Umfrage: Viele Europäer sehen Vergangenheit positiver als Gegenwart

Zukunftsgerichtete Jugend in Europa

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Europäer unter 25 Jahren denken vorwärtsgewandter, allerdings glauben selbst 52 Prozent der jüngeren Europäer, früher sei die Gesellschaft besser und übersichtlicher gewesen.

Umfrage: Viele Europäer sehen Vergangenheit positiver als Gegenwart
Nostalgiker haben in Europa Konjunktur: Besonders die Italiener sehnen sich nach der "guten alten Zeit", wie eine EU-Umfrage ergab. Auch in Deutschland ist der Anteil groß. Die Autoren fordern Aufklärung und Abgrenzung von populistischer Rhetorik.

Aus Angst vor Einwanderung und Überfremdung idealisieren große Teile der EU-Bürger die Vergangenheit. Zwei Drittel der Europäer (67 Prozent) denken, die Welt sei früher ein besserer Ort gewesen, wie eine am Montag in Gütersloh veröffentlichte repräsentative EU-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergab. Einen Hang zur Nostalgie hätten vor allem die italienischen (77 Prozent), am wenigsten die polnischen Befragten (59 Prozent). In Frankreich, Spanien und in Deutschland sind demnach durchschnittlich zwei von drei empfänglich für nostalgische Rhetorik von reaktionären Kräften.

Frauen schauen seltener durch die rosa Brille

Laut Studie sind die Befragten unter 25 Jahren zwar weniger rückwärtsgewandt als die Generation über 55 Jahre. Allerdings glaubten selbst 52 Prozent der jüngeren Europäer, früher sei die Gesellschaft besser und übersichtlicher gewesen. Über alle Altersgruppen hinweg sehen Frauen (47 Prozent) die Vergangenheit seltener durch eine rosa Brille als Männer (53 Prozent). Für die "eupinions"-Umfrage wurden laut Bertelsmann Stiftung im Juli 10.855 EU-Bürger in den fünf größten EU-Mitgliedsstaaten interviewt.

Jeder zweite der Nostalgiker verortet sich eher rechts im politischen Spektrum, wie die Umfrage ergab. Sie seien in der Regel deutlich kritischer gegenüber dem Thema Einwanderung. 53 Prozent von ihnen sind demnach überzeugt, dass Einwanderer den Einheimischen "Jobs wegnehmen". Mehr als drei Viertel (78 Prozent) stimmten der Aussage zu, dass "Einwanderer sich nicht in die Gesellschaft integrieren möchten".

Zweifel am Integrationswillen von Einwanderern

Bei Nicht-Nostalgikern sind die Zahlenwerte genau umgekehrt: Von ihnen sieht lediglich ein Drittel Einwanderer als Konkurrenten am Arbeitsmarkt. 63 Prozent sind hingegen der Meinung, dass Einwanderung grundsätzlich gut für die Wirtschaft des Heimatlandes ist. Doch zweifeln auch fast zwei Drittel an dem Integrationswillen von Zuwanderern. Die Mehrheit der Nicht-Nostalgiker (58 Prozent) sieht sich eher links.

Geht es um die Europäische Union, sind die unterschiedlichen Lager in Sachfragen dagegen nicht weit voneinander entfernt. Jeder zweite Nostalgiker (51 Prozent) und Nicht-Nostalgiker (57 Prozent) wünscht sich mehr Zusammenarbeit der noch 28 Mitgliedsstaaten, jeweils mehr als 80 Prozent sind für eine aktivere Rolle der EU auf der Weltbühne. Geht es um den Verbleib des eigenen Landes in der EU, gehen die Meinungen jedoch wieder auseinander: Während das bei den Nicht-Nostalgikern 82 Prozent unterstützen, sind es bei den Nostalgikern 67 Prozent.

Nostalgie ein Zeichen für Verunsicherung

"Nostalgie ist ein Indiz für ein hohes Maß an Verunsicherung in der Gesellschaft", sagte Isabell Hoffmann, Mitautorin der Studie von der Bertelsmann Stiftung. Die Nostalgiker zeichne weniger EU-Skepsis aus, sondern ihre negative Sicht auf Einwanderung und Migration sowie die Sorge vor Terrorismus. Der wohlwollende Blick in die Vergangenheit könne da Halt bieten. Dies machten sich einzelne Parteien zunutze. "Der Blick in die USA und Großbritannien zeigt, dass interessanterweise gerade jene, die eine Rückkehr zu alter Größe und Stabilität versprechen, bisher vor allem Unruhe und Auseinandersetzungen ausgelöst haben", erklärte Hoffmann.



Die Autoren der Studie appellierten an die bürgerlichen Parteien, sich von populistischer "Nostalgie-Rhetorik" abzugrenzen und konstruktive Gespräche zu suchen. Eine altersmilde Betrachtung der eigenen Vergangenheit sei vor allem menschlich, sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Aart De Geus. "Doch wenn Parteien Ängste und Unsicherheiten für ihre Wahlerfolge ausnutzen, um eine nie dagewesene goldene Vergangenheit zu beschwören, ist das fahrlässig."

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