Von Katharina Payk und Anson Samuel
Laut und fulminant begleiten Trommler:innen alle Gäste in die Kirche. Ein ungewöhnliches Szenario am frühen Freitagabend, dem 25. September, in Wien lässt viele zufällig Vorbeikommende stehen bleiben und staunen. Manche entscheiden sich spontan, durch den bunten Vorhang zu treten und einfach mitzumachen. Andere sind genau deshalb ins Kirchenschiff Wien gekommen. Sie tauchen mit rund 150 anderen Menschen ein in eine queere Schöpfungsfeier.
Eine Woche später, am 2. Oktober, kommen rund 110 Menschen im Grünen Anker in Linz zusammen. Dort eröffnet Batala Austria den Abend mit einer kraftvollen Trommelperformance vor der Kirche. Anschließend ziehen die Trommler:innen gemeinsam mit den Besucher:innen in den Grünen Anker ein.
"Abrakadabra" lautet der Titel der Schöpfungsfeier; die Liturgie ist ein kunstvoller Reigen der Schöpfung. Das Projekt entstand als Initiative des Teams Jugend und Junge Erwachsene und wurde von einem engagierten ökumenischen Team aus katholischen, evangelischen, methodistischen und altkatholischen Kontexten gemeinsam entwickelt und umgesetzt.
Die Schöpfungsfeier reflektiert Gottes gute Schöpfung neu – mit all ihrer Diversität und Schönheit. Die sieben Schöpfungstage Gottes werden gemeinsam gefeiert und gestaltet. Beeindruckende Trommeleinlagen liefert in Wien die Samba-Perkussion-Gruppe Baturim, in Linz Batala Austria. Sänger:innen, Lichttechniker:innen, Organist:innen, Sprecher:innen, Tänzer:innen, Teilnehmende … alle sind spürbar ein wichtiger Part in der Dramaturgie, die empowernd wirkt und zugleich zur Einkehr und Meditation einlädt. Als besonderer Moment füllt Drag-Ikone Miss Ivanka T. mit ihrer Stimme und ihrer Strahlkraft den einladenden Kirchenraum.
"Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser" – so lautet es im allerersten Kapitel der Bibel. "Die Erde war wüst und lee", aber die ruach, der Geist, war schon da. Schon der Beginn setzt den Ton. Die Trommeln klingen wie ein geordnetes Chaos: kraftvoll, präzise und zugleich überwältigend. Etwas scheint in Bewegung zu geraten. Etwas entsteht.
Die Bibellesung ist anders, als man es aus der Kirche gewohnt ist. Es ist eine Übertragung, die die Vielfalt der Menschen unterstreicht – gelesen im Gehen, in der Bewegung, im gemeinsamen Raum. In Wien erklingt Georg Friedrich Händels "We Praise Thee, O God". Auch die Musiker:innen tragen zur Dramaturgie bei: ein majestätisches, lautes Preisen Gottes lässt die Feier beginnen. In Linz erklingt an dieser Stelle "Hail Holy Queen" aus "Sister Act". So folgt die Feier in allen Städten derselben Dramaturgie und bekommt zugleich durch die jeweiligen Musiker:innen eine eigene Gestalt.
Abrakadabra – ein Wort, das vielen als Zauberformel bekannt ist. Der Titel spielt mit einer verbreiteten Deutung des Wortes als "Ich erschaffe, indem ich spreche". Für die Schöpfungsfeier verbindet sich diese Deutung mit der biblischen Schöpfungserzählung: Gott spricht – und Wirklichkeit entsteht. "Es werde Licht, und es ward Licht."
Auch das Sprechen der queeren Menschen und ihrer Freund:innen in einer Kirche bekommt an diesem Abend eine besondere Bedeutung. Wenn Menschen ihre eigene Wahrheit aussprechen – wer sie sind, was sie erfahren haben, wen sie lieben – kann diese Wahrheit mit Gottes Wort und mit der Wahrheit, die Gott seiner Schöpfung zuspricht, zusammenwirken. Der Mensch erschafft sich dabei nicht selbst. Aber im Aussprechen und Annehmen kann sichtbar werden, was bereits Teil der guten Schöpfung Gottes ist.
Judith Gramm, ehrenamtliche Mitorganisatorin: "Das Neue kann Angst machen. Deswegen brauchen wir Menschen um uns, um einander Raum zu geben und zuzuhören. So stelle ich mir Kirche vor. Gott ruft uns zur Gemeinschaft – und die Schöpfung hat auf ganz strahlende Weise geantwortet."
Eine Einladung zur persönlichen Bewegung im Raum wird von vielen angenommen. Der Tanz symbolisiert das Gewahrwerden: Wir sind aus Wasser gemacht, das Erinnerungen speichert. Gerade queere Menschen haben oft schwere Erinnerungen, traumatische Erfahrungen und dadurch viele Tränen gelassen. Aber Wasser lässt uns auch an die Taufe denken und an die ersten Freudentränen der erlebten Queer Joy, der Freude, die Zusammenhalt und Zu-sich-selbst-Stehen bedeuten kann. Die Bewegung im Raum ermöglicht es, in sich hineinzuspüren: Was könnte ein Safe Space für mich sein? Was braucht der eigene Körper?
