Kardinal Marx feiert 20 Jahre Queer-Gottesdienst in München

Ein erster Schritt zur Versöhung: Kardinal Reinhard Marx zelebriert 20 Jahre Queer-Gottesdienst in Münchne.
20 Jahre Queer-Gottesdienst München

QueerGemeinde München/Sven Langenbuch

Kardinal Marx feiert 20 Jahre Queer-Gottesdienst in München
"Unendlich dankbar", so war die Reaktion der meisten Besucher:innen auf die Anwesenheit von Kardinal Reinhard Marx beim 20. Jubiläum des Münchner Queergottesdienstes. Nicht nur ein römisch-katholischer Freiraum...

Der 13. März 2022 war ein großer Tag für die Münchner Queer-Gemeinde: Zum 20. Geburtstag des Queergottesdienstes war Kardinal Marx höchstpersönlich in die St.-Pauls-Kirche an der Theresienwiese gekommen, um den Jubiläumsgottesdienst zu zelebrieren.

In seiner Predigt bekannte er ausdrücklich, dass die römisch-katholische Kirche in der Vergangenheit im Umgang mit queeren Menschen Schuld auf sich geladen habe. Manche hatten gehofft, der Kardinal würde die Gelegenheit nutzen, um Änderungen im kirchlichen Arbeitsrecht zu verkünden. Nach wie vor kann eine offen gelebte gleichgeschlechtliche Partnerschaft ja in allen Bereichen der römisch-katholischen Kirche zu einer Kündigung führen - auch wenn in vielen Bistümern offenbar eine "don't ask, don't tell" - Politik praktiziert wird. Diese frohe Botschaft hatte Marx allerdings nicht im Gepäck. Deutlich wurde er in seiner Predigt jedoch, als er über die Vielfalt von Beziehungsformen sprach: Jede Partnerschaft, die vom Primat der Liebe geprägt sei, verdiene es, unter den Segen Gottes gestellt zu werden.

Beim anschließenden Empfang war ein offensichtlich gut gelaunter Kardinal ohne jegliche Berührungsängste zu erleben. Dieses ungezwungene Miteinander und die offenen Worte in der Predigt wurden von vielen Anwesenden als wichtiger Schritt zu mehr Vielfalt in der römisch-katholischen Kirche verstanden.

Die Anwesenheit von Kardinal Marx war für das Jubiläum des Münchner Queergottesdienstes deshalb von so großer Bedeutung, weil die Queergemeinde München sich als explizit römisch-katholische Gemeinde versteht. Anders als in manch anderen Städten war diese klare konfessionelle Ausrichtung ein wichtiges Anliegen der Gründungsmitglieder vor 20 Jahren. Ich selber hatte einige Jahre zuvor bereits den - ökumenisch ausgerichteten - Queergottesdienst in Nürnberg mit begründet und erinnere mich gut an die Diskussionen, die ich mit dem Münchner Gründungsteam geführt habe: "Wir wollen der Amtskirche keinen Anlass geben, das Projekt zu diskreditieren nur weil wir liturgisch etwas machen, das nicht der offiziellen Liturgie entspricht.", war eines der wichtigen Argumente für die Ausprägung als queer-katholischer Gottesdienst. Etliche der Gründungsmitglieder waren selbst Mitarbeitende im pastoralen oder pädagogischen Dienst des Erzbistums und hatten im Vorfeld in Hintergrundgesprächen die Akzeptanz für das Projekt durch die Bistumsleitung ausgelotet. Einer der Weihbischöfe habe damals gesagt, so erinnert sich Gerhard Wachinger, "Arbeiten Sie als Maulwurf, aber machen Sie keine Hügel!" Mit seinem Vorsitz im Festgottesdienst hat der Kardinal nun einen deutlich sichtbaren Hügel aufgeworfen!

"Ausgegrenzt zu sein in der Kirche", so sagt Michael Brinkschröder, einer der Mitbegründer, "war für viele von uns eine schmerzliche Erfahrung. Und so ging es darum, diese Verletzungen miteinander zu teilen, sharing of brokenness haben wir es genannt. Durch den queerGottesdienst konnte viel von diesem Zerrissensein heilen, weil zusammenwachsen darf, was zusammengehört: Sexualität und Spiritualität, Liebe und Glaube, Körper und Seele. Das haben wir nicht gefordert, das haben wir selbst umgesetzt."

Queergottesdienste - egal ob konfessionell oder ökumenisch ausgerichtet - sind ein Ort, an dem Queers in ihrer Vielfalt offen vor Gott treten können. "Vor zehn Jahren hätten wir uns noch nicht getraut, händchenhaltend aus dem Gottesdienst zu gehen.", sagen David und Sven Langenbuch, die seit vielen Jahren zur Münchner Queergemeinde gehören. Der Queergottesdienst, das betont auch Gerhard Wachinger, bis heute einer der Organisatoren der Gottesdienste, sei ein Ort von "Kirche ohne Angst". Auch in evangelischen Gemeinden gibt es wohl viele Queers, die Händchenhalten im "normalen" Gottesdienst nicht so einfach wagen. Queergottesdienste sind und bleiben daher wichtige Freiräume, um die eigene Beziehung zum Gott des Lebens und der Liebe zu stärken, stimmige Formen queerer Spiritualität zu entwickeln und einfach alles, was uns Queers bewegt, vor Gott aussprechen zu können.

 

Weblinks:

Eine Übersicht über Queergottesdienste in Deutschland und der Schweiz: www.queergottesdienst.de oder www.lsgg.org

Die Webseite der Münchner Queergemeinde (dort auch ein ausführlicher Videomitschnitt der Predigt von Kardinal Marx): www.queergd.de

Ein Kurzbericht über den Jubiläumsgottesdienst im BR: https://www.br.de/mediathek/video/muenchen-kardinal-marx-leitet-queer-gottesdienst-av:62306ecdf1171600080fdd04

Und ein Hintergrundbericht in der Süddeutschen Zeitung: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-katholische-kirche-queer-gottesdienst-kardinal-reinhard-marx-1.5545905

 

 

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