekommen: Unter anderem muss es mit 40 Prozent Ernteeinbußen zurechtkommen, zum Beispiel durch eine zunehmende Versalzung der Anbauflächen und des Trinkwassers. Bei Posurbunia nun hatten starke Regenfälle, Hochwasser und Überschwemmungen den Deich um das Dorf brüchig gemacht. Die Bauernfamilien verloren ihre Ernten und Habseligkeiten in den Fluten. Die CCDB hatte in der Folge in vielen Gesprächen die lokale Regierung zu überzeugen versucht, sich zu kümmern, blieb aber erfolglos. Also musste man das Schicksal selbst in die Hand nehmen: Mit Unterstützung der CCDB sammelten die Dorfbewohnerinnen und -bewohner Geld ein, um Material für die Reparatur des Deiches zu kaufen. Jeder beteiligte sich mit dem, was sie oder er beisteuern konnte, so auch Abdur Rahman.

Deichreparaturen im Dorf Posurbunia.
Seit drei Jahren hatte er seinen kleinen, 0,3 Hektar großen Acker wegen des Deichbruchs nicht mehr bewirtschaften können. Nun reparierte das ganze Dorf gemeinsam den Deich, angeleitet und koordiniert im Rahmen eines CCDB-Projekts. Jetzt sind mehr als 200 Familien sind bei Hochwasser geschützt und die Menschen können sich wieder selbst versorgen.

Dieses Projekt ist ein Musterbeispiel dafür, wie die CCDB heute arbeitet. "Die Menschen stehen im Zentrum aller Projekte und Programme", schreibt die Organisation in ihrer Selbstdarstellung, "ihre aktive Beteiligung war und ist das grundlegende Prinzip bei allen wertebasierten Konzepten, Prozessen und Tätigkeiten, auf die wir uns konzentrieren." Joyanta Adhikari, Executive Director der CCDB, unterstreicht das in einem Interview mit der Georgetown University (Washington D.C.): "Wir sind da anders als andere Nichtregierungsorganisationen. Unsere Philosophie ist es, nicht an die Organisation selbst zu denken, sondern immer nur an die Menschen."

Joyanta Adhikari
Darin sieht er auch den Grund, warum seine Organisation nicht so groß ist wie manch andere in Bangladesch. Während diese zum Beispiel durch die Vergabe von Mikrokrediten ein profitables Geschäftsmodell entwickelten, galten die Anstrengungen der CCDB zuallererst den verschiedensten Hilfs- und Entwicklungsprojekten. Und davon gibt es viele: In den Bereichen Armutsbekämpfung, Lebensmittelsicherheit und Existenzsicherung, in diversen Bildungsbereichen, mit etlichen Programmen zu Umweltschutz und Bekämpfung des Klimawandels (und vor allem dessen Folgen) und bei groß angelegten Wiederbesiedlungsprojekten engagiert sich die CCDB und hilft so vielen hunderttausend Familien zur Selbsthilfe. Mit Kursen zu Vorratshaltung oder ökologischem Landbau, Hebammentrainings oder dem Bau von Trinkwasseraufbereitungsanlagen und der Vermittlung des entsprechenden Know-Hows zu deren Unterhaltung beispielsweise bewirkt die Organisation seit nunmehr 45 Jahren Gutes.

1973 wurde die CCDB als Nachfolgeorganisation des vom Ökumenischen Rat der Kirchen initiierten "Bangladesh Ecumenical Relief and Rehabilitation Service" (BERRS) gegründet. Damals war gerade der Befreiungskrieg gegen Pakistan zu Ende gegangen und die Organisation sollte sich den Nöten der Armen zuwenden und sich aktiv am Wiederaufbau- und Entwicklungsprozess in Bangladesch beteiligen. Bis 1975 war sie vor allem damit beschäftigt, sich um die vom Krieg gezeichneten Menschen zu kümmern und zu versuchen, diesen eine neue Lebensgrundlage und eine Rückkehr in ein normales Leben zu ermöglichen. Aber schon damals war der Plan, eine langfristige Gemeinwesenarbeit daran anzuschließen.