Papierbahnen werden vom Altarraum ausgerollt. Pflanzen sind darauf angedeutet, die im gemeinsamen Malen weiterwachsen dürfen. Anschließend lädt eine ruhige Stimme ein, sich vom projizierten Sternenhimmel verzaubern zu lassen. Es folgt eine Fantasiereise, bei der alle eingeladen sind, die leuchtenden Sterne im eigenen Leben zu betrachten: Wer begleitet mich? Wer ist meine Community? Manche Teilnehmende legen sich zum Träumen auf die Kirchenbänke.
Miss Ivanka T. erscheint. Zu Lady Gagas "Bad Romance" schreitet sie singend durch den Kirchenraum. Sie verkörpert in diesem Moment der Feier die Metamorphose – die Freude daran, dass Leben sich entfaltet und in Vielfalt erscheint. Denn unsere Begegnungen und Beziehungen verändern uns. Dadurch können wir eine neue Form von Freiheit leben – die Freiheit, zu leben, wer man als Gottes Ebenbild ist.
Die aus Oberösterreich stammende Dragqueen Miss Ivanka T., die in Interviews immer wieder über ihre Beziehung mit Gott und Kirche erzählt, tritt an diesem Abend ganz in Gold, mit Strahlenkranz und Heiligenschein auf. Sie beschreibt die Reise zu sich selbst: das anzulegen, was Gott in mir sieht, auch wenn viele Menschen einem verwehren wollen, dies zu leben.
"Ich finde, 'Bad Romance' passt, weil es dem entspricht, was viele Menschen denken: dass es eine bad romance zwischen queeren Menschen und Religion gibt. Viele halten das für eine schlechte Verbindung. Aber ich erlebe es anders. Ich fühle mich frei. Queerness und Religion können sich sehr wohl miteinander verbinden. Für mich ist das eine Verwandlung dieser vermeintlichen bad romance – hin zu etwas, das verbindet und zusammenhält", erklärt Miss Ivanka T.
Den Segen geben sich alle Anwesenden gegenseitig mit einem eigens gestalteten Abrakadabra-Stempel und der Zusage: „Du bist gut, wie du bist und wie du gerade wirst.“ Dies kann für queere Menschen, vor allem auch für trans Menschen, eine stärkende Botschaft sein.
Die Gastfreundschaft Gottes und das Freisein in der vielfältigen Schöpfung Gottes werden an diesem Abend weitergefeiert – in Wien mit einem weiteren Drum-Spektakel von Baturim und der Einladung des Organisationsteams zur After-Show-Party in einem Wiener Club.
Auch in Linz kehren die Trommeln am Ende der Feier zurück. Batala Austria führt die Besucher:innen aus dem Kirchenraum hinaus in die anschließende Agape. Später geht der Abend für jene, die weiterfeiern möchten, bei der HOSI Linz weiter, wo Miss Ivanka T. als DJ auflegt.
"Der Zusammenhalt und die Nächstenliebe, die an diesem Abend zu spüren waren, haben mich zum ersten Mal seit langem mit Hoffnung und Mut erfüllt", erzählt Anna, eine Teilnehmerin, im Interview nach der Aufführung in Wien. Sie empfand außerdem, dass die unterschiedlichen Glaubenserfahrungen der Teilnehmenden spürbar waren und "sicher etwas für treue Kirchengänger wie Kirchenfernere" dabei war.
Dem Organisationsteam, bestehend aus Menschen aus römisch-katholischen, evangelischen, methodistischen und altkatholischen Kontexten, ist die Teilhabe möglichst verschiedener Menschen wichtig: "Kirche soll als Ort des Miteinanders und der Begegnung erfahrbar sein. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand jeden Sonntag einen Gottesdienst besucht oder Kirche bisher nur selten erlebt hat", so Hannelore Mayer, hauptamtlich mitwirkend von der Regenbogenpastoral der Erzdiözese Wien.
Clarissa Altmann, Gründerin und Musikalische Leitung des Escola de Samba Baturim, die selbst trommelnd mit dabei war, beschreibt den Abend so: "Eine Veranstaltung, an der man so sein kann, wie man ist, so sein kann, wie man sein möchte. Wo man Dinge überdenken und vielleicht neu ordnen und ihnen einen Platz in der Gegenwart und Zukunft geben kann."
Wo, wann, wer, wie weiter?
„Abrakadabra – eine queere Schöpfungsfeier“ wurde am 12.09. in der evangelischen Christuskirche in Graz, am 25.09. im Kirchenschiff Wien und am 02.10. im Grünen Anker in Linz gefeiert. Das Projekt entstand als Initiative des Teams Jugend und junge Erwachsene und wurde in ökumenischer Zusammenarbeit mit Menschen aus römisch-katholischen, evangelischen, methodistischen und altkatholischen Kontexten sowie mit Beteiligten aus der Diözese Linz, der Erzdiözese und Diözese Wien und der Diözese Graz-Seckau umgesetzt.
Das liturgisch-künstlerische Konzept kann von anderen Gruppen und Gemeinden übernommen werden.
Kontakt: Projektleiter Anson Samuel, Stadtjugendreferent und Geistlicher Assistent im Team Jugend und junge Erwachsene, Katholische Jugend OÖ, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz, anson.samuel[at]dioezese-linz.at
Weiterführende Links: Baturim, Batala Austria, Miss Ivanka T., HOSI Linz




