Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Kirsten Fehrs, ruft anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz an diesem Dienstag vor 81 Jahren zum Widerstand gegen Judenhass und Menschenverachtung auf. Das "Nie wieder" bleibe für Christinnen und Christen eine tägliche Aufgabe, erklärt die Hamburger Bischöfin. Vor 81 Jahren, am 27. Januar 1945, hatten sowjetische Truppen die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz befreit.
Die Erinnerung an das millionenfache Leid rufe zugleich zur Verantwortung auf. Der 27. Januar sei ein Gedenktag, den man nicht einfach "begeht", fügt Fehrs hinzu: "Jedes Jahr aufs Neue drohen diese unvorstellbaren Zahlen mich sprachlos zu machen, ringe ich um Worte für dieses unfassbare Leid. Wir trauern um Millionen Menschen - in dem Wissen: Mit jedem erloschenen Leben stirbt eine Welt."
Fehrs fordert, Hüter der Namen der Ermordeten und der Geschichten zu sein, "die die Menschlichkeit bewahrten". Vielleicht sei auch dies eine Form des Widerstands: hinzusehen, zuzuhören und nicht abzustumpfen.
"Judenhass trägt viele Masken"
Judenhass und Menschenverachtung tragen laut Fehrs heute "alte, aber auch andere Masken, rufen alte und neue Parolen, nutzen andere Plattformen. In all dem arbeiten sie noch immer mit denselben Mitteln: Entmenschlichung, Abwertung und Ausgrenzung." Gott jedoch sage: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Er meine damit ausnahmslos jeden Menschen. Für sie sei das Trost und Auftrag zugleich, damit Leben geschützt werde.
Die EKD-Ratsvorsitzende wird am 27. Januar um 18 Uhr in einer Andacht zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der St. Annen-Kirche in Berlin-Dahlem (Königin-Luise-Straße 55) predigen. In der Andacht werden zudem Texte über Filmschaffende und Regisseure gelesen, die, von der Vernichtung bedroht, Deutschland verließen.
Erinnerung, die verpflichtet
"Im Gedenken an den Holocaust begegnen wir Menschen – ihren Namen, Gesichtern, Geschichten und ihren zerstörten Lebenswegen", betont die Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), Kristina Kühnbaum-Schmidt. Das diesjährige Thema der Vereinten Nationen mache deutlich, dass die Erinnerung an den Holocaust untrennbar mit dem Einsatz für Menschenwürde und Menschenrechte verbunden sei – gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus, Hass sowie die Leugnung oder Verzerrung der Shoa weltweit wieder zunähmen. "Meine Eindrücke aus Yad Vashem wirken nach. Das Gedenken an die Shoa macht immer wieder schmerzhaft deutlich, wohin Antisemitismus, Judenhass, Entmenschlichung und Gleichgültigkeit führen können."
Der Ratsvorsitzende der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, Bischof Thomas Adomeit (Oldenburg), sagt anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar 2026: "Am 27. Januar gedenken wir der Millionen von Opfern des Holocausts und des Nationalsozialismus. Gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren werden wir weiter dem aktuell in Deutschland wieder stärker werdenden Antisemitismus in all seinen Formen entschlossen entgegentreten. Wir beziehen dabei ausdrücklich auch die Sinti und Roma ein, die ebenfalls zu den Verfolgten des Naziregimes gehört haben."
Mit zahlreichen Veranstaltungen wird am 27. Januar an die Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus erinnert. Geplant sind Gedenkstunden in Landesparlamenten sowie Gottesdienste, Namenslesungen und Kranzniederlegungen. Die traditionelle Gedenkstunde im Bundestag für die Opfer des Nationalsozialismus ist für Mittwoch geplant. In Berlin versammeln sich am Mahnmal "Gleis 17" am Bahnhof Grunewald unter anderem Vertreter der Fußballclubs Hertha BSC und 1. FC Union, um Kränze niederzulegen. An der Dresdner Kreuzkirche werden die Namen jüdischer Opfer verlesen.
Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert und auf den 27. Januar festgelegt. An diesem Tag war 1945 das Vernichtungslager Auschwitz im heutigen Polen von sowjetischen Truppen befreit worden. Die Vereinten Nationen riefen 2005 den 27. Januar als "Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust" aus. Der Holocaust-Gedenktag steht in diesem Jahr unter dem von den Vereinten Nationen ausgerufenen Leitmotiv "Holocaust Remembrance for Dignity and Human Rights" – "Holocaust-Erinnerung für Würde und Menschenrechte".