Bildergalerie

Meilensteine der Projektarbeit - 60 Jahre Brot für die Welt

In Hongkong wird Essen an eine Mutter mit Kind verteilt.

© Brot für die Welt

In Hongkong wird Essen an eine Mutter mit Kind verteilt.

© Brot für die Welt

<p>"Menschen hungern nach Brot! Von den 2,85 Milliarden Erdbewohnern sind 56 Prozent unzureichend ernährt. (…) Wer darüber hinwegzusehen versucht, versündigt sich", heißt es 1959 im ersten Spendenaufruf von <a href="https://www.brot-fuer-die-welt.de/spenden/?gclid=EAIaIQobChMI8P_D8Jrq3gIVSrTtCh0wJQ2xEAAYASAAEgK76PD_BwE">Brot für die Welt</a>. Er bringt völlig unerwartet 19 Millionen Mark ein.</p>
Das Geld fließt in erster Linie in die Speisung von Hungernden, zum Beispiel in Hongkong. Dort verteilt der <a href="https://de.lutheranworld.org/">Lutherische Weltbund</a> Nahrungsmittel an bedürftige Familien. Allein in dieser Stadt leben 60.000 Menschen am unteren Rand der Existenz. Durch die vereinten Kräfte des Lutherischen Weltbundes und Brot für die Welt bekommen nun 14.000 Kinder täglich etwas zu essen, 600 Familien können regelmäßig Nahrungsmittelhilfen erhalten.
<p>Das hohe Spendenergebnis und die zahlreichen Hilfegesuche aus aller Welt führen zu dem Entschluss, aus der Aktion Brot für die Welt eine dauerhafte Einrichtung zu machen.</p>

Ein indisches Kind sitzt auf der Erde vor einem Teller mit Essen.

© Brot für die Welt

1966 wird Indien von einer schlimmen Dürre heimgesucht. Hunderttausenden von Menschen droht der Hungertod. Brot für die Welt beschließt, bis zur nächsten Ernte täglich 355.000 Schulkinder mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Mit dem Projekt stößt die Organisation in neue Dimensionen vor. Es wird deutlich, dass Hilfe in diesem Umfang nur zusammen mit Partnern vor Ort geleistet werden kann.

Trümmer nach der Katastrophenflut in Bangladesh

© Henk Zomer/Brot für die Welt

Text auf Rückseite vom original Fotoabzug:
Bangladesh Foto: 1987
Katastrophen-Flut
<p>Ausgelöst durch die Proteste der Studentenbewegung kommt es Ende der 1960er Jahre zu einem Wandel im Selbstverständnis von Brot für die Welt: Statt Mitleid steht nun die Solidarität mit den Armen im Vordergrund. Hilfsprojekte sollen nicht mehr nur kurzfristig Not bekämpfen, sondern die Menschen stark machen und darin unterstützen, für ihre Recht einzutreten.</p>
<p>Anfang der 1970er Jahre startet Brot für die Welt auch umfassende Dorfentwicklungsprogramme, an deren Planung und Durchführung auch die lokale Bevölkerung beteiligt ist, zum Beispiel in Bangladesch. Mit der 1973 gegründeten Partnerorganisation
<a href="https://www.ccdbbd.org/">Christian Commission for Development in Bangladesch (CCDB)</a> <a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/153370/15-11-2018/partnerorganisation-von-brot-fuer-die-welt-christliche-kommission-fuer-entwicklung-bangladesch">arbeitet das Hilfswerk bis heute zusammen</a>.</p>

GEPA-Produkte aus Schokolade.

© Hardy Zürn/Brot für die Welt

<p>Gleichzeitig gewinnt in Deutschland die Öffentlichkeitsarbeit an Bedeutung. Die Kernbotschaft lautet: Die Ordnung der Welt ist ungerecht und wir sind ein Teil dieser Ungerechtigkeit. Große Kampagnen machen darauf aufmerksam. Sie wenden sich unter anderem gegen die hohen Zollsätze für Rohrzucker aus Entwicklungsländern. Mit Unterstützung von Brot für die Welt <a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/131204/18-02-2016/geschichte-des-weltladens">eröffnet 1973 in Stuttgart der erste Weltladen</a>. Hier werden nur fair gehandelte Produkte verkauft. Zwei Jahre später gründet Brot für die Welt zusammen mit MISEREOR und anderen kirchlichen Partnern die <a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/99969/14-05-2010/35-jahre-gepa-viele-forderungen-noch-heute-aktuell">Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt, kurz GEPA</a>. Sie ist heute das größte Fairhandelsunternehmen Europas.

