Gehorsam? Wie bitte?

Gehorsam? Wie bitte?
Gehorsam funktioniert nicht mehr als Forderung. Aber das Wort kommt vom Horchen.

Christliche sprechen immer noch vom Gehorsam, die extra Frommen öfter als andere. Das ist zwar inzwischen ein Unwort, aber in der Bibel reden sie auch so, daran kommt man nicht so leicht vorbei, wenn man christlich zu sein versucht. Ich forsche immer nach dem goldenen Kern einer verkorksten Sache - gerade,  wenn sie sehr stark gewirkt hat. Soll das Wort also in die Tonne, oder ist da irgendwas zu holen?

 

Man muss wissen, dass das Christentum vor 1600 Jahren das römische Reich geheiratet hat. Erst dadurch wurde es schick, reich und weltweit. Vorher feierten sie im Wohnzimmer Abendmahl oder im Keller. (Möglich, dass wir da in einigen Generationen wieder mehr leben. Und das muss nichts Schlechtes sein.)

Das römische Reich war ein Soldatenstaat. Viel von deren Hierarchie dort hat die Kirche übernommen. Mit Demokratie war da nix. Die römisch-katholische Kirche ist weltweit auch deswegen stark geworden, weil sie so hierarchisch aufgebaut ist. Eine der letzten Diktaturen in der Welt - immerhin im Kern mit guten Absichten. Und mit militärisch organisierten Rangfolgen. Die bilden jetzt das starre Korsett, an dem die katholische Kirche Europas zu ersticken droht.


'Gehorsam' war also immer auch angelehnt an diese Welt des Militärisch-Politischen.

Und Gehorsam gegen Gott wurde verstanden wie der gegen den General. 

Der ganze Missbrauch in Kirche, Militär, Familie und Krieg hat dies Wort  fast unbrauchbar gemacht.

 

Die evangelische Kirche hatte seit 1500 auch eine lange Affäre mit den Fürsten, ab dem 18. Jhdt dann mit (Groß)Bürgern.

Gehorsam hatte hier - je nach Region -  einen anderen oder keinen Klang. Denn Bürger sind freier und reden anders mit.

Und heute kann ein Jedes überall mitreden, so durcheinander und so laut, dass sich manche schon wieder nach 'einem Führer' sehnen, dem man ohne eigene Initiative folgen kann.
Soweit also der Gehorsam von außen nach innen.

Wenn Gehorsam noch irgendeinen Sinn machen soll, dann zunächst eher als innere Haltung, die außen Folgen hat.

Es steckt 'Horchen' und 'Hören' drin.
'Ich habe gehorcht' las ich auf einem Grabstein, und das war nicht militärisch gemeint:
Was wäre, wenn jemand merkt, die Dürre in meinem Land nimmt zu!  - und dann andere Anbaumethoden  etabliert, die Regierenden bedrängt und Kinder unterrichtet in einem neuen Lebensstil. Oder jemand pflanzt 500.000 Bäume. Oder vertreibt friedlich koloniale Engländer aus Indien. Wenn dieser Mensch 'gehorcht' hätte auf etwas Lebenswichtiges. Das hätte ihm 'diktiert'  ohne Widerrede zu handeln. Er kann nicht anders als sich an eine große Sache zu vergeben.  Das macht man ja nicht aus einer Laune heraus.  Es ist eine Art 'Auftrag' -  weniger geht dann nicht mehr.


Sehe ich so jemandem zu, merke ich, wie es aussehen kann, wenn jemand bedingungslos 'horcht', ja 'gehorcht' -  und zwar einer Mission. Die hat er oder sie selbst gewählt, aber irgendwie auch nicht. Es hat ihn ergriffen, er hat keine Wahl und ist doch im Handeln ganz frei zugleich. Jemand 'gehorcht' einer höheren Logik, die ihn erfasst hat. Und steckt andere an damit (so jemand war wohl dieser Jesus.)

'Gott gehorchen' - nach alter Art militärisch verstanden - geht gar nicht. Aber wenn man es sich so andersherum übersetzt: 'Die Mission Bäume zu pflanzen ist der Gottesauftrag in meinem Leben' - das klingt schon sinniger. 

Diese Art Gehorsam würde mir einleuchten. Weil sie ihre Gründe offenlegt und die eigene Passion dabei. Ich muss nachvollziehen können, warum jemand so konsequent eine Spur verfolgt.

Es gibt auch den alten Gehorsam 'von außen nach innen', zb im Kloster, aber da hat sich jemand freiwillig entschlossen, diesen strengen Regeln zu folgen, die ihn weiterbringen sollen.

Meine Liga ist das nicht, dies Weltbewegende.
Aber wenn ich mich frage, wo ich sowas wie eine Mission habe, der ich 'gehorche'. Was wäre das?
 

weitere Blogs

Immer wieder kursieren Nachrufe über noch lebende Personen – Schuld ist oft die KI.
Fragezeichen und Ausrufezeichen
Sonja Thomaier ist neues Mitglied im Team von "kreuz und queer" und stellt sich im ersten Blogbeitrag als nicht-binäre Bielefelder:in vor.
Zwei Wochen sind wir mit Auto und Zelt durch Frankreich getourt und haben dabei Berge, Sturm, Sonne, Kakteen und viel Baguette gesehen. Lässt es sich auch minimalistisch so leben, wie "Gott in Frankreich"?