Es ist ein großer Festgottesdienst in einem Haus für Senioren. Zwischen den Gebeten und Predigten sitze ich in meinem Talar neben Maria. Nennen wir sie so. Maria spricht nicht mehr viel. Sie ist in ihrer eigenen etwas vergessenen Welt. Früher war sie vielleicht mal Architektin oder Bäckerin, wer weiß. Sie sitzt still und schaut in den weiten Raum. Immer mal wieder sucht sie eine Hand. Immer wieder nehmen andere ihre Hand. Ob sie das für sich tun oder für Maria, weiß man nicht genau. Mitten im Gottesdienst kommt eine der Mitarbeiterinnen, legt kurz das Gesicht an das von Maria, streichelt sie, nimmt ihre Hand und setzt sich wieder. So ist es mit Maria. Weil es ein Festgottesdienst ist, singt ein Chor, spielt jemand Klavier und musiziert ein kleiner Instrumentalkreis. Wir singen und hören moderne und klassische Stücke. Auch Unbekanntes. Maria sitzt währenddessen sehr aufrecht und immer dann, wenn die Musik erklingt, dann summt sie mit. Sie summt erstaunlich richtig, egal, ob Instrumentalstück oder Chorgesang. Es ist geradezu als würde ihr Gehirn die kommenden Töne ahnen oder ihr Gehör sie vernehmen, lange vor uns. Und so sitzt sie mitten unter uns, ihre Stimme, die sonst kaum noch spricht, singt leise, aber bestimmt, ein trotziges Lied des Lebens, ihres Lebens, das andere schon abgeschrieben haben. Sie, die nichts weiß von Wahlergebnissen und Ängsten der Menschen, macht es dennoch vor, wie widerständig und stark das Leben sein kann. Wie unzerstörbar die eigene Würde, selbst, wenn andere sie nicht sehen. Sie sitzt wie eine Würdige, Heilige, Auserwählte. Das ist sie bei Gott und sie strahlt es aus. Sie tastet und ich drücke ihre Hand, dann spreche ich den Segen, auch mit Marias Kraft.
Einmal, viel früher, stand da auch so eine Maria auf, auch eine Auserwählte. Sie gehörte zu den Schwachen, zu denen „ohne was“. Ohne Macht, ohne Stimme, ohne Gewalt. Allein die liebende, solidarische und parteiliche Macht Gottes hob sie auf, erhob sie zum Leben.
Darauf sang sie, mit so einer stillen, die Töne ahnenden Mariastimme:
Meine Seele in mir jubelt, die heil ist und die niemand verbiegen kann. Sie singt über Gottes Macht, die mich aufrichtet, wie niedrig ich auch bin. Die mich seine Tochter nennt, wie unbedeutend ich sein mag. Gott tut Großes an mir, Gottes Name allein ist heilig. In Generation um Generation legt er neue Güte und bindet er Liebesstrom an Liebesstrom, Mutwallen an Mutwallen. Hoffnungstrieb an Hoffnungstrieb. Er erhebt die, die Mut aus dem Kleinsten und die Zuversicht aus dem Wenigsten finden. Er entlarvt die machttrunkenen Herzen und die menschenvergessenen Gewalten. Denen, die hungern nach Gerechtigkeit, füllt er mit seiner Verheißung das sehnsüchtige Herz. Denen aber, denen das Mitgefühl taub geworden und denen die Gemeinschaft überflüssig erscheint, bleibt das Herz leer. Er vergisst keine Generation und ist das treue Pochen der Gerechtigkeit und Gnade in ihrem Leben.
Maria summt dieses Lied, als würde sie die Worte voraus ahnen, die es braucht, für alle Marias und Mariaähnlichen nach ihr.
#challenge: Rücke Deinen Rücken gerade, wenn Dich heute etwas bedrückt, Du Heilige*r.




