Queer Refugees - ihr Kampf um Menschenwürde

Bewohner*innen des Flüchtlingslagers Moria auf der Flucht vor den Flammen.

© Petros Giannakouris/AP/dpa

Queer Refugees - ihr Kampf um Menschenwürde
Durch das Feuer im Flüchtlingslager Moria steht Flüchtlingspolitik wieder ganz oben auf der europäischen Agenda. Doch wie (er-)geht es eigentlich geflüchteten Queers?

Eine "Katastrophe mit Ansage" nennt Entwicklungshilfeminister Gert Müller den Brand, der vor einer Woche das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos in Schutt und Asche legte und rund 12.000 Menschen (erneut) obdachlos machte (Weblink zum Interview). Mit dem Feuer ist das Thema "Flüchtlingspolitik" plötzlich wieder ganz nach oben gerückt auf der politischen Agenda - in Europa, aber auch in Deutschland.

Führende Vertreter*innen aller Kirchen haben bereits am Tag nach der Katastrophe eindringlich dafür plädiert, dass es nun vor allem darum gehen müsse, denen, die jeglichen Schutz verloren haben, Zuflucht zu bieten (Weblink zur epd-Meldung). Gestern, keine Woche nach dem Großbrand, spricht die Süddeutsche Zeitung freilich bereits von der "Katastrophe nach der Katastrophe" (Weblink zur SZ): Keine Regierung in Europa wolle für die mittellosen Menschen wirklich Verantwortung übernehmen.

"Katastrophen nach der Katastrophe" erleben seit Jahren viele queere Flüchtlinge: In ihren Herkunftsländern steht Homosexualität oft unter Strafe oder könnte sogar ein Todesurteil nach sich ziehen. Doch wer sich dieser Katastrophe durch Flucht entzieht, ist schnell mit neuen Anfeindungen und Herausforderungen konfrontiert: Das Umfeld im Flüchtlingslager ist oft nicht weniger homophob als die Gesellschaft in den Herkunftsländer, und Queer-Sein an sich ist kein Asylgrund, Geflüchtete müssen bei ihrer Anhörung glaubhaft machen, dass ihnen Gefahr für Leib und Leben drohte.

"Wir dachten, in Deutschland wird alles gut.", sagt Emrah aus Turkmenistan, der seinen Freund auf der Flucht kennengelernt hat. Doch beide wurden auf Erstaufnahmeeinrichtungen in unterschiedlichen Regionen verteilt, ein Treffen war dann nicht mehr möglich. "Ich fragte, ob ich in die Stadt meines Partners geschickt werden könnte, aber sie antworteten nur, dass ich mir meinen Aufenthaltsort nicht aussuchen darf.Schließlich schickten sie mich nach Karlsruhe. Ich kam dort an und fand keinen Ort, einfach nichts, was für mich als queere Person ansprechend gewesen wäre. Ich habe drei Stunden lang geweint. Als ich dort war, wusste ich noch nichts von Berlin und fing an zu glauben, dass die Situation für queere Leute überall die gleiche ist. Vier Nächte lang habe ich nicht geschlafen. Später haben sie beschlossen, mich nach Berlin zu schicken."

Viele sind auch schockiert, wenn sie erleben, dass sie als Queers in Deutschland ähnlicher Diskriminierung wie in ihren Herkunftsländern ausgesetzt sein können: "Als ich hier ankam, war ich flexibler oder unkonventioneller in der Art und Weise, wie ich mich kleidete und meine Haare trug.", berichtet ein Mann aus dem arabischen Raum. "Das machte mich zur Zielscheibe. Einmal wurde ich in der S-Bahn von einem Nazi-Typ angegriffen, der homophob war. Er hat mir einen Hieb verpasst, mich geschlagen, gedroht, mich umzubringen, mich Schwuchtel und noch alles Mögliche genannt.Dieses Erlebnis hat meine ganze Einstellung verändert. Es war sehr traumatisierend und hat suizidale Gedanken bei mir hervorgerufen. Bei mir zu Hause hatte ich schon Schlimmeres erlebt, aber hier hoffte ich auf Schutz vor Angriffen. Ich brauchte vier oder fünf Monate, um damit fertig zu werden. Es hat mich sehr verletzt, und noch mehr getroffen hat mich die Erfahrung, dass mich niemand verteidigt hat. Alle haben woanders hingeschaut, als ob nichts wäre."

