Organspende bei Tacheles: Nächstenliebe und Spendendruck

Organspende bei Tacheles: Nächstenliebe und Spendendruck
Das Thema Organspende erhitzt in Deutschland immer wieder die Gemüter. Nun will der Bundestag darüber beraten, wie hierzulande mehr Menschen dazu gebracht werden können, nach ihrem Tod ihr Herz, ihre Niere oder ihre Lunge zu spenden. Anlass genug auch in der evangelischen Talkshow "Tacheles" darüber zu diskutieren. Entspannt und ruhig verlief die Debatte zwischen Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, Renate Greinert, Angehörige eines Spenders und Mitglied der Organisation Kritische Aufklärung über Organtransplantation, Dr. Paolo Bavastro, Organspendekritiker, und Landesbischof Friedrich Weber, Evangelisch-lutherische Landeskirche Braunschweig. Die aufgezeichnete Sendung wird am Sonntag, 26. Februar, um 13 Uhr und am Montag um 0.15 Uhr bei Phoenix ausgestrahlt.

"Eigentlich hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, da liegt mein Sohn, der ist schwerverletzt, der wird gut versorgt. Dann kam ein Arzt, der sagte: So, ich sage Ihnen jetzt schon mal vorab, der ist tot. Da kommt gleich noch ein anderer Arzt, der bittet Sie, um eine Organspende." So berichtet Renate Greinert, von ihren Erlebnissen im Krankenhaus nach einem Fahrrad-Unfall ihres 15-jährigen Sohnes, bei dem dieser tödlich verletzt wurde. Einer der wenigen emotionalen Momente in der "Tacheles"-Talkshow rund um das sonst in Deutschland sehr heiß diskutierte Thema Organspende.

Der Teenager lag auf der Intensivstation. "Er versuchte schon an der Unfallstelle zu sterben." Als dann die Frage nach der Organspende kam, überließ Renate Greinert in der damaligen Situation ihrem Mann die schwere Entscheidung – sie fühlte sich dazu nicht in der Lage: "Wie können sie begreifen, dass ihr Sohn tot ist, wenn er warm ist, wenn er schwitzt?"

Heute würde sie gegen die Entnahme von Organen stimmen. Dabei betont sie, dass ihre Ablehnung nicht dadurch bestimmt wird, dass damals die Betreuung und der Umgang mit ihr und ihrem Mann nicht gut gewesen seien. "Meine Kritik rührt daher, wie man mit Menschen umgeht, die im Sterben sind."

Bischof Weber: "Ein Akt der Nächstenliebe" - aber freiwillig

Vieles ist im Fall der Familie Greinert nicht so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Das sehen auch Frank Ulrich Montgomery und Landesbischof Friedrich Weber so. Dennoch ist für beide entscheidend, dass Organspende Leben retten kann. Für Weber ist sie ein Akt der Nächstenliebe. Zumal die Organe "nicht mein Eigentum" sind, sondern "Geschenke, die mir zur Verfügung gestellt werden, im Glauben gesprochen von Gott, damit ich lebe. Und wenn ich mit diesen Organen einem anderen Menschen helfen kann, weiter zu leben, ist das lobenswert."

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Dennoch muss für Weber die Organspende in Deutschland in jedem Fall freiwillig bleiben. "Es muss unter dem Gesichtspunkt geschehen, dass jemand sagt, ich möchte über den Tod hinaus helfen. Das ist aber keine Pflicht." Und Montgomery betonte, dass die Entscheidung gegen eine Spende in jedem Fall zu respektieren ist. Wichtig ist für ihn allerdings auch die Aufklärung über die Organentnahme, diese stecke in Deutschland noch in den Kinderschuhen.

Auch für den Organspendekritiker Paolo Bavastro bekommen die potentiellen Spender schon zurzeit zu wenig Informationen. Künftig sollen sie, so der Kardiologe, wie vor dem Röntgen oder einer Operation, genau über die Entnahme aufgeklärt werden. Den Plan, jeden Bürger in Zukunft mindestens einmal im Leben zu fragen, ob er sein Herz, seine Lunge, seine Leber oder ein anderes Organ im Todesfalle spenden würde, empfindet der Mediziner als "einen starken Druck".

Möglich soll dies werden, indem diese Frage bei der Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte oder des Führerscheins beantwortet werden könnte. Für Bavarosto besteht die Gefahr, dass durch eine mehrmalige Befragung, "der Bürger skeptisch wird und denkt, da stimmt was nicht." Der Präsident der Bundesärztekammer Mongomery hingegen sieht darin den richtigen Schritt in der Organspendedebatte.

Sterbegleitung ist schwierig

Auch wenn der Präsident der Bundesärztekammer und der Kardiologe bei "Tacheles" gegensätzliche Positionen vertreten, muss Montgomery seinem Mediziner-Kollegen Bavastro zustimmen, als dieser erklärt, dass eine Sterbebegleitung, wie sich viele diese vorstellen, nicht mehr möglich ist, sobald eine Entnahme der Organe beschlossen ist. Denn die Ärzte müssen weiter eine maximale Behandlung des für hirntot erklärten Körpers vornehmen, damit Herz, Niere, Lunge und Leber keinen Schaden nehmen, bis sie dem Empfänger eingesetzt werden können.

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Abschiednehmen kann da schwer sein. Denn auch wenn keine Hirnaktivität mehr vorhanden ist, kann der Körper darunter intakt sein und rosig aussehen. Aber "ein Rückweg ins Leben ist nicht mehr möglich, das wissen wir heute", sagt Montgomery.

Die "Tacheles"-Debatte zum Thema "Schwere Entscheidung Organspende: Unversehrt sterben oder das Herz verschenken?" ist in der Marktkirche in Hannover aufgezeichnet worden und am Sonntag, 26. Februar, um 13 Uhr und am Montag um 0.15 Uhr bei Phoenix zu sehen. Weitere Informationen zu der aktuellen Diskussion und über die evangelische Talkshow finden Sie auf der Webseite der Sendung. Die Talkshow "Tacheles" wird getragen von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der hannoverschen Landeskirche und der Klosterkammer Hannover. Die nächste "Tacheles"-Sendung wird im April aufgezeichnet und hat das Thema: "Wie groß ist eigentlich noch die Teilung zwischen Ost und West?"


Rosa Legatis arbeitet als freie Journalistin in Hannover.