Studie sieht starke Zunahme von Antisemitismus im Netz

Computertastatur mit dem Wort "Hass" auf einer Taste

Foto: epd-bild/Jens Schulze

Antisemitische Hasskommentare sind praktisch auf allen Portalen wie Facebook, Twitter, YouTube, Kommentarbereichen der Online-Nachrichtenseiten, diversen Foren usw. zu finden.

Studie sieht starke Zunahme von Antisemitismus im Netz
Zentralrat der Juden: Den Worten folgen irgendwann Taten
Eine Studie belegt eine starke Zunahme von Antisemitismus im Internet. Die Forscher werteten seit 2014 insgesamt 300.000 Texte aus dem Netz aus.

Antisemitische Äußerungen im Internet haben einer Studie der Technischen Universität (TU) Berlin zufolge in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Der Fachbereich Allgemeine Linguistik untersuchte mehrere Hunderttausend Texte und Kommentare im Netz mit Bezug zu Judentum und Israel. Dabei wurde eine Zunahme von antisemitischen Äußerungen von 7,51 Prozent im Jahr 2007 auf mehr als 30 Prozent im Jahr 2017 festgestellt.

Zugleich habe sich die Sprache radikalisiert, sagte Studienautorin Monika Schwarz-Friesel am Mittwoch bei der Vorstellung der Untersuchung. Seit 2009 hätten sich NS-Vergleiche, Gewaltfantasien und drastische, Juden dämonisierende und das Menschsein absprechende Zuschreibungen verdoppelt.

Antisemitische Stereotype und judenfeindliche Verschwörungsfantasien

Juden würden häufiger in den sozialen Netzwerken, in den Kommentarbereichen der Online-Qualitätsmedien oder in E-Mails als "Krebs", "Unrat" oder "Pest" bezeichnet, die das "größte Elend der Menschheit sind". Zu finden seien antisemitische Stereotype und judenfeindliche Verschwörungsfantasien praktisch auf allen Portalen wie Facebook, Twitter, YouTube, Online-Buchläden, Kommentarbereichen der Online-Nachrichtenseiten einschließlich Fanforen oder Verbraucher-, Ratgeber- und Spaßportalen.

So stehe seit 2011 ungelöscht auf dem Portal gutefrage.net die Frage "Wieso sind Juden immer so böse". Selbst über Twitter, Instagram oder Facebook verbreitete Aufrufe, gegen Judenhass zu demonstrieren, würden "innerhalb weniger Stunden infiltriert durch Text mit zahlreichen Antisemitismen und Abwehrreaktionen", sagte Schwarz-Friesel. Ein Beispiel ist der Fall des Berliner Gastronomen Yorai Feinberg, der nach Veröffentlichung einer antisemitischen Anfeindung in Netz mit Hasskommentaren- und E-Mails überzogen wird.

Für die Langzeitstudie "Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses" wertete ein Team von Wissenschaftlern um die Linguistin und Antisemitismusforscherin Schwarz-Friesel zwischen 2014 und 2018 mit einem eigens entwickelten Computerprogramm über 300.000 Texte aus dem Netz aus, darunter über 265.400 Kommentare in den sozialen Netzwerken und 20.000 E-Mails an die Israelische Botschaft und den Zentralrat der Juden.

Über die Hälfte der judenfeindlichen Äußerungen (54 Prozent) sind dabei Stereotype des klassischen Antisemitismus, ein Drittel betrifft den Hass auf Israel (33,35 Prozent) und in über zwölf Prozent der Fälle wird der Holocaust relativiert oder angezweifelt. "Antisemitismus ist integraler Bestandteil der Netzkultur und ein gesamtgesellschaftliche Phänomen", sagte Schwarz-Friesel. Die Absender der Kommentare seien gleichermaßen Rechte und Linke oder kämen aus der Mitte der Gesellschaft, seien ganz "normale User", die dem alten Phantasma des "Ewigen Juden" anhängen, so die Forscherin. Selbst der muslimische Antisemitismus sei stärker von klassischen Stereotypen des Judenhasses geprägt als von israelbezogenen Feindbildkonzepten.

Zentralratspräsident Josef Schuster sagte am Mittwoch, die Studie belege empirisch "was wir schon lange empfinden": Der Antisemitismus in den sozialen Medien werde aggressiver und enthemmter. Das erfülle die Juden in Deutschland mit tiefer Sorge: "Denn Worten folgen irgendwann auch Taten." Das Internationale Auschwitz Komitee sprach von "verheerenden" Ergebnissen der Studie. Als Ursache für die steigende Akzeptanz von Antisemitismus sieht auch Forscherin Schwarz-Friesel zu wenig "Härte und Entschlossenheit" von Politik, Justiz und Zivilgesellschaft, dagegen vorzugehen.

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