Eine mit Solarenergie betriebene Destillierungsanlage in Tilonia, Rajasthan.

© Jahre Brot für die Welt

<p>Die Studie "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome zeigt die Grenzen der ökologischen Belastbarkeit unseres Planeten auf. Auch die 5. Vollversammlung des Weltrats der Kirchen in Nairobi richtet den Blick auf die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und forderte die Mitgliedskirchen dazu auf, sich für eine gerechte und nachhaltige Gesellschaft einzusetzen.</p>
<p>Brot für die Welt startet 1978 die "Aktion e". Unter dem Slogan "einfacher leben – einfach überleben – Leben entdecken" fordert sie einen verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Zahlreiche Gemeinden verpflichten sich dazu, weniger zu konsumieren und wegzuwerfen, Abfall zu sortieren und sparsam zu heizen. In seiner weltweiten Programmarbeit fördert Brot für die Welt im Rahmen der "Aktion e" Modellprojekte der alternativen Energiegewinnung wie Wind- und Wasserkraft, Solarenergie und Biogasanlagen. Dazu gehört auch die mit Solarenergie betriebene Destillierungsanlage in Tilonia, Rajasthan.</p>

Bilder der ermordeten oder vermissten Opfer der Militärdiktatur in El Salvador.

© Peter Williams / Brot für die Welt

<p>In Lateinamerika kommt es in den 1970er Jahren zu mehreren Putschen, unter anderem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Putsch_in_Chile_1973">1973 in Chile</a>, <a href="http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/223408/militaerdiktatur-in-argentinien">
1976 in Argentinien</a> und
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Junta_Revolucionaria_de_Gobierno">1979 in El Salvador</a>. Sie führen zu blutigen Militärdiktataturen, in denen Zehntausende Menschen verfolgt und vertrieben, gefoltert und ermordet werden.</p>
Zu den Opfern zählten auch Partner von Brot für die Welt. Das Hilfswerk richtete daher ein Menschenrechtsreferat ein, zu dessen Aufgaben die finanzielle und moralische Unterstützung sowie der Schutz von Menschenrechtsverteidigern gehört. Bis heute zählt die Menschenrechtsarbeit zu den wichtigsten Tätigkeitsfeldern von Brot für die Welt.

Im Sudan werden Flüchtlinge aus Tigray geimpft.

© Marc Vanappelghem / Brot für die Welt

Mitte der 1980er Jahre bedroht eine lang anhaltende Dürreperiode das Leben von 150 Millionen Menschen in der Sahelzone. Allabendlich sind Bilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen in den Fernsehnachrichten zu sehen. Zusammen mit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelischer_Entwicklungsdienst">Evangelischen Zentralstelle für Entwicklungshilfe (EZE)</a> legt Brot für die Welt ein "Sonderprogramm Afrika" auf. Es beinhaltet keine Sach- oder Materialhilfe, sondern "Investitionen in die Menschen". Im Vordergrund steht die Verbreitung von vor Ort vorhandenem Wissen über standortgerechte, nachhaltige Anbaumethoden. Dazu unterstützt Brot für die Welt die Vernetzung seiner Partnerorganisationen.

