Oma Marie, wir brauchen dich!

Kommentar

Illustration: evangelisch.de/Simone Sass

Oma Marie, wir brauchen dich!
Weil ein evangelischer Pfarrer im Fernsehen Homosexualität als Sünde bezeichnet, tritt Oma Marie aus ihrer Kirchengemeinde aus. Das ist schade, denn wir brauchen Menschen wie sie - und es wäre gar nicht nötig gewesen.

Oma Marie tritt aus der Kirche aus, weil der evangelische Pastor Cochlovius aus Hohnhorst im NDR Homosexualität als Sünde bezeichnet hat und sich für "Heilungs"-Versuche an Homosexuellen ausspricht. Einen "Aufschrei" ihrer eigenen Kirchengemeinde in Bad Nenndorf und der EKD vermisst die 84-Jährige, eine klare Zurückweisung der Aussagen, die sich auch gegen ihre schwulen Enkel richten. Das sorgt für einen Sturm im Netz, fast 20.000 Facebook-Likes und hunderte Kommentare, die meisten davon begeistert von dem Schritt.

Es ist gut, dass sich Oma Marie klar und eindeutig hinter ihre schwulen Enkel stellt. Das erwarte ich von jedem, der den christlichen Glauben und das Vorbild Jesu ernst nimmt. Dem Vorurteil, alte Menschen seien besonders schwer davon zu überzeugen, dass Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben dürfen, hat sie damit auch gleich den Boden unter den Füßen weggezogen.

Dass sie dafür aus der evangelischen Kirche austritt, ist schade. Denn einzelne Gemeinden unterscheiden sich auch in der gleichen Landeskirche zum Teil erheblich. (Ich erinnere da an den Streit um Pastor Olaf Latzel in Bremen.) Hohnhorst ist die Nachbargemeinde von Oma Maries Gemeinde St. Godehardi in Bad Nenndorf, so dass ihr Austritt auch nicht den Gemeindepfarrer trifft, dessen unchristliche Position sie zum Austritt drängte.

Unsere evangelische Kirche braucht Menschen wie Oma Marie

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) trifft sie damit natürlich schon. Aber die ist nicht homosexuellenfeindlich. Bestes Beispiel dafür: Als die EKD in ihrem Familienpapier 2013 die Gleichwertigkeit von homosexuellen Lebenspartnerschaften mit traditionellen Familienbildern feststellte, erhob sich ein Aufschrei aus der anderen Richtung. In den Landeskirchen, die wiederum selbst ihre eigenen Regeln aufstellen, können homosexuelle Paare fast überall gesegnet werden. Auf evangelisch.de stehen wir schon lange dafür ein, dass es dem Evangelium nicht entspricht, Menschen wegen ihrer Sexualität aus der Kirche auszuschließen.

In unserer Kirche hat jeder die Möglichkeit, die Position dieser Kirche mitzugestalten, ganz besonders in den Gemeinden vor Ort. Dazu muss man aber Mitglied der Gemeinde sein, man muss hingehen und sich äußern. Ein Austritt hat eine andere Aussage, denn mit dem Austritt sagt man: Mit dieser Kirche will ich nichts mehr zu tun haben.

Im Fall von Oma Marie hat sich der Kirchenvorstand ihrer eigenen Gemeinde ganz klar gegen die Position von Pastor Cochlovius aus der Nachbargemeinde ausgesprochen: "Homosexualität ist nach unserem Verständnis keine Sünde. Sie ist ein Teil der Vielfalt der Schöpfung und kann und darf gelebt werden." Das ist natürlich eine Reaktion auf den Kirchenaustritt von Oma Marie. Den hätte es aber gar nicht gebraucht - sie hätte ihren Wunsch nach einer deutlichen Reaktion direkt mit ihrem Kirchenvorstand besprechen können. Jetzt müsste sie eigentlich wieder eintreten. Denn mit ihrem Kirchenvorstand - und mit uns bei evangelisch.de - ist sie ja einer Meinung: Homosexuelle auszuschließen ist evangeliumsfeindlich. Und unsere evangelische Kirche braucht Menschen wie Oma Marie.

Die Redaktion von evangelisch.de hat Oma Marie auch einen Brief geschrieben - lesen Sie den hier auf Facebook!