Natürlich geht es auch in diesem Krimi um die Aufklärung eines Verbrechens, schließlich ist Mord in der Provinz das wesentliche Merkmal von "Nord bei Nordwest", selbst wenn die wechselseitigen Beziehungen zwischen den drei Hauptfiguren nicht minder wichtig ist.
Zentrales Motiv der Geschichte ist jedoch eine Frage: Was ist Glück? Die Antworten der Beteiligten fallen gänzlich unterschiedlich aus, doch der eigentliche Reiz von "Pechmarie" ist die Ergänzung der Krimi-Ebene um besinnliche Momente: Vordergründig suchen Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann) und seine Kollegin Hannah Wagner (Jana Klinge) nach einer Tasche mit 250.000 Euro, wobei ihnen ausgerechnet ein Duo von der Kripo Kiel immer wieder in die Quere kommt, aber die Gespräche enthalten eine Menge Denkanstöße.
Zu dieser Stimmung passt auch die über weite Strecken sehr entspannte Inszenierung; Nervenkitzel kommt erst gegen Ende auf, als Marie Hansen, die von Anne Zander sehr eindrücklich verkörperte Titelfigur, in Lebensgefahr gerät.
Der Film, es ist bereits Episode Nummer 28, beginnt gemächlich mit der Einführung der Gastfiguren: Ein Mann ist mit der Fähre unterwegs, ein anderer kreuzt das Schiff mit seinem Boot und fischt einen Behälter aus dem Wasser, Marie beobachtet Jacobs beim Strandspaziergang, ein mutmaßlicher Polizist belauscht ein Pärchen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Parallel dazu absolvieren Jule Christiansen (Marleen Lohse), Jacobs’ Partnerin in der Tierarztpraxis, und der Bestatter Töteberg (Stephan A. Tölle) einen Rettungssanitätskurs. Zu Einsätzen, verkündet der Ausbilder allzu vollmundig, werde es, wenn überhaupt, nur selten kommen. Ein frommer Wunsch, wie sich umgehend zeigt: Pensionsbesitzerin Pufal (Victoria Fleer) entdeckt beim der Fahrt in den Urlaub auf einem Waldparkplatz drei leblose Personen, die sich offenbar gegenseitig erschossen haben. Ein vierter Beteiligter, Maries Bruder Moritz, hat knapp überlebt und sich zu dem Haus geschleppt, in dem die Geschwister leben. Mit letzter Kraft zeichnet er ein Symbol in den Sand, dann stirbt auch er.
Mit der "Pechmarie" hat Reihenschöpfer Holger Karsten Schmidt eine sehr besondere Figur geschaffen. Er wollte vom Schicksal einer Frau erzählen, "die vom Leben nicht beschenkt worden ist." Die Formulierung ist allerdings viel zu harmlos für all’ die tragischen Ereignisse, die sich regelmäßig Maries Umgebung ereignen: Als ob ein Fluch auf ihr läge, sind sämtliche geliebten Menschen auf die eine oder andere Weise gestorben. Sie selbst ist gehörlos, seit sie als Kind von einem Blitz getroffen wurde.
Natürlich nutzen der mehrfache Grimme-Preisträger und Regisseurin Joana Vogdt die Beeinträchtigung für einige Spannungsmomente, wenn wieder mal jemand durchs Haus schleicht: Mal nimmt Marie einen fremden Geruch wahr, mal merkt sie anhand einer flackernden Kerze, dass was nicht stimmt. Sehr realitätsnah schildert der Film auch die Kommunikation mit Marie. Dass Anne Zander selbst gehörlos ist, trägt natürlich enorm zur Authentizität der Szenen bei; wenn der Krimi in ihre Perspektive wechselt, wird er zum Stummfilm.
Die Krimiebene wird auf diese Weise fast nebensächlich: Die beiden Männer aus der Einführung waren an einem Drogenschmuggel behandelt, aber das Unternehmen ist wie immer, wenn Amateure aufs große Geld hoffen, gründlich schiefgegangen. Der männliche Teil des Pärchens, dass das Kokain kaufen wollte, war ein verdeckter Ermittler. Mit dem unterschlagenden Geld wollte Moritz einen fälligen Kredit abbezahlen, ansonsten stünden die Geschwister demnächst auf der Straße, und Marie hätte ihrem Spitznamen wieder mal alle Ehre gemacht. Dass es dazu selbstredend nicht kommt, hat viel mit dem heimlichen Thema des Films zu tun.
Glück, sagt Hannah Wagner, sei für sie die Abwesenheit von Unglück, denn nur wer Unglück erlebt habe, wisse das Glück zu schätzen. Für Jule Christiansen bedeutet Glück geliebt zu werden, und wer die Reihe kennt, weiß auch, an wen sie bei ihrer entsprechenden Erklärung in Gebärdensprache denkt. Tatsächlich kommt es sogar zu einem Kuss mit Jacobs, allerdings nur zwecks Tarnung, wie beide wiederholt bekräftigen. Immerhin sind sie ab sofort per Du.
Bei Joana Vogdt ist der Stoff offenkundig in guten Händen. Ihr Regiedebüt war "Ostsee für Sturköppe" (2024), ein Freitagsfilm im "Ersten". Die anfangs harmlos-heitere, dann jedoch zunehmend ernste und überaus ansprechend gespielte Tragikomödie handelte von einer Tischlerin aus Hamburg, die von einer Werkstatt mit Meerblick träumt. Dass die Regisseurin auch Krimi kann, beweist sie spätestens mit dem Finale, für das sich Schmidt eine grimmige Pointe ausgedacht hat. Im Epilog geht es dann wieder ums zentrale Thema: Manchmal ist Glück Gerechtigkeit.