Teppichknüpferinnen und Frauenprojekte werden gefördert

© Bettina Flitner / Brot für die/Bettina Flitner / Brot für die

<p>Die Stärkung von Frauen ("Empowerment") wird in den 1990er Jahren zum roten Faden der Arbeit von Brot für die Welt. Die Geschlechtergerechtigkeit wird zu einer Querschnittsaufgabe. Das Hilfswerk unterstützt Projekte, die Frauen gezielt fördern und sie befähigen, ihre Rechte einzufordern; aber auch solche, in denen Männer lernen, traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen.</p>
Auf Initiative seines <a href="http://www.bba.org.in/">indischen Projektpartners Bachpan Bachao Andolan (BBA)</a>, dessen Leiter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kailash_Satyarthi">Kailash Satyarthi</a> 2014 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird, startet Brot für die Welt zusammen mit
<a href="https://www.misereor.de/">Misereor</a>, <a href="https://www.tdh.de/">terre des hommes</a> und
<a href="https://www.unicef.de/">Unicef</a> eine Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie. Teppiche, die garantiert nicht von Kindern geknüpft wurden, erhalten das
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rugmark">Rugmark-Siegel</a>. Die Kampagne wird ein großer Erfolg und sorgt dafür, dass die Zahl der Kinder in indischen Teppichmanufakturen deutlich zurückgeht.

Dorfbewohnerin an ihrem Wasserhahn bzw. Wasserstelle.

© Jörg Böthling / Brot für die Welt

"MenschenRechtWasser" lautet der Titel einer Kampagne von Brot für die Welt, mit der das Hilfswerk darauf aufmerksam macht, dass über eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Die Kampagne wendet sich insbesondere gegen die Privatisierung der Wasserversorgung, da sie die Wassernot in vielen Ländern der Welt noch verschärft. Viele Partnerorganisationen von Brot für die Welt sorgen dafür, dass auch Menschen in entlegenen Gebieten mit sauberem Wasser versorgt werden, zum Beispiel die <a href="https://cdea-laos.weebly.com/">Community Development and Environment Association (CDEA)</a> in Laos. Dort haben zum Beispiel in der Provinz Oudomxay im Norden des Landes viele Familien nur eingeschränkten Zugang zu sauberem Wasser. Meist nutzen sie verunreinigtes Brunnen- bzw. Flusswasser; Durchfälle und andere Krankheiten sind die Folge. CDEA hilft in drei Dörfern bei der Installation von Wasserversorgungssystemen und schult die Bewohner in ihrer Handhabung und Wartung.

Der Kazike (Cacique), d.h. Vertreter der Wichi-Gemeinde San José, Pedro Segundo, 60 Jahre, blickt traurig über die Wüste hinter dem Zaun.

© Florian Kopp / Brot für die Wel

Die Kampagne "Niemand is(s)t für sich allein" informiert über die Zusammenhänge zwischen Hunger und Armut, unserem Konsummodell und den Spielregeln des Welthandels. Ein wichtiges Thema ist das "Landgrabbing". In vielen Entwicklungsländern vertreiben Investoren Kleinbauernfamilien und Indigene von ihrem Land, um dort Futtermittel und Agrotreibstoffe für die Industrienationen zu produzieren. Partner von Brot für die Welt stehen den Betroffenen bei.
<p>Im argentinischen Chaco zum Beispiel unterstützt die Organisation <a href="https://www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Projekte/Argentinien/projektinformationen_ASOCIANA.pdf">ASOCIANA</a> Indigene, denen ihr Land streitig gemacht wird. Mit schweren Maschinen und gezielt gelegten Bränden wird der Wald gerodet und Platz für Monokulturen wie Soja, Zuckerrohr und die ölhaltige Färberdistel geschaffen, die als Exportgüter vor allem nach China, aber auch nach Europa gelangen. Mit Hilfe moderner Geoinformationssysteme und engagierter Lobbyarbeit verhilft ASOCIANA den Indigenen zu ihrem Recht.

Klimaflüchtlinge im Distrikt Shyamnagar in Süd-Bangladesh, wo der Zyklon Aila starke Verwüstungen verursacht hat, haben sich auf höhergelegenen Stellen niedergelassen.

