Du bist ein Gott, der mich sieht!

Jahreslosung. Gott. Gnade.
Verschiedene vektographisch gestaltete Augenpaare

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Du bist ein Gott, der mich sieht!
"Der liebe Gott sieht alles!" - das kann ganz schön unangenehm sein, oder?` Warum die Jahreslosung 2023 trotzdem ein Mutmach-Wort ist.

"Der liebe Gott sieht alles", so pflegte meine Großmutter häufig zu sagen. Das war keineswegs als tröstende Zusage gemeint, sondern als Warnung an uns Kinder, "schön artig" zu sein. Und jetzt also diese Jahreslosung: "Du bist ein Gott, der mich sieht!" (1. Mose 16,13)

Muss Gott immer jede, jeden und alles sehen? Ich erinnere mich an Diskussionen mit Freunden während des Studiums - es ging um die Frage der Selbstbefriedigung. Anfang der 80er Jahre war das in den sogenannten "frommen" Kreisen noch ein Tabu. Die Studienkollegen taten es als junge Männer Anfang 20 natürlich trotzdem - vielleicht sieht es Gott ja nicht.

In den Jahren des Coming Outs stellte sich mir dann selbst immer wieder die Frage: Sieht Gott, was mit meiner Sexualität los ist? Kann ich Gott meine Gefühle sehen lassen? Oder wäre es besser, wenn Gott mich nicht sieht mit all meiner Lust zum selben Geschlecht?

Gott hat mich gesehen - und mir die Menschen geschickt, die ich gebraucht habe, um offen und selbstbewusst als schwuler Mann und Christ leben zu können. Und damit bin ich nun mitten drin in der Jahreslosung für das Jahr 2023.

"Du bist ein Gott, der mich sieht", dieser Satz stammt von Hager, der Sklavin Abrahams und Saras. Nachzulesen ist die Geschichte im 1. Buch Mose im 16. Kapitel. Abraham heißt dort noch Abram und Sara Sarai, weil sie noch nicht zu den Stammeltern des Gottesvolkes geworden sind. Das ist auch ihr Problem, denn Sarai kann keine Kinder bekommen. Sarai selber kommt auf die Idee, dass ihre ägyptische Slavin, Hager, doch quasi als Leihmutter dienen könne. Abram solle mit ihr schlafen, der Sohn würde dann ja als legitimer Nachkomme gelten. Was Hagar von dieser Idee hielt, ist nicht überliefert...

Im Laufe der Schwangerschaft scheint Hagar allerdings bewusst zu werden, dass sie nun eine wichtige Rolle für den Fortbestand der Familie Abrams spielt (oder hat Abram über den Zeugungsakt eine Hinneigung zu Hagar entwickelt?). Sarai jedenfalls hat den Eindruck, dass ihre Sklavin nicht mehr so unterwürfig ist, wie sich das gehört, und holt sich von Abram die Erlaubnis, Hagar "zu demütigen". Hagar hält diese Behandlung nicht aus und flieht in die Wüste.

Schutzlos wandert die schwangere Hagar durch die Wüste, findet schließlich eine Oase, an der sie zur Ruhe kommt. Dort begegnet ihr der Engel Gottes und verspricht ihr eine große Nachkommenschaft, wenn sie wieder zu Sarai und Abram zurückkehrt. Offenbar ist diese Verheißung stark genug, Hagar Mut zu machen, auch die zukünftigen Demütigungen durch Sarai zu ertragen. Vielleicht merkt sie aber in diesem Moment auch nur, dass es keine bessere Perspektive für sie und ihr ungeborenes Kind gibt. Dieses, so sagt ihr der Engel noch, soll sie Ismael nennen, weil Gott ihr Elend gesehen habe. Und hier nun antwortet Hagar: "Du bist ein Gott, der mich sieht!" Und da man ihre Geschichte tatsächlich weiter erzählt hat, heißt auch der Ort, an dem sie sich zugetragen hat "Brunnen des Lebendigen, der mich sieht" (1. Mose 16,14).

Es ist eigentlich erst einmal keine Happy-End-Geschichte, die da von Hagar erzählt wird, denn sicher wird Sarai sie nach ihrer Rückkehr auch nicht viel besser behandelt haben als vorher. Aber sie geht zurück als von Gott angesehene Frau - ein Privileg, denn an anderen Stellen des ersten Testaments ist immer wieder davon die Rede, dass Menschen das Angesicht Gottes nicht sehen können (1. Mose 32,31, 1, Kön 19,13 u.ö.). Hagar, die Sklavin, Hagar, der Flüchtling, wird von Gott angesehen. Bertold Brecht dichtet in der Dreigroschenoper "Denn die einen sind im Dunkeln und die anderen sind im Licht. Und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht." Bei Gott ist das umgekehrt: Gott sieht die im Dunkeln - die Sklavin in der Wüste, die Tagelöhner am Rande der Gesellschaft und ja, auch die mit ihrem Coming Out ringende Person im closet.

Es ist ein liebevoller Blick, mit denen Gott auf die im Dunkeln schaut - und auf eine:n jede:n von uns. Nicht der Gott des moralischen Zeigefingers, der aus den Worten meiner Großmutter sprach. Vielmehr der Gott, der Lebensperspektiven eröffnen will. Der Gott, der sagt: "Ich sehe dich - mit all' deiner Zerrissenheit, mit all deiner Unsicherheit, mit all deinen negativen Erfahrungen. Ich sehe dich - und ich sehe dich an, ich sehe die Potenziale in dir, schau du nun auf mich und fasse die Wege des Lebens ins Auge!"

Wir wissen nicht, was Hagar mit Sarai noch alles durchmachen musste. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich in schwierigen Momenten an die Begegnung in der Wüste errinnert hat - und Gott mit ihrer Not konfrontiert hat: "Gott, schau dir an, was sie jetzt schon wieder mit mir gemacht hat!" Und vielleicht hat Gott zu ihr geflüstert: "Ja, ich sehe dich - und ich halte dich, ich bin bei dir auf deinem Weg!" Gottes Versprechen jedenfalls hat sich erfüllt: Aus Ismael ist ein großes Volk geworden - er gilt als Stammvater vieler Muslime, nach Sure 2,127 ist er zusammen mit seinem Vater Abraham der Erbauer der Kaaba in Mekka.

Gott sieht mich - mit allen positiven und negativen Seiten, die ich habe. Ja, manchmal empfinde ich das immer noch als verstörend, aber meistens als große Befreiung: Vor Gott brauche ich mich nicht zu verstecken - Gott sieht mich ja eh und sieht mich gnädig an. Und manchmal sagt Gott auch: "Ja, ich hab's gesehen - hat das jetzt so sein müssen?" Aber das ist dieses Augenzwinkern dabei, das mir signalisiert: "Komm, das war jetzt nicht gut, aber ich bin bei dir - das nächste Mal machst du das anders. Und wenn du jemanden dadurch verletzt hast, dann entschuldigst du dich jetzt. Ich sehe dich ja, ich bin bei dir!"

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