Die Bibelverse werden ausgelost und ausgewählt - lang vor dem Zeitpunkt, für den sie gelten sollen. Der Monat März 2026 hat als Vers: „Da weinte Jesus.“ (Johannes 11,35).
Dieser Satz stammt aus der Lazarus-Geschichte. Lazarus, ein Freund Jesu, ist gestorben. Und Jesus wird ihn auferwecken.
Dazwischen gibt es viele Tränen, Gespräche, Was-wäre-gewesen-Fragen.
Und eben diesen Satz: „Da weinte Jesus.“
Er steht eigenartig quer zum Sound des Johannesevangeliums. Gerade eben hat Jesus noch von sich selbst als „Auferstehung und Leben“ gesprochen. Seine Freundinnen haben ihn „Sohn G*ttes“ genannt. Gleich wird er zum Grab gehen, er wird rufen „Lazarus, komm heraus!“ und alles wird gut sein.
Aber erst einmal weint Jesus. Als gebe es das alles nicht: weder die Lebenskraft in ihm, noch das Zutrauen der anderen. Als gebe es keinerlei Gewissheit auf ein gutes Ende.
Das Weinen kennt nur den Moment. Jedes Weinen. Das aus Verzweiflung, das aus Trauer, aus Freude, aus Erschöpfung, Wut.
Wenn wir weinen, baut unser Körper das Stresshormon Cortisol ab. Der Parasympathikus wird aktiviert und signalisiert uns, dass wir uns entspannen können. Weinen wir lange, dann beginnt unser Körper, Oxytocin und Endorphine auszuschütten - beide lindern Schmerzen und helfen dabei, wieder in Beziehung zu anderen zu treten.
„Da weinte Jesus.“ Der G*ttessohn. Der Menschensohn.
Hätte ich für diesen Monat einen Wunsch frei, dann wäre der: dass wir alle, die ganze Menschheit, weinen.
Weinen über all das, was wir einander antun. Und über das, was uns angetan wurde.
Wir würden alle weinen über den Schmerz, den wir fühlen, und über den Schmerz, den wir in die Welt gebracht haben.
Wir würden für den Moment nichts deuten. Nichts wissen. Wir wären keine Expert*innen für die Weltkonflikte. Wir erklärten nicht anderen ihre Gefühle. Wir ließen die Bäume blühen, die Vögel fliegen und die Wäsche unordentlich und nicht zusammengelegt im Korb. Unsere Fragen blieben ohne Antwort. Der Newsticker stünde still.
Einen Monat lang würden wir weinen - alle Arten von Tränen.
Und vielleicht hörten wir dann am Ende die Stimme: „Frieden, komm heraus. Komm heraus, Gerechtigkeit.“