© Frank Schultze / Diakonie Katastrophenhilfe / Brot für die Welt

Die Weltklimakonferenz in Paris beschließt 2015, die Erderwärmung zu begrenzen und die Entwicklungsländer bei der Anpassung an den Klimawandel finanziell zu unterstützen. Dieser Erfolg ist auch auf die engagierte Lobbyarbeit von Brot für die Welt und seiner Partnerorganisationen zurückzuführen, die seit Jahren darauf aufmerksam machen, dass unter den Folgen der globalen Erderwärmung vor allem die Menschen in den Ländern des Südens zu leiden haben. Eine Vorreiterrolle nimmt dabei die Organisation Christian Commission for Development in Bangladesh (CCDB) ein. Bangladesch ist wie kaum ein anderes Land auf der Welt vom Klimawandel betroffen.

So konzentrierte sich die CCDB danach vor allem auf die Entwicklung der ländlichen Gebiete, wo durch massive infrastrukturelle und technische Anstrengungen die landwirtschaftliche Entwicklung angekurbelt werden sollte. Dies gelang jedoch nur zum Teil. Deshalb kam man zu der Einsicht, dass eine nachhaltige Entwicklung nicht möglich sei, ohne dass man die Menschen, denen geholfen werden sollte, wirklich ins Zentrum stellt. Und das bedeutete, ihnen echte Teilhabe mittels Zusammenarbeit und vor allem Bildung zu ermöglichen, auf die man fortan verstärkt setzte. Daher änderte sich ab 1980 vieles auf der Steuerungs- und Leitungsebene: Ein großer Teil der Verantwortlichkeit wurde auf die sogenannten "Basisgruppen/People's Institutions" (PI) übertragen.

Leben verbessern statt Glauben verändern

Ab 1996 veränderten sich die Arbeitsweisen erneut tiefgreifend: Die Vergabe von Mikrokrediten wurde eingeführt, aber nicht, wie bei vielen anderen NGOs durch die Organisation selbst, sondern über so etwas wie selbstorganisierte Mikrokreditgenossenschaften, das "People's Managed Savings and Credit Program" (PMSC). So blieben die Gewinne aus diesen Programmen stets bei den Bedürftigen selbst und flossen nicht in die Organisation zurück. Außerdem führte man gemeinschaftliche Gesundheitsprogramme und gemeindebasiertes Katastrophenmanagement als neue Arbeitsschwerpunkte ein. Die CCDB entwickelte sich weiter im Sinne ihrer Ziele und Ideale, zeigte sich als eine lernende Organisation.

Eine der größten Herausforderungen besteht dabei laut Sara Speicher, die für den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) berichtet, darin, dass es sich bei Bangladesch um ein mehrheitlich muslimisches Land handelt. Bei einem Anteil von 0,3 Prozent an der Gesamtbevölkerung verstehen die Christen sich als "mikroskopisch kleine Minderheit".

Muslime beten in Bangladesch.
Eigentlich stellt die Religionsfreiheit in Bangladesch kein Problem dar. Aber es ist selbstverständlich, dass sämtliche Entwicklungsarbeit multireligiös sein muss. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der CCDB gehören unterschiedlichen Religionen an, nach dem Motto: Unsere Religion ist nicht dieselbe, aber wir arbeiten im selben Haus. So bestätigt auch Executive Director Adhikari: "Wir sind eine christliche Organisation, aber wir haben nur sehr wenige christliche Angestellte. Wir haben einen festen Mitarbeiterstab von rund 300 Menschen, davon haben aber die meisten einen anderen Glauben."

Boot und Kreuz als Zeichen für ein besseres Leben

Und die CCDB sei auch nicht auf Bekehrung aus, wie Adhikari betont. Veränderung, Verwandlung ja, aber nicht in einem theologischen Sinne, sondern von einer armen, an den Rand gedrängten Gesellschaft hin zu einer nachhaltigen: "So gesehen evangelisieren wir in einem entwicklungstechnischen Sinne. Wir missionieren nicht, wir versuchen nicht, den bisherigen Glauben der Menschen zu ändern. Wir sind hauptsächlich daran interessiert, ihr Leben zu verbessern, denn das ist es, was Jesus Christus uns lehrt. Wenn ich eine arme Frau auf dem Feld sehe, die niedergeschlagen wirkt – und wenn ich zurückkehre und sie lächelt dann: Das ist ein Erfolg für mich. So arbeiten wir."