Angstgefühle, die viele aufgrund ihrer Biographie mitbringen, werden so verstärkt, führen dazu, dass geflüchtete Queers auch bei uns in Deutschland (wieder) Angst haben, offen zu leben. Eine junge Frau aus Afghanistan erzählt: "Ich hatte meine Angst so sehr verinnerlicht, dass ich mich in der ersten Zeit hier in Deutschland nicht geoutet habe. Ich war noch nicht zuversichtlich, dass dieses Land ein sicherer Ort für mich sei und ich hier frei, so wie ich will, leben könne. Ich hatte Angst, dass ich wieder fliehen muss. Aber allmählich verlor ich meine Angst und ich wurde selbstbewusster. Jetzt weiß meine Vormundin Bescheid. Ich habe eine Freundin, die ich sehr liebe. Ich habe Queer-Freund_innen und kenne Organisationen, die sich für die Rechte von LGBT-Menschen einsetzen, und ich weiß, dass ich sogar hier das Recht auf Ehe habe. All das war mal wie ein Traum für mich." Auch ihr Verhältnis zur Religion hat sich verändert: "Man hat uns von der Religion nur etwas ins Ohr geflüstert. Alles, was wir taten, taten wir heimlich. Durch diese Erziehung hatte ich jahrelang Scham- und Schuldgefühle und dachte, dass ich einen großen Fehler begehe. Aber glücklicherweise habe ich zurzeit, wie ich schon sagte, abgesehen von meiner inneren Unruhe und der äußeren Angst vor meinem Umfeld kein schlechtes Gefühl zu mir selbst. Mir ist bewusst, dass viele so sind wie ich." (Alle Zitate aus LesMigraS: 10 Portraits)

Die Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, dass queere geflüchtete Menschen Orte finden, an denen sie anderen Queers begegnen und Menschen finden, die sie in queer-sensibler Weise dabei unterstützen, ihren Weg in unsere Gesellschaft zu finden. Dazu haben sich aus der queeren Szene, aber auch seitens anderer gesellschaftlicher Akteur*innen, in ganz Deutschland eine ganze Reihe von Initiativen gegründet, die psycho-soziale Beratung leisten, Raum zur Begegnung bieten und geflüchtete LSBTI-Personen während des Asylverfahrens begleiten. Immer mehr geflüchtete Queers werden selbst Teil dieser Initiativen oder bilden erste eigene Strukturen der Geflüchteten-Selbsthilfe. Der LSVD - Lesben- und Schwulenverband Deutschland leistet die Vernetzung der unterschiedlichen Initiativen. Mehr dazu: www.queer-refugees.de

 

weitere Blogs

Von Zeit zu Zeit die Welt beobachten. Und ihre Abschiede.
Die Corona-Pandemie macht auch beim Abendmahl erfinderisch.
Inspekteure der italienischen Küstenwache ("Guardia Costeria") haben eine "Porte State Control", eine Art technische Inspektion, auf der "Sea-Watch 4 durchgeführt.
Nach einer elfstündigen Inspektion des Rettungsschiffes fanden die italienischen Kontrolleure nach ihrer Ansicht 22 Mängel, die vor einem neuen Auslaufen der "Sea-Watch 4" behoben werden müssen. Die Festsetzung ist keine Überraschung für die Crew, schildert Constanze Broelemann aus Palermo. Die Behörden hätten schon in der Vergangenheit die Praxis der expliziten Fehlersuche gewählt, um Schiffe von Nichtregierungsorganisationen (NGO) an die Kette zu legen.