Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen

Jahreslosung 2022

Matthias Albrecht

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen
"Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen". Diese Worte Jesu sind eine ermutigende und zugleich befreiende Botschaft, auch für Menschen, die Ablehnung wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts erfahren.

Was sage ich? Und was sage ich besser nicht? Haben Sie sich das auch schon mal im Vorfeld eines Bewerbungsgespräches gefragt? In unzähligen Ratgebern, Trainings sowie Online- Tutorials suchen Menschen hierauf Antworten. Wir wollen uns möglichst gut verkaufen. Uns mit unseren Fähigkeiten, Kompetenzen, Interessen und Motivationen in ein gutes Licht stellen. Gelingt uns das und wir bekommen trotzdem eine Absage, dann stellen wir uns häufig die Frage: Warum? Was hat gefehlt? Was hätten wir noch besser machen sollen? So eine Absage kann schmerzhaft sein. Denn oft geht es dabei um mehr als eine nicht bekommene Arbeitsstelle. Du hast uns nicht genug zu bieten, klingt der Subtext der Absage in uns nach. Das verletzt. Und solche Erfahrungen sind nicht nur auf den beruflichen Bereich beschränkt. Viele versuchen ihr Glück in Online-Partner:innenbörsen und müssen auch dort erleben, dass das was sie in den Augen der anderen zu bieten haben, als nicht ausreichend beurteilt wird. Sicherlich nicht nur dort, aber auch auf schwulen Dating-Apps bekommen Personen zu spüren, dass sie wegen ihrer körperlichen Beschaffenheit keine Chance haben mit anderen einen ersten Kontakt herzustellen, geschweige denn ein Gegenüber besser kennenzulernen. Falsche Hautfarbe, falsches Gewicht, falsche Größe, lauten einige Kriterien, die dort von Menschen aufgestellt und für andere zu unüberwindbaren Hürden werden. Diese Art der Ablehnung tut noch einmal auf eine ganz besondere Art weh. Während sich fehlende Qualifikationen auf Grund von mangelndem Wissen ja eventuell noch nachholen lassen, ist der eigene Körper in vielerlei Hinsicht kaum änderbar. Mit unserer Physis sind wir unser irdisches Leben lang untrennbar verbunden und deshalb Ablehnung zu erleben ist daher wohl eine der Erfahrungen, die uns persönlich am tiefsten trifft. Christliche Gemeinden sind ebenfalls Orte, an denen Menschen so etwas zugefügt wird. Alle sind willkommen werben viele Kirchen. Doch wenn du eine:n Partner:in des gleichen Geschlechts liebst, dann wird diese Zusage oft ganz schnell zurückgenommen, sei es in Bezug auf Mitgliedschaft, Mitarbeit oder Trauung. Es geht aber auch subtiler: Du darfst zwar kommen, alle Rechte in Anspruch nehmen, doch so richtig einsetzen will sich die Gemeinde dann doch nicht für dich, wenn du diskriminiert wirst, das kommt in Form von Halbherzigkeiten, Ignoranz, sowie kleinen Kommentaren, Gesten und Blicken zum Ausdruck. Homosexualität reicht dort nicht aus, um ein vollwertiges Gemeindeglied sein zu können. Die Liste der Beispiele ließe sich noch lange fortsetzen. Wir wollen in Kontakt treten. Mit Personen, Gruppen oder Institutionen. Doch dieser Kontaktversuch unsererseits wird abgelehnt mit dem Verweis auf vermeintliche Defizite. Das ist eine universelle menschliche Erfahrung.

"Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen" (Johannes 6,37). Mit dieser Zusage setzt Jesus Christus einen Kontrapunkt. Für Jesus zählen keine Qualifikationen, Kompetenzen, Tätigkeiten oder Titel. Auch unser Aussehen, Alter, Geschlecht oder die sexuelle Orientierung ist für ihn irrelevant. Der Heiland will nur eines, dass wir zu ihm kommen. Das genügt ihm. Wenn wir mit ihm in Beziehung treten, dann wird er uns nicht abweisen. Das hat er immer wieder bewiesen. Menschen, die die Gesellschaft ausgrenzte, weil sie unter Krankheit (Markus 1, 40-45) oder Behinderung litten (Lukas 5,17-26), weil sie geschieden waren (Johannes 4,6-15) oder weil sie aus dem Ausland kamen (Matthäus 15, 21-38), sind von Jesus nicht weggeschickt worden, als sie sich an ihn wandten. "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen". Eine radikale Zusage. Radikal befreiend. Jesus ermöglicht es, uns aus dem Hamsterrad der Selbstoptimierung, dessen Antrieb Ängste sind, nicht zu genügen, auszusteigen.

Es kann tatsächlich sein, dass wir den Traumjob nicht bekommen, keine:n Partner:in fürs Leben finden und uns die Gemeinde, in der wir leben, nicht so akzeptiert wie wir sind. Den Ansprüchen sowie den auf ihnen gegründeten Ablehnungen der anderen, denen können wir uns häufig nicht oder nur bedingt entziehen. Doch wenn wir Jesus radikaler Botschaft vertrauen, dann verschieben sich die Wertigkeiten für uns. Vielleicht kann ich nicht für die Firma X arbeiten oder bei Gemeinde Y Mitglied sein, aber welche Bedeutung hat das noch, wenn wir zu Christus gehören? Der Heiland der Welt nimmt uns so an wie wir sind, mehr Annahme ist nicht möglich. Heißt das nun, dass wir ein eremitisches Leben führen sollen, in dem uns Beziehungen, Arbeit oder ob wir Diskriminierung erleben, egal sind? Wir ganz allein mit Christus, Menschen spielen keine Rolle mehr? Ich habe hohen Respekt für Eremit:innen, glaube aber, dass nicht jede:r, ja wahrscheinlich die Meisten nicht dazu berufen sind. Partner:innenschaften, Freundschaften, Arbeit, Gemeinde, das sind wichtige Orte der Beziehung zu unseren Nächsten. Jesu Zusage gibt Freiheit, diese Beziehungen zu gestalten. Wenn die Geschwister nicht damit umgehen können, dass wir eine:n Partner:in des gleichen Geschlechts lieben, dann dürfen wir uns bei Jesus angenommen wissen. Wir müssen uns darum nicht verbiegen, sondern können selbstbewusst für unsere gottgegebene und daher unveräußerliche Würde einstehen. Sollte das nicht gelingen, haben wir sogar die Freiheit die Gemeinschaft, die uns nicht gut tut zu verlassen. Die Gemeinde, zu der wir kommen wollen, mag uns abweisen, Christus nicht. Egal wo wir hingehen, er wird bei uns sein.

Das Heil ist Jesus Christus. Und das Heil liegt bei ihm. Keine Kirche, keine Gemeinde, kein Mensch kann uns dieses Heil geben oder nehmen. Wenn wir zu Jesus kommen, dann ist uns das Heil gewiss. Auf Erden und im Himmel. Unsere Zukunft ist gesichert. Wir können bei Jesus bleiben in alle Ewigkeit. Erst wenn wir uns dessen gewahr sind, sind wir frei.

Welche Konsequenzen hat diese Freiheit für unser Leben? Zu allererst sollten wir uns immer wieder darauf besinnen, dass Jesus Christus allein das Zentrum unseres Glaubens ist. Wenn wir Sehnsucht nach Christus verspüren, dann haben wir einige Handlungsmöglichkeiten. Die wichtigste unter ihnen ist das Gebet, die persönliche Zwiesprache mit unserem Herrn. Darüber hinaus können wir die Bibel, in der seine Taten und Worte bezeugt sind, lesen, in den Gottesdienst gehen und ihn preisen, mit anderen Menschen über Jesus sprechen und sein Wirken in unserem persönlichen Leben nachspüren. Das alles können wundervolle, heilende Dinge sein, die unseren Glauben stets aufs Neue befruchten. Wichtig ist jedoch, dass sie nicht zu frömmelnden Verrenkungen werden. Wir brauchen nichts aus der Angst heraus tun, dass wir nicht gläubig genug sind. Noch einmal: Der Heiland hat uns schon errettet, dafür braucht es kein Zutun unsererseits mehr. Wenn wir über unser Tun und Lassen nachdenken, dann sollten diese Gedanken stattdessen von der Frage geleitet werden, auf welches Verhalten wir verzichten können, weil wir es nur vollführen, um anderen zu gefallen, aber es uns und dem Gegenüber nicht zum Guten dient. Daraus werden sich Freiräume ergeben. Freiräume um anderen Menschen, die ebenfalls unter Ablehnung leiden zu trösten und ihnen von der bedingungslosen Liebe Jesu zu erzählen.

Ich wünsche uns allen, dass wir in diesem kommenden Jahr 2022 spüren dürfen, dass Jesus unter uns wirkt, dass seine Zusage bereits Wirklichkeit geworden ist und er uns nicht abweist, sondern längst angenommen hat.

AMEN

 

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