So kommt es, "dass das christlich-ökumenische Zeichen der Organisation - Boot und Kreuz - in dem islamisch geprägten Staat landesweit präsent ist als das bei der armen ländlichen Bevölkerung respektierte Signum für ein zum Besseren verändertes Leben", wie "Brot für die Welt" schreibt. Und das ist es auch, was die CCDB über all die Jahre zu einem so verlässlichen Partner, unter anderem für "Brot für die Welt" und die Diakonie Katastrophenhilfe macht: Die entscheidenden Kriterien dafür sind eben nicht die Größe der Organisation und ihre weiteren Finanzierungsquellen, wie man bei Brot für die Welt erläutert, sondern die Nähe zu den Menschen. Und dass sie unverrückbare Ideale hat, die sie - unter permanent veränderten Vorzeichen und in einem beständigen Lernprozess - verfolgt und umsetzt.

"Das können auch andere schaffen"

Das zeigt sich auch im Umgang mit anderen NGOs, der nie von Konkurrenz geprägt ist. Im Gegenteil: Joyanta Adhikari legt Wert darauf, dass die CCDB andere Organisationen bei deren Aufbau und Expansion unterstützt. Er erklärt: "Unsere Intention war es, möglichst viele NGOs aufzubauen, damit sie dem Land helfen können. Was auch immer wir in der Lage sind, zu tun, das können andere auch schaffen."

Ein besonders wichtiger Ansatz der CCDB bei ihrer Arbeit ist die Stärkung der Frauen. So betreibt sie zum Beispiel das "Women's Small Local Organization Program" (WSLO), das Frauen dabei hilft, Management-Fertigkeiten in kleinen lokalen Organisationen zu entwickeln und diese als Multiplikatorinnen einzusetzen, bei Themen wie Menschenrechte, Verkehr, Unternehmensgründungen, HIV/AIDS, Rechtsberatung, Trinkwassergewinnung und Gesundheitspflege, aber auch Geburtenregistrierung beispielsweise.

Die Bewohner von Posurbunia sind stolz auf den neu reparierten Deich.
Zudem führt die Organisation gemeinsame Klima-Leuchtturmprojekte mit "Brot für die Welt" und der Diakonie Katastrophenhilfe durch. Dabei handelt es sich um Projekte, die sich mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen und Lösungsmöglichkeiten für die Bevölkerung vor Ort entwickeln. Wichtig ist dabei vor allem die Vernetzung der Projektpartner untereinander, die zum Beispiel auch in Äthiopien, Indonesien und Guatemala sind. Und natürlich ist die CCDB zur Zeit auch in den großen Rohingya-Flüchtlingslagern im Norden des Landes aktiv. Dort ist ganz einfach und direkt Nothilfe gefragt: Neben Decken, Solarlampen und Babykleidung werden die Geflüchteten auch mit Brennstoff versorgt, zudem müssen Lebensmittel und Medikamente verteilt und Latrinen gebaut werden.

Hier wie dort sieht sich die CCDB als eine Organisation, die Augen öffnen möchte. Executive Director Adhikari erklärt: "Was immer die Regierung nicht macht, übernehmen wir, um zu zeigen, dass es möglich ist - und damit die Regierung anschließend dann diese Sachen übernimmt. So denken wir."

Und so kommt es, dass Kleinbauer Abdur Rahman aus dem Dorf Posurbunia nach dem Wiederaufbau des Deichs sehr stolz ist: "Das war das erste Mal in unserem Dorf, dass wir Dorfbewohner uns selbst gerettet haben." Denn so wurde tatsächlich das Interesse der Regierung geweckt und Posurbunia wird nun häufig besucht und als Modelldorf vorgestellt.

Es mag nach großen Worten klingen, aber man kann Joyanta Adhikari ruhig glauben, wenn er aus tiefster christlicher Überzeugung sagt: "Unsere Philosophie ist es, dass die gesamte Schöpfung Gottes in Frieden und Harmonie existieren sollte. Wir wollen eine Welt schaffen, in der alle Menschen in Gerechtigkeit und Würde leben können."