"Luther" als Pop-Oratorium mit 3.000 Singenden

Pop-Oratorium Luther

Foto: Stiftung Creative Kirche

Kick-Off-Probe zum Luther Pop-Oratorium: 3.000 Sängerinnen und Sänger probten bereits in der Dortmunder Westfalenhalle 1.

"Luther" als Pop-Oratorium mit 3.000 Singenden
In Dortmund ist am 31. Oktober 2015 der Kick-off für die Tournee, die 2017 durch Deutschland tourt
Das Pop-Oratorium "Luther" erzählt vom Ringen des Reformators um die biblische Wahrheit und von seinem Kampf gegen Obrigkeit und Kirche. Komponist Dieter Falk erzählt im Interview, um was es geht, was die Herausforderungen und Höhepunkte sind, wer alles noch mitsingen kann und welche Rolle Kirchenmusik spielt.

Das Pop-Oratorium "Luther" wird am Reformationstag 2015 uraufgeführt. Worum geht es?

Dieter Falk: Michael Kunze und ich erzählen die Geschichte von Martin Luther, der 1521 vor dem Reichstag von Worms aufgefordert wurde, seine kirchenkritischen Aussagen zu widerrufen. Im Mittelpunkt stehen Luthers Ringen um die biblische Wahrheit und sein Kampf gegen Obrigkeit und Kirche. Es ist eine Geschichte über Reformation und Politik wie auch über Martin Luthers Gedankenwelt. Wenn ich die Geschichte mit einer Überschrift versehen müsste, würde ich den Titel eines der zentralen Lieder aus dem Stück nehmen: "Selber denken". Der Einzelne unterstellte sich nicht mehr einer fragwürdig gewordenen Tradition und Autorität, sondern lehnte sich auf und formulierte seine Vorstellungen selbst.  Hätte Johannes Gutenberg zuvor nicht den Buchdruck erfunden, hätte Luther wohl nicht die Bedeutung erlangt, die er heute hat. Er ist einer, der die Medien und die Welt verändert hat. Nur durch den Buchdruck sind seine Gedanken multipliziert worden. Deswegen heißt ein Lied auch "Multiplikation". Die Möglichkeit, dass seine Schriften tausendfach verbreitet werden konnten, ließen ihn zum Volkshelden werden, der er gar nicht sein wollte.

Was macht das Projekt aus?

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Dieter Falk

Dieter Falk ist ein deutscher Musikproduzent, Keyboarder, Arrangeur und Komponist.

Falk: Am Reformationstag 2015 bringen wir auf der Bühne der Westfalenhalle 1 in Dortmund 3000 Menschen in einem Riesen-Chor zusammen. Sie mussten wir für die Person Martin Luther gewinnen, der aber auch seine Ecken und Kanten hatte, vor allem in späteren Lebensjahren mit seinen antisemitischen Äußerungen. Uns wurde von den Menschen für die Teilnahme am Pop-Oratorium regelrecht die Bude eingerannt. Neben vielen Einzelsängern und evangelischen Chören, wie auch Schul- und Jugendchören oder Männergesangsvereinen ist ein Viertel der Sängerinnen und Sänger katholisch. Das zwölfköpfige Ensemble-Stück wird von diesem starken Chor, Band und Sinfonie-Orchester unterstützt und ist damit ein großes Konzert mit Tanz und Bühnengeschehen. In Dortmund also ist am 31. Oktober 2015 der Kick-off für die Tournee, die im Jubiläumsjahr 2017 ab Januar in neun großen Hallen von München über Hannover bis Hamburg durch Deutschland touren wird. Die Sängerinnen und Sänger kommen jeweils aus der entsprechenden Region. Das große Finale findet am 29. Oktober 2017, am Samstag vor dem Reformationstag im Jubiläumsjahr, in Berlin statt.

Wer kann alles mitmachen?

Falk: Jeder kann mitmachen! Wir haben 800 Einzelsängerinnen und Sänger, die nicht in Chören singen. Viele haben zuvor noch nie eine Note gelesen. Deswegen gibt es Hörvorlagen für alle Stimmen, damit nach Gehör geübt werden kann. Viele hören die Lieder im Auto hoch und runter. Luthers Anliegen, nämlich seine Botschaft und auch Musik unters Volk zu bringen, passt super mit unserem großen Chor zusammen. Er wollte, dass wieder Musik in die Kirchen kommt und zwar in deutscher Sprache. Der Reformator war einer der ersten, der Pop in die Kirche gebracht hat: Denn Volkslieder sind populäre Lieder und populäre Lieder sind Pop-Songs. Wenn er zu seiner Zeit Volkslieder als Material, etwa für "Ein feste Burg" oder "Vom Himmel hoch", genutzt hat, ist das nichts anderes, als was wir auch heute tun. Wir machen Pop-Musik von Rock, Jazz, Klassik bis Gospel. Wer bei uns mitmachen will, kann sich dafür anmelden. Das geschieht in Zusammenarbeit mit der jeweiligen evangelischen Landeskirche.

Spielt  Kirchenmusik eine Rolle?

Falk: Ja klar. Natürlich habe ich von Martin Luther Originalzitate musikalisch verwandt. Aber wir haben auch Choräle von ihm übernommen. "Ein feste Burg" ist dabei. Nur heißt der Titel bei uns anders: "Luthers Hammerschläge". Auch wird es Originaltexte von ihm geben und eine musikalische Adaption seiner der Überlieferung nach von ihm geschriebenen Melodien.

Wie viel Zeit sollte ein Chor für das Üben einplanen?

Falk: Die Chorteile sind eingängig und nicht so schwer. Ein Chor schafft das parallel in einem halben Jahr Probezeit, neben seinem normalen Programm von Konzerten, Aufführungen und Gottesdiensten.

Was sind die Höhepunkte und die Herausforderungen?

Falk: Im Zentrum stehen das gemeinschaftliche Erlebnis während des Pop-Oratoriums und natürlich die Frage "Wer ist Martin Luther?" Musikalische Höhepunkte sind für mich "Selber Denken", "Luthers Hammerschläge", "Hier steh ich Amen" und sicher auch das Lied "Wir sind Gottes Kinder". Die eigentliche Herausforderung ist aber vor allem eine technische und organisatorische. Gerade schreibe ich Noten für das Orchester und für die Band. Die Solisten üben gerade. Mein jüngere Sohn, der 18-jährige Paul, spielt den Kaiser Karl, der zu seiner Zeit auch jung war. Der übt auch.

Wozu will das Pop-Oratorium ermutigen?

Falk: Luthers "Selber denken" brachte umfangreiche Veränderungen in der Gesellschaft, in Ehe und Familie, in Bildung, Wissenschaft, Kunst und Musik. Zu sagen, ich bin meinem Gewissen verantwortlich und nicht dem des Fürsten oder des Papstes oder des Kaisers, das ist mutig, davor habe ich Respekt. Eine Botschaft ist sicherlich  auch politisch zu sehen: Wenn sich Protestanten und Katholiken zusammen auf die Bühne stellen und singen "Wir sind Gottes Kinder, keiner ist allein", dann bezieht sich das auch auf die  aktuelle Flüchtlingsdebatte. Das aber wussten wir noch nicht, als wir das Stück geschrieben haben.