Wie geht Reformation heute?

Porträt Gisèle Pelicot
Jennifer Brückner/dpa
Gisèle Pelicot auf der 78. Frankfurter Buchmesse.
Recht auf Liebe
Wie geht Reformation heute?
evangelisch.de-Blogger Christian Höller wünscht sich anlässlich des Reformationstages, dass sich die Kirche wieder mehr auf ihre Kernbotschaft besinnt.

Nach vielen Jahren Abwesenheit zog es mich vor Kurzem wieder auf die Frankfurter Buchmesse. Es gab ein dichtes Programm von Lesungen und Diskussionen. Debattiert wurde über Künstliche Intelligenz, Rechtsruck, Trump, Kriege und Reformstau in der Politik. Angesichts der vielen Krisen machte sich bei den Zuhörer:innen Resignation und Ohnmacht breit.

Doch es gab einen Lichtblick: So hat mich auf der Buchmesse der Auftritt der 73-jährigen Gisèle Pelicot nachhaltig berührt. Es ist unfassbar, was Pelicot durchgemacht hat. Ihr Ehemann hat sie mit Medikamenten betäubt, missbraucht und vielen Männern zur Vergewaltigung angeboten. Während des Gerichtsprozesses haben viele Täter ihre Schuld und juristische Verantwortung abgestritten. Ich kann verstehen, wenn Pelicot wütend und frustriert wäre.

Doch Pelicot hat auf der Frankfurter Buchmesse von der Liebe gesprochen: „Liebe ist das Schönste und Wichtigste im Leben.“ Bei allem, was ihr angetan worden sei, sagte Pelicot, habe sie sich bewusst dazu entschieden, wieder an die Liebe zu glauben: „Man muss sich wirklich auch selbst das Recht verordnen, dass man lieben darf.“ Pelicot strahlte in Frankfurt viel Zuversicht und Optimismus aus. Ihre Worte sorgten für lang anhaltenden Applaus.

Es geht um Liebe und Verbundenheit

Pelicot hat es auf den Punkt gebracht, was auch aus meiner Sicht das Wesentliche im Leben ist: Liebe und Verbundenheit. Wir haben verschiedene Formen, unsere Liebe auszudrücken: Empathie, liebevolle Taten, Solidarität, Nächstenliebe, Fürsorge, sozialer Zusammenhalt und ein liebevoller Umgang mit uns selbst.

Doch leider ist in der Gesellschaft angesichts der vielen Krisen wenig davon zu spüren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass auch in der Kirche die Liebe nicht im Mittelpunkt steht. Interne Debatten drehen sich oft um Strukturen, Ressourcen bündeln, Finanzen, Machterhalt, Reformstaus und sinkende Mitgliederzahlen. Hier sollte nicht vergessen werden, dass die Liebe die Kernbotschaft des Christentums ist. In der Bibel steht: „Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.“ (1. Johannes 4,8) In der Bibel ist auch von der Feindesliebe die Rede: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ (Matthäus 5,44–45).

Luther: Glaube und Liebe gehören zusammen

Ging es nicht auch in der Reformation um die Liebe? Martin Luther verurteilte den Missbrauch der kirchlichen Macht und den damaligen Ablasshandel. Denn göttliche Liebe lässt sich nicht durch Geld erkaufen. Für Martin Luther gehören Glaube und Liebe untrennbar zusammen: „Der Glaube bringt den Menschen zu Gott, die Liebe bringt ihn zu den Menschen.“

Ich habe in meinem Leben die Liebe nicht in der Kirche, sondern in der Psychotherapie erfahren. Als ich aufgewachsen bin, war gleichgeschlechtliche Liebe in den Kirchen geächtet. In meiner Jugend hörte ich sowohl von evangelischen als auch von katholischen Pfarrern, dass Homosexualität Sünde und nicht in Ordnung sei. Das hat mich in eine tiefe Depression gestürzt. Ich habe mich und Gott gehasst. Ich habe nicht verstanden, warum Gott mich schwul gemacht haben und dann ablehnen soll.

Die Kirche hat mich früher abgelehnt

Als ich ein junger Erwachsener war, veröffentlichte die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) 1996 das Papier „Mit Spannung leben“. Darin stand, dass gleich­geschlechtliche Lebensgemeinschaften dem Willen Gottes widersprächen und dass nur Heterosexuelle es verdienten, eine Ehe zu schließen.

Auch wurde erklärt, dass „homosexuelle Prägung“ durch Therapie und Seelsorge korrigierbar sei. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass eine solche Behauptung schlicht und einfach falsch ist. Das EKD-Papier hat gleichgeschlechtlich liebende Menschen in Verzweiflung gestürzt. Von schwulen Pfarrern verlangte die Kirche damals, dass sie sich von ihren Partnern trennen, was himmelschreiendes Unrecht ist. Ich habe nicht verstanden, warum es falsch sein soll, einen anderen Menschen zu lieben. Erst im Vorjahr hat sich die EDK offiziell von ihrem theologisch und wissenschaftlich unhaltbaren Papier distanziert.

Nicht die Kirche, sondern die Psychotherapie half

Wegen der Depressionen ging ich schon in jungen Jahren in Psychotherapie. Dort habe ich gelernt, mich anzunehmen und zu lieben. Es war ein längerer Prozess. Hätten die Kirchen mich und andere queere Menschen schon früher so angenommen wie ich bin, wäre mir Leid erspart geblieben. Heute habe ich den Kirchen vergeben. Ich sehe, wie viel sie in der Vergangenheit falsch gemacht haben. Mittlerweile haben viele evangelische Landeskirchen und Gemeinden ihre Haltung zu queeren Menschen geändert. Mehrere Landeskirchen haben sich offiziell bei queeren Menschen für das zugefügte Leid und die Diskriminierung entschuldigt. Das war wichtig, wobei ich denke, dass die Reformen sehr spät gekommen sind. Leider gibt es in Deutschland noch immer vier Landeskirchen, in denen keine Trauung für gleichgeschlechtlich liebende Menschen möglich ist. Eine solche Diskriminierung widerspricht der christlichen Kernbotschaft von der Nächstenliebe. 

Ich bin davon überzeugt, dass ein wertschätzendes und von Liebe geprägtes Miteinander gelernt werden kann. Dafür reicht eine Sonntagspredigt nicht aus, sondern die Liebe muss erfahren und gespürt werden - möglichst oft und immer wieder. Die Fähigkeit zu lieben ist nicht nur eine gesellschaftliche und kirchliche Herausforderung, sondern auch eine zutiefst persönliche Entwicklungsaufgabe. Ob queer oder hetero, ob christlich oder nicht-christlich, am Ende zählt nicht, wen wir lieben, sondern dass wir lieben.  
 

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