Wenn ich in München innerhalb von 24 Stunden mit Menschen aus Hawaii, Stockholm, Vancouver, San Diego, Philadelphia, Washington DC und Wien ins Gespräch komme, dann ist mit Sicherheit gerade wieder Oktoberfest-Zeit.
„Die Welt zu Gast bei Freunden“ war das offizielle Motto der Fußball-WM 2006 in Deutschland – das Motto passt aber auch hervorragend zur Münchner Wiesn. Es soll Freundschaften geben, die auf der Wiesn entstanden sind und lange darüber hinaus Bestand haben!
Beim Gay Sunday am ersten Wiesn-Sonntag füllen sich die über 8.000 Plätze des Bräurosl-Zeltes mit Queers and Friends aus aller Welt. Der MLC München hat diese größte queere Event der Stadt in diesem Jahr bereits zum 47. Mal organisiert. „München ist bunt, München ist vielfältig und lebensfroh“, das betonten sowohl die Vorstandsmitglieder als auch die zweite und dritte Bürgermeisterin der Stadt in ihren Grußworten zum Gay Sunday. Gerade in Zeiten, in denen sich manche Queers am Abend auf den Straßen nicht mehr sicher fühlten, sei es wichtig, zusammen zu feiern und sichtbar zu sein. Gemeinsam sei es dann auch leichter, für Freiheit und Vielfalt einzustehen.
In der Bräurosl zeigt sich wieder, wie breit diese Vielfalt der queeren Community ist: Die Dragqueen sitzt neben dem Ledermann, Transmenschen tanzen mit Mr. Deaf Fetish Germany und Männern in bayerischer Tracht. Für mich ist diese Vielfalt selbstverständlich, ich bin froh darüber, dass sich in der Münchner queeren Community die verschiedenen Gruppen immer wieder miteinander mischen.
Meine Aufmerksamkeit geweckt haben in diesem Jahr aber einige Gespräche, in denen es um die kulturelle und nationale Vielfalt auf dem Oktoberfest ging: „Danke, dass ihr uns hier in Deutschland, hier in München willkommen heißt!“, hat mir nicht nur einer der US-amerikanischen Besucher gesagt. Immer klang darin Scham, Entsetzen oder Verärgerung darüber mit, dass andere Kulturen und Nationalitäten in seinem Heimatland, den USA, gerade von vielen nicht willkommen geheißen werden. „Wir haben die Sklaverei nie wirklich überwunden“, sagte einer meiner Gesprächspartner, „viele Weiße meinen immer noch, dass die weiße Kultur die bessere ist und haben Angst vor anderen Kulturen.“
Angst vor dem Fremden, Anderen, Unbekannten – wer die politische Stimmung in Deutschland aufmerksam verfolgt, merkt schnell, dass dies auch in Deutschland für viele Menschen ein Grund ist, extreme, nationalistische Positionen gut zu finden. Immer wieder ist die Angst gerade dort am größten, wo eigentlich nur wenig Fremde zu finden sind. Das Oktoberfest ist ein Ort, an dem aus Fremden Freunde werden. Die konkrete Begegnung baut Ängste und Vorurteile ab, das erleben wir auch im Alltag – wenn zum Beispiel der Bäckermeister, der eigentlich immer klar konservativ wählt, mit einem Mal engagiert für das Bleiberecht seines syrischen Auszubildenden eintritt.
Doch ja, es braucht Mut, um in die Begegnung mit diesem Fremden, Unbekannten zu gehen – auch auf dem Oktoberfest. Und sei es nur der Mut, in der Geräuschkulisse eines großen Bierzeltes auszutesten, wie gut sich die eigenen, lange brachliegenden Englischkenntnisse für eine Kommunikation mit dem Anderen noch nutzen lassen.
Wenn ich selber unsicher oder gar verunsichert bin, dann wage ich mich nur ungern auf unbekanntes Gelände, dann erscheint mir auch Vielfalt bedrohlich, weil ich darin mich selbst zu verlieren scheine. Ich sehe hierin eine der Herausforderungen unserer Zeit: Menschen, die sich verunsichert fühlen, so viel Halt und Standfestigkeit zu geben, dass sie sich auf Andere und anderes, auf Vielfalt und Offenheit einlassen können. Dass sie zu Menschen werden, die den Drachen gleichen, die wir mit dem heutigen Herbstbeginn vermutlich wieder häufiger am Himmel sehen werden: Sie bewegen sich in dem weiten Raum des Himmels, schweben hin und her, werden manchmal auch von einer Windböe erfasst und geschleudert. Aber sie sind gehalten und fest gegründet in der Hand einer Person am Boden.
Die Freiheit eines Christenmenschen besteht genau in dieser Drachen-Existenz: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Gal 5,1) Der Apostel Paulus wird nicht müde zu betonen, dass damit alle nationalen, kulturellen und sonstigen Unterschiede in der christlichen Gemeinde keine Rolle mehr spielen. Diese Freiheit kann ich leben, weil ich weiß, dass ich von Gott getragen und gehalten bin: „Du bist mein geliebtes Kind!“, das ist der Zuspruch Gottes, der mir, der uns in der Taufe zugesprochen ist. Der Prophet Jesaja kennt zwar keine Herbstdrachen, wohl aber Adler, mit denen er Menschen vergleicht, die von Gott gehalten sind: „Die auf Gott hoffen, gewinnen neue Kraft, sie steigen auf mit Flügeln wie Adler.“ (Jes 40,31)
Wenn in der Bräurosl Menschen aus aller Welt zu Reinhard Meys „Über den Wolken“ gemeinsam tanzen, dann fühle ich mich manchmal ein wenig wie der Adler, der in den Lüften kreist und diese große Freiheit der weltweiten Vielfalt genießt